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Dossier RAF

Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf


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Wolfgang Kraushaar
Die Tatsache, dass es einen Zusammenhang zwischen der 68-Bewegung und der RAF gibt, ist inzwischen unbestreitbar, wie dieser genauer zu bestimmen ist, dürfte allerdings nicht so einfach zu klären sein und deshalb noch für längere Zeit in der Faktorenbestimmung, Ausdifferenzierung und Gewichtung umstritten bleiben.
Rudi Dutscke
Grossansicht des Bildes
Rudi Dutschke gilt als einer der führenden Ideologen der deutschen Studenten-
bewegung. Foto: AP

Bis vor ein paar Jahren herrschte jedenfalls die Überzeugung vor, dass die bundesdeutsche Adaption der Stadtguerilla-Idee ein Produkt der auseinanderfallenden Studentenbewegung gewesen sei.

Inzwischen hat sich unter Zeithistorikern jedoch die Einschätzung durchgesetzt, dass diese ebenso wie die ersten Versuche einer praktischen Umsetzung weitaus früher anzusetzen sind, individuell auf Rudi Dutschke zurückgehen und bis in die Zeit vor der Studentenrevolte reichen. Mit anderen Worten: Das Konzept, in einem hochindustrialisierten westeuropäischen Land wie der Bundesrepublik eine eigene Guerillagruppe aufbauen zu wollen, ist vermutlich nicht einfach als Zerfalls- und Verzweiflungsprodukt der 68er-Bewegung zu erklären.

Zur Person
Dr. Wolfgang Kraushaar
Der promovierte Politologe Wolfgang Kraushaar, geboren 1948, ist Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozial-
forschung. Dort erforscht er Protest und Widerstand in der Geschichte der Bundesrepublik und der DDR. Seine Arbeits-
schwerpunkte bilden u.a. die 68er-Bewegung sowie die Rote Armee Fraktion.

Der Protagonist der Guerilla als Gegner des Terrorismus

Der von Rudi Dutschke eingeschlagene Weg, einerseits über Jahre hinweg politische Konflikte zu dynamisieren und einer Eskalationsstrategie das Wort zu reden, andererseits aber vor individuellem Terror zu warnen und die RAF als politische Degeneration zu verurteilen, erweist sich als eine aufwendige Gratwanderung, als fortwährender Versuch, die selbstpropagierte Entgrenzung der Gewalt im Nachhinein einzuschränken und zu zähmen.

Aus dem Kompendium seiner schriftlichen und mündlichen Äußerungen lassen sich insgesamt fünf Gewaltaxiome unterscheiden:

1. Gewalt ist dem System zwar inhärent, in den Metropolen aber kaum sichtbar

Aus Dutschkes Sicht produziert das kapitalistische System die Gewalt. Sie ist für ihn zugleich ein Resultat des autoritären Staates, dem eine faschistische Tendenz innewohne. Das Problem, sich gegen die ausgeübte Gewalt angemessen zur Wehr zu setzen, besteht für ihn darin, dass sie kaum offen zutage tritt. Der Gewaltzusammenhang, der in den Ländern der Dritten Welt überall spürbar sei, bleibe in den hoch industrialisierten Ländern der Ersten Welt dagegen zumeist latent. Dennoch manifestiere er sich nicht etwa nur in Politik und Justiz, sondern im gesamten System gesellschaftlicher Institutionen.

Die Hauptaufgabe von Oppositionellen sieht er deshalb darin, die latente Gewalt sichtbar, durch "direkte Aktionen" erfahrbar zu machen. Im Anschluss an die Demonstration gegen den Vietnamkrieg am 21. Oktober 1967 macht er sich Notizen zu einer Art Manöverkritik. Nach einer detaillierten Auflistung aller Mängel, die er während dieser "Kampfdemonstrationen" zur "Durchbrechung der etablierten Spiel regeln" hat feststellen können, kommt er zu der Schlussfolgerung: "Die Durchbrechung der Spielregeln der herrschenden kap. Ordnung führt nur dann zur manifesten Entlarvung des Systems als 'Diktatur der Gewalt', wenn wir zentrale Nervenpunkte des Systems in mannigfaltiger Form (von gewaltlosen offenen Demonstrationen bis zu konspirativen Aktionsformen) angreifen (Parlament, Steuerämter, Gerichtsgebäude, Manipulationszentren wie Springer-Hochhaus o. SFB, Amerika-Haus, Botschaften der unterdrückten Nationen, Armeezentren, Polizeistationen u. a. m.)."

Und ganz ähnlich schreibt er in einem seiner bekanntesten, im Mai 1968 in dem Band "Rebellion der Studenten" erstmals veröffentlichten Aufsätze: Es komme darauf an, "durch systematische, kontrollierte und limitierte Konfrontation der Staatsgewalt und dem Imperialismus in West-Berlin die repräsentative 'Demokratie' zu zwingen, offen ihren Klassencharakter, ihren Herrschaftscharakter zu zeigen, sie zu zwingen, sich als 'Diktatur der Gewalt'zu entlarven!" Diese Sichtbarmachung hat Dutschke allen Ernstes als "Aufklärung", als "Aufklärung durch Aktion", verstanden wissen wollen.

2. Revolutionäre Gewalt ist Gegengewalt, die der Abschaffung von Gewaltverhältnissen insgesamt dienen soll

Da sich Dutschke als Revolutionär begreift, geht es ihm nicht um Reformen, mit denen aus seiner Sicht nur das Ziel verfolgt werden kann, die bestehende Herrschaft weiter zu perfektionieren, sondern um den Sturz der Klassengesellschaft als solcher. Der Einsatz gewaltsamer Mittel legitimiert sich allein durch die Orientierung an der Abschaffung von Gewaltverhältnissen insgesamt. Revolutionäre Gewalt versteht er immer als "Gegengewalt". Sie ist in seinen Augen eine Reaktion auf eine bereits vorgefundene. "Unsere Alternative zu der herrschenden Gewalt", heißt es an einer Stelle seiner Einleitung zu den "Briefen an Rudi D.", "ist die sich steigernde Gegengewalt. Oder sollen wir uns weiterhin ununterbrochen kaputtmachen lassen? Nein, die Unterdrückten in den unterentwickelt gehaltenen Ländern Asiens, Lateinamerikas und Afrikas haben bereits mit ihrem Kampf begonnen." Dabei bestehe die Kunst des Revolutionärs jedoch gerade darin, nicht einfach reaktiv zu handeln, sondern die Auseinander-
setzung nur an einem Ort und zu einem Zeitpunkt herbeizuführen, wo sich der Gegner als besonders schwach erweist.


20. August 2007

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