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Konzepte, Strategien und Tätigkeitsfelder
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Verhandlungen, Vermittlung und Beratung |  |
| Lutz Schrader |
Konfliktbearbeitung beginnt in aller Regel mit einem Gespräch zwischen den Konfliktparteien und nicht selten unter Hinzuziehung einer neutralen Drittpartei. In den vergangenen Jahren haben die Verfahren und Methoden der gesprächsbasierten Konfliktbearbeitung weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit und Professionalisierung erfahren.
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| Martti Ahtisaari, der indonesische Präsident Susilo Bambang Yudhoyono und der ehemalige Rebellenführer Malik Mahmud im August 2006 (v.l.n.r.). Der ehemalige finnische Präsident vermittelte 2005 das Friedensabkommen zwischen der indonesischen Regierung und der acehnesischen Separatistenbewegung GAM. Foto: AP |
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Gespräche und Verhandlungen sind die älteste Methode gewaltfreier Konfliktregelung. Sie sind heute mehr als je zuvor in allen Lebens- und Politikbereichen das Mittel der Wahl, um bei Meinungs- und Interessenunterschieden einen Ausgleich zu erreichen und eine gewaltsame Eskalation zu vermeiden. Verhandlungen greifen auch nach der gewaltsamen Austragung von Konflikten, um eine Überwindung der Ursachen und Folgen von Gewalt und die Möglichkeiten eines stabilen Friedens zu erzielen.
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Zur Person |
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Lutz Schrader Lutz Schrader, geb. 1953, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Frieden und Demokratie der FernUniversität in Hagen. Dort koordiniert er zwei friedenswissenschaftliche Studiengänge. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Konfliktentwicklung im westlichen Balkan, Handlungsmöglichkeiten zivilgesellschaftlicher Akteure in bewaffneten Konflikten sowie Friedens- und Konflikttheorien.
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 |  | Nachdem über Jahrhunderte eine zunehmende rechtliche und institutionelle Verfestigung der Entscheidungsfindung und Problemlösung zu beobachten war, setzte in den 1960er Jahren ein Gegentrend ein. Seither tritt wieder stärker die Verhandlung als lebendiger, anpassungsfähiger Prozess hinter den rechtlichen Regeln und Verfahren hervor (Rousseau 1996: 383). Das hat mit grundlegenden Umbrüchen wie Säkularisierung, Urbanisierung und Globalisierung zu tun. Aufgrund der damit einhergehenden Pluralisierung gesellschaftlicher Werte und der sprunghaften Zunahme von Regelungsmaterien ist es fast unmöglich geworden, jeden möglichen Fall rechtlich im Vorhinein zu kodifizieren und in Gerichtsverfahren zu entscheiden.
Ein analoger Trend vollzieht sich auch auf der internationalen Ebene. So führten der Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens sowie das Ende der doppelten Hegemonie der beiden Supermächte in zahlreichen Staaten und Regionen zu einem Machtvakuum. Neue Akteure und Institutionen traten auf den Plan. Unter günstigen Bedingungen finden sie – allein oder mit Unterstützung Dritter (Staaten, internationalen Organisationen, NGOs, angesehenen Vermittlern) über Verhandlungen zu einer Einigung über eine neue, tragfähige Ordnung - in Form einer neuen Verfassung und eines regionalen Arrangements mit den Nachbarstaaten. Im ungünstigen Fall drohen Gewalt und Krieg.
Unter diesen Bedingungen wuchs das Interesse daran, wie auf dem Verhandlungsweg Gewalt und Krieg verhindert und nachhaltig Frieden gestiftet werden können. Die Aufwertung von Verhandlung und Dialog hat zugleich einen paradox erscheinenden Effekt: In einer Welt, in der gesprächsgestützte Methoden der Problemlösung und Entscheidungsfindung, und damit auch der Konfliktbearbeitung, häufiger an die Stelle eines eindeutig kodifizierten Rechtsrahmens treten, werden diese ihrerseits zum Gegenstand zunehmender Ausdifferenzierung und Professionalisierung. Um in Konflikten angemessen zu kommunizieren, sind Verhandlung, Vermittlung und Beratung zu unverzichtbaren Kompetenzen geworden.
Verhandeln
Verhandeln im engeren Sinne kann als kollektiver Prozess der Problem-/Konfliktlösung bzw. Entscheidungsfindung definiert werden. Die Parteien entschließen sich zu Gesprächen, weil sie auf diese Weise die Kosten einer Einigung – im Vergleich zu einer gewaltsamen oder einseitigen Entscheidung – verringern bzw. optimieren können. Versuche der Parteien, das Verhandlungsergebnis möglichst zu ihren eigenen Gunsten zu gestalten, finden ihre Grenze in der Erfahrung, dass das Ergebnis nur tragfähig sein wird, wenn sich keine Partei langfristig übervorteilt fühlt.
Über Verlauf und Dynamik von Verhandlungen und über erfolgreiche Strategien liegen inzwischen zahlreiche Erfahrungsberichte und Forschungsergebnisse vor. Der zumindest in der westlichen Welt am meisten verbreitete Ansatz ist das sog. Harvard-Konzept, das von den Forschern Harvard-Universität Ron Fisher, William Ury und Bruce Patton entwickelt wurde. Das Harvard-Konzept unterscheidet zwischen zwei Ebenen von Kommunikationsbeziehungen: der Sachebene der Interessen der Parteien und der Ebene der Beziehungen (auch emotionale oder Identitätsebene). Um zu einem für alle Seiten vorteilhaften Ergebnis ("Win-Win-Situation") zu gelangen, schlägt das Konzept folgende Vorkehrungen und Regeln vor:
- die meist hinter den emotional verhärteten Positionen der Parteien verborgenen Interessen in den Mittelpunkt zu rücken,
- gemeinsam konstruktive Entscheidungsoptionen für einen Ausgleich bzw. Kompromiss zwischen den Interessen der Parteien zu entwickeln,
- durch Perspektivwechsel Verständnis für die Positionen und Interessen der anderen Seite zu wecken sowie
- sich bei der Suche nach einer Lösung möglichst an objektiven Beurteilungskriterien wie z.B. gesetzlichen Regelungen, ethischen Normen auszurichten.
Eine tragfähige Übereinkunft muss folgenden Anforderungen genügen:
- Bereits bestehende gute Beziehungen zwischen den Parteien bleiben erhalten oder werden wieder hergestellt.
- Die Parteien erhalten, was sie wirklich brauchen, wozu auch gehört, dass von mehreren beanspruchte Güter fair geteilt werden.
- Es wird einerseits zeiteffizient und sachbezogen verhandelt, andererseits wird aber auch keine Partei unter Druck gesetzt.
Wenn all dies nicht zum Erfolg führt, wird die Hinzuziehung eines unabhängigen, unparteiischen Vermittlers (Mediators) vorgeschlagen.
Vermitteln
Wenn Verhandlungen von einer Drittpartei begleitet werden, spricht man von Vermittlung. Auch hier haben sich unterschiedliche Verfahren etabliert, die in verschiedenen Kontexten und Sachbereichen zur Anwendung kommen. So werden in internationalen oder innerstaatlichen Konflikten von neutralen Staaten oder auch internationalen Organisationen wie der UNO "Gute Dienste" geleistet, um zwischen Konfliktparteien zu vermitteln bzw. die Kommunikation zwischen ihnen aufrecht zu erhalten. Eine andere Form ist die mit Androhung oder Anwendung von Sanktionen oder militärischer Gewalt erzwungene Vermittlung, etwa zur Beendigung von kriegerischen Auseinandersetzungen, durch eine starke internationale Macht ("Power-Mediation").
Erfahrungen besagen allerdings, dass Vermittlungsbemühungen besonders dann dauerhaft von Erfolg gekrönt sind, wenn sie sich nicht auf akute Krisenzeiten beschränken und sicherstellen, dass alle Konfliktparteien aus wohl verstandenen eigenen Interessen und Überzeugung einer gemeinsamen Regelung zustimmen können. Auf der Suche nach geeigneten Konzepten wird zunehmend das Mediationsverfahren adaptiert, das ursprünglich für die außergerichtliche Vermittlung in zivilen Streitfällen entwickelt wurde. Ein Beispiel für eine erfolgreiche Mediation in innerstaatlichen Konflikten ist die Mission des ehemaligen finnischen Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers, Martti Ahtisaari, in der indonesischen Provinz Aceh 2005 (Kemper 2007).
Im Mediationsprozess kommen das Wissen und die Fähigkeit des Mediators, Aushandlungsprozesse zu strukturieren und zu moderieren, und das Wissen der Konfliktparteien um die Ursachen, Inhalte und Dynamik der Auseinandersetzung zusammen. Der Mediator ist also verantwortlich für den Weg und die Art und Weise der Verständigung. Die Parteien behalten dagegen die Verantwortung für den Inhalt und den Ausgang des Prozesses. Hintergrund ist die Einsicht, dass die Parteien in aller Regel die besten Experten ihres eigenen Konfliktes sind.
Beraten
Wenn der Mediator eine größere Verantwortung auch für die inhaltliche Seite der Konfliktbearbeitung übernimmt, dann verschiebt sich das Gewicht in Richtung Beratung. Diese zielt nicht nur darauf ab, wieder Kommunikation und Verständigung zwischen den Konfliktparteien zu ermöglichen. Besonders in verhärteten Auseinandersetzungen kann die konfliktwissenschaftliche Kompetenz des Beraters dazu beitragen, Ansatzpunkte für eine Öffnung und schrittweise Überwindung der unvereinbar erscheinenden Positionen, Interessen und Bedürfnisse zu identifizieren. Dabei geht es insbesondere darum, die sozio-politischen Strukturen und kulturellen Muster zu verändern, die den Konflikt mit verursacht haben. Erfolgreiche Konfliktbearbeitung wird als Prozess tiefgreifenden sozialen Wandels verstanden.
Darum bezeichnet man diese Ansätze auch als Konflikttransformation. Anvisiert wird sowohl die Veränderung der Einstellungen und Annahmen der Akteure als auch die Lösung der dem Konflikt zugrunde liegenden Widersprüche. Systemische Ansätze (Körppen 2008) schauen dabei stärker auf im Konfliktsystem angelegte Ursachen und Antreiber von Störungen und Widerständen seitens der Konfliktparteien, die auch zu Triebkräften des Wandels werden können. Das integrative Transcend-Verfahren (Graf 2008) setzt hauptsächlich darauf, durch Dialog, Theater- und Aufstellungsarbeit usw. den Konfliktparteien die tiefer liegenden Konfliktursachen und ihren eigenen Anteil, ihre eigene Verantwortung bewusst zu machen.
Literatur
Haft, Fritjof/ Gräfin von Schlieffen, Katharina (Hrsg.) (2009): Handbuch Mediation, München: Verlag C.H. Beck.
Fisher, Ron/ Ury, William/ Patton, Bruce (2004): Das Harvard-Konzept. Der Klassiker der Verhandlungstechnik, Frankfurt a.M.; New York: Campus Verlag.
Hartkemeyer, Johannes F./ Hartkemeyer, Martina (2005): Die Kunst des Dialogs – Kreative Kommunikation entdecken. Erfahrungen, Anwendungen, Übungen. Stuttgart: Klett-Cotta.
Mühlen, Alexander (2006): International Negotiations. Confrontation, Competition, Cooperation, Kampala.
Niederhoff, Henning (2009): Trialog in Yad Vashem. Palästinenser, Israelis und Deutsche im Gespräch, Periodicum: Deutsch-Israelische Bibliothek, Bd. 4, Münster: LIT Verlag.
Rousseau, Xavier (1996): De la négociation au procès pénal: la gestion de la violence dans la société et moderne (500-1800), in: Philippe, Gérard u.a. (Hrsg.): Droit négocié, droit imposé? Bruxelles 1996 (Facultés Universitaires Saint-Louis), S. 273-312.
Saner, Raymond (2008): Verhandlungstechnik – Strategie, Taktik, Motivation, Verhalten, Delegationsführung, 2. Auflage, Bern/ Stuttgart/ Wien: Paul Haupt Verlag.
Schulz von Thun, Friedemann (2001): Miteinander Reden. Die Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation, Band 1-3, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
Links
Graf, Wilfried/ Kramer, Gudrun/ Nicolescou, Augustin (2008): The Art of Conflict Transformation Through Dialogue, April, IICP Working Paper Series, Institute for Integrative Conflict Transformation and Peacebuilding, Wien.
http://www.iicp.at/communications/publications/papers/ WP0804_ConflictTransformationDialogue.pdf
Kemper, Barbara (2007): Mediation in Intrastate Conflicts. The Contribution of Track-Two Mediation Activities to Prevent Violence in the Aceh Conflict, INEF Report, No. 88, Institut für Frieden und Entwicklung, Universität Duisburg-Essen.
http://inef.uni-due.de/page/documents/Report88.pdf
Körppen, Daniela/ Schmelzle, Beatrix/ Wils, Oliver (Hrsg.) (2008): A Systemic Approach to Conflict Transformation. Exploring Strengths and Limitations, Berghof Handbook for Conflict Transformation No. 6.
http://www.berghof-handbook.net/std_page.php?LANG=e&id=232&parent=5
Senghaas, Dieter (1995): Provokation. Ein verkanntes Mittel der Mediation, in: Wissenschaft & Frieden, No. 3.
http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-95/9530901m.htm
"Power-Mediation": Die USA im Bosnien-Krieg. Internationale Konflikte – Zivile Konfliktbearbeitung, Hintergrundblatt 23, Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.
http://www.bpb.de/files/V8KAC6.pdf

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23. Dezember 2009 |  |
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