Erlaubt es der Islam, in Deutschland zu wählen?
2.4.2008
"Hier, wo ich lebe, will ich wählen!" – so lautet das Motto einer bundesweiten »Kampagne«, die sich für das kommunale Wahlrecht von Nicht-Deutschen einsetzt. Unterstützt wird diese Kampagne auch von vielen türkischen und arabischen Migranten. Dabei geht es um grundlegende Mitwirkungs- und Gestaltungsrechte, die es ermöglichen, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.
Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie",
Ausgabe Nr. 5/April 2008. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.
Aus islamistischer Sicht ist dieser Wunsch
umstritten. Im vor allem von jungen Muslimen
– unter ihnen viele Konvertiten - genutzten
Online-Forum »Islamvoice.de«, das
vom Berliner Prediger Abdul Adhim Qamous
betrieben wird, entwickelte sich zuletzt eine
Diskussion über die Beteiligung von Muslimen
an Wahlen. Zwei Positionen standen
sich dabei gegenüber: Während einige Kommentatoren
betonten, dass es nötig sei, sich
auch auf politischer Ebene für eine Umsetzung
islamischer Interessen und Ziele einzusetzen,
stellte eine zweite Gruppe das Prinzip
von Wahlen an sich in Frage: Nicht der
Mensch, sondern Allah bestimme den Lauf
der Dinge – die Idee der 'Herrschaft des Volkes',
die in einer Wahl zum Ausdruck komme,
stelle letztlich die Allmacht Gottes in
Frage.
In dieser Diskussion zeigen sich die unterschiedlichen
Strömungen, die das islamistische
Spektrum gegenwärtig prägen: Während
es den einen um Abgrenzung, die Verurteilung
der Kuffar – der Ungläubigen –
und um prinzipielle Wahrung göttlicher Autorität
geht, sehen die anderen die Möglichkeit,
mit demokratischen Mitteln auch in der
nicht-islamischen Umgebung für eine islamische
Gesellschaftsordnung zu wirken.
Im Internet-Forum begann die Debatte mit
einem Beitrag von "Yahya": "Bisher habe ich
eigentlich immer an Wahlen teilgenommen,
auch wenn ich der Meinung bin, dass sich
durch Wahlen (zumindest auf Bundesebene)
sowieso nichts ändert, da schon längst die
Lobbyisten aus Industrie und Handel die
Macht über die BRD übernommen haben.
Jetzt habe ich schon von mehreren Brüdern
gehört, dass das Teilnehmen an Wahlen haram
(verboten) sein soll. Der Grund dafür
soll sein, dass keine der existierenden Parteien
in Deutschland nach Qur'an und Sunnah
ihre politischen Entscheidungen treffen
und alle von ihnen irgendwelche Haram-Sachen
(wie z.B. Homo-Ehe, Prostitution, Sina,
Zinsen, Krieg gegen Muslime usw.) unterstützen.
Für mich wäre jetzt interessant zu
wissen: Ist Wählen tatsächlich haram? Gibt
es da Unterschiede? Wo wird differenziert?
Es gibt ja Bundestagswahlen, Landtagswahlen,
Bürgermeisterwahlen...oder z.B. Wahlen
im kleineren Kreis wie Vorstandswahlen, Betriebsratswahlen
usw."
In einer Reaktion wendet sich ein Moderator
des Forums ausdrücklich gegen den Gedanken,
Wahlen könnten
etwas im Sinne der
Muslime verändern:
"Die Leute, die in Moscheen
zur Bundestagswahl
oder ähnlichem
aufrufen, sollten Allah
fürchten, und sie sollten auf die Strasse gehen
und die Menschen ins Paradies rufen
und nicht zu so einem Schwachsinn."
Für "Yahya" ist eine solche Ablehnung von
Wahlen zu pauschal. Er sieht sehr wohl die
Möglichkeit, gerade auf lokaler oder betrieblicher
Ebene die Interessen von Muslimen
vertreten zu können:
"Welche Kufr-Gesetze [die Gesetzte des
"Unglaubens"] unterstützt du z.B., wenn du
einen Betriebsrat wählst? Der Betriebsrat
wird sich für die Rechte der Arbeiter einsetzen,
also auch für dich. (…) Wahlen sind ja
nicht gleich Wahlen. Es geht nicht immer
nur um Kufr-Gesetze, sondern auch um Entscheidungen,
die direkt Einfluss auf unser islamisches
Leben haben. Kopftuchverbot, islamische
Schulen und Kindergärten, Islam
als Religionsgemeinschaft und Körperschaft
des öffentlichen Rechts (also anerkannte
deutsche Religionsgemeinschaft) usw. Soweit
ich weiß werden diese Entscheidungen
auf Landes- und/oder Kommunalebene beschlossen...
sollte man hier als Muslim Einfluss
nehmen?"
Der Kommentator "Ibn Ahmed al-Oujdi"
sieht dies nicht so. Er schreibt: "Da man
nicht verpflichtet ist, sich an solchen Wahlen
zu beteiligen, sollte man diese Freiheit in
Anspruch nehmen und nicht wählen gehen,
denn das Verabschieden von Gesetzen gebührt
nur Dem Der die Erde und den Himmel
in sechs Tagen erschuf. (…) Möge Allah
uns Muslimen eine Auswanderung in ein
Land gewähren, in dem wir unseren Glauben
praktizieren können."
Auch in der weiteren Debatte stehen sich
diese Positionen unvereinbar gegenüber.
Während "Isa" fragt, was es denn "uns Muslimen
und dem Islam (nützt), wenn wir uns
vom gesellschaftspolitischen Leben komplett
ausgrenzen und es den Feinden des Islam
überlassen?" wiederholt "NeckoFFM", der als
Moderator des Forums tätig ist, seinen Einwand:
"Demokratie bedeutet Volksherrschaft.
Und die Bedeutung ist schon mal gegen
den Islam, denn Allah ist der alleinige
Herrscher. (…) Alle Gesetze sind schon offenbart
von demjenigen, der weiß, was für
uns das Beste ist."
Die Debatte geht ohne eine Annäherung zu
Ende. Zum Abschluss bringt "Yahya“ seine
Enttäuschung zum Ausdruck: "Niemand,
wirklich niemand, ist hier tatsächlich auf
meine Fragestellung eingegangen. Stattdessen
nur die übliche, scheinbar indoktrinierte
Phrasenschlägerei über den Kufr der sogenannten
Demokratie..."
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