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Die Geschichte der Russlanddeutschen


15.3.2005
Die Migration deutscher Siedler nach Russland begann vor fast 350 Jahren. Seitdem haben die Deutschen und ihre Nachkommen eine wechselvolle Geschichte durchlebt, die von gelungener Integration in die Gesellschaft des späten Zarenreiches bis zur Deportation und Zwangsarbeit als Folge des Zweiten Weltkriegs reicht.

Ausländische Siedler für die Wolgagebiete



Juliana D., geboren in der ehemaligen Sowietunion, lebt seit 1997 in Deutschland.Juliana D., geboren in der ehemaligen Sowietunion, lebt seit 1997 in Deutschland. (© Susanne Tessa Müller)
Im 18. Jahrhundert waren große Teile des russischen Reiches noch unbesiedelt, obwohl sie sich gut für die Landwirtschaft eigneten und nach Ansicht der russischen Zaren auch erschlossen werden sollten. Die Ansiedlung der ersten Kolonisten begann mit dem Amtsantritt der Zarin Katharina II. 1762 erließ sie ein Manifest, in dem sie alle Ausländer einlud, sich innerhalb der Grenzen des riesigen Zarenreiches niederzulassen. Diese Einladungsschrift, der in den Jahren danach weitere folgten, wurde an den verschiedenen Höfen Nord- und Mitteleuropas verbreitet. Sie bot Auswanderungsinteressierten eine Reihe von Privilegien als Anreiz. Dazu gehörten das Recht auf freie Religionsausübung, Befreiung vom Militär- und Zivildienst, befristete Steuerfreiheit, regionale Selbstverwaltung und Reisegeld. Zudem stellte man günstige Kredite für den Hausbau und die Anschaffung von Vieh in Aussicht. Da es allerdings im Hauptinteresse Russlands lag, die siedlungsarmen Gebiete an der Wolga landwirtschaftlich zu kolonisieren, wurde die zunächst unbeschränkt ausgesprochene Einladung durch indirekte Steuerungsmaßnahmen auf diese Gebiete gelenkt. Außerdem sprach man hauptsächlich die Zielgruppe der Bauern an. Die Resonanz blieb erst einmal gering.

Anwerbung durch "Lokatoren"

Erst durch den Einsatz von privaten Maklern, sog. Lokatoren, die im Dienste der russischen Regierung standen und für jede zur Auswanderung überredete Familie eine Prämie erhielten, erhöhte sich die Zahl der Siedler deutlich. Hauptsächlich in den vom Siebenjährigen Krieg am meisten betroffenen Provinzen in Nordbayern, Baden und Hessen entstand ein überaus starkes Echo auf die Verheißungen der Lokatoren. Einige deutsche Fürsten sahen sich sogar dazu gezwungen, Auswanderungsverbote zu erlassen, da sie einen größeren Exodus befürchteten. Die deutsche Siedlungsbewegung war damit ganz offensichtlich eine Folge der gezielten Werbung durch das russische Reich, denn die meisten Auswanderungsplanungen im Deutschland des 18. Jahrhunderts hatten ursprünglich die "Neue Welt" in Übersee zum Ziel.

Kein gelobtes Land

In der nun einsetzenden Auswanderungswelle bis 1767 traten fast 30.000 Menschen den Weg nach Russland an. Auf der beschwerlichen Reise per Schiff und über Land kamen viele ums Leben. Rund 25.000 Deutsche trafen an der Wolga bei Saratow ein, fanden jedoch Bedingungen vor, die mitnichten ihren Vorstellungen vom gelobten Land entsprachen. Es gab weder die günstigen Verkehrsverbindungen noch die Häuser und Baumaterialien, die ihnen versprochen worden waren. Die ersten Jahrzehnte der Siedler waren geprägt von Armut, Missernten und allgegenwärtiger Existenzangst. Wiederholt wurden die etwa 100 Siedlungen auch von nomadisierenden Kalmücken- und Kirgisenstämmen überfallen. Daneben standen die deutschen Siedler in Konkurrenz mit russischen Pionieren um die besten Acker- und Weideflächen, konnten sich aber meist nicht durchsetzen.

In den Jahren 1800-1803 wurden die Kolonisten rechtlich besser gestellt. Beispielsweise wurde die deutsche koloniale Selbstverwaltung festgeschrieben und "Statthalter des Vertrauens" eingesetzt. Diese sog. Instruktionen für die innere Verwaltung führten dazu, dass sich auch die Wirtschaft positiv entwickelte. Nach rund 40 Jahren deutscher Einwanderung hatte sich die Bevölkerung mehr als verdoppelt: Im Jahre 1815 lebten bereits über 60.000 Siedler in den Wolgakolonien.

Neue Siedlungsgebiete

Nachdem die erste Anwerbung für Russland-Kolonisten aufgrund von Überfüllung der Sammel- und Aufnahmelager schon nach wenigen Jahren eingestellt worden war, kamen in den letzten zwei Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts deutlich weniger Deutsche ins Zarenreich.

Eine erneute Wende vollzog sich allerdings, nachdem Russland in den Türkenkriegen (Friedensverträge 1774/1792) siegreich blieb und sich die Nordküste des Schwarzen Meeres sicherte. Die Nachfolger der Großen Katharina, die Zaren Paul I. (1796-1801) und Alexander I. (1801-1825), hielten an deren Einwanderungskonzept fest und siedelten auch im gewonnenen Neu-Russland Ausländer an. Dazu gehörten Rumänen, Griechen und vor allem Deutsche, unter denen sich hauptsächlich Lutheraner aus Westpreußen und Danzig sowie Katholiken und religiöse Minderheiten befanden, die dem materiellen und kirchlichen Notstand ihrer Heimat entfliehen wollten. Besonders auffällig war die Gruppe der Mennoniten. Die Mitglieder dieser laizistische Glaubensgemeinschaft wanderten zumeist aus Friesland zu und waren beim Siedlungsbau und in der Landwirtschaft außerordentlich erfolgreich

Landwirtschaft und Industrie

Zahlreiche Kolonien entstanden zwischen den Flüssen Dnjestr und Don. Auch in Bessarabien, auf der Halbinsel Krim und in der Nähe des kaukasischen Tiflis siedelten sich Deutsche an. Im Schwarzmeergebiet wurden rund 60 Hektar Land pro Bauernfamilie zugeteilt, um landwirtschaftliche Produktivkraft zu schaffen, die erstens die Eigenversorgung sichern und zweitens die umliegenden Märkte mit Erzeugnissen versorgen sollte. Neben der Landwirtschaft, die in ihrer Entwicklung häufig durch Missernten zurückgeworfen wurde, entstand in den Kolonien am Schwarzen Meer auch Industrie, da ein beträchtlicher Teil der Kolonisten vorher Handwerksberufe ausgeübt hatte. Unter anderem entstanden bedeutende Textil-, Geräte- und Maschinenfabriken.

Mitte der 1860er-Jahre - nach 100 Jahren deutscher Siedlungsgeschichte - lebten allein im Schwarzmeergebiet über 140.000 Menschen deutscher Herkunft. Im gesamten Russischen Reich zählte man etwa 900.000. Neue Siedlungsgebiete waren in der Zwischenzeit auch im sog. Kongresspolen (unter russischer Verwaltung), Wolhynien (auf dem Gebiet der heutigen Ukraine) und im Baltikum entstanden. Die Gesamtzahl der Kolonien belief sich auf über 3.000.



 
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