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Dossier Geschichte und Erinnerung

Kollektive Erinnerung im Wandel

Hirsch, Helga
Inhalt
Einleitung
Das Jahrhundert der Vertreibungen
Der Verlust der Heimat
Die Integration der Flüchtlinge
Gelungene oder erzwungene Integration?
Drei Phasen kollektiven Erinnerns
Einleitung

Mutter_Kind
Viele Vertriebene strömten nach Kriegsende in die westlich gelegenen Besatzungszonen, wie hier eine Mutter mit Ihrem Kind und all Ihrer Habe im Oktober 1945 in Berlin. Foto: AP
Mit Flucht und Vertreibung der Deutschen 1944/45 kehrt ein Thema in die öffentliche Debatte zurück, das jahrzehntelang als anstößig und rückwärtsgewandt, ja revanchistisch verpönt war. Wer sich nicht vor der Übernahme der Verantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes scheue und die Aussöhnung mit den Nachbarn anstrebe, so hieß es, dürfe über Deutsche als Opfer nicht reden. Allein die Vertriebenenverbände kümmerten sich um die Betroffenen - und ihre allzu einseitige Betrachtungsweise galt vielen als hinreichender Beleg für die Diskreditierung des Themas. Als gebe es nur die Alternative zwischen einem reuigen Deutschen, der die Vertreibung als Strafe für die Verbrechen des Hitler-Regimes akzeptiert, und einem Ewiggestrigen, der das Leiden der Nachkriegszeit vor sich her trägt, um über die Schuld der Kriegszeit nicht zu reden.

Zur Person
Helga Hirsch
Dr. phil., geb. 1948; Studium der Germanistik und Politologie an der FU Berlin, Promotion über die polnische Opposition der Jahre 1976 - 1980; seit 1985 freie Journalistin u.a. für den WDR, den Deutschlandfunk, Arte und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung"; von 1988 bis 1995 Korrespondentin der Wochenzeitung "Die Zeit" in Warschau; 2001 mit dem Deutsch-Polnischen Journalistenpreis ausgezeichnet.
Anschrift: Holsteinische Straße 42, 10717 Berlin.
E-Mail: Helga.Hirsch@t-online.de

Veröffentlichungen u.a.: Die Rache der Opfer. Deutsche in polnischen Lagern 1945 - 1950, Berlin 1998; "Ich habe keine Schuhe nicht." Lebensläufe von polnischen, jüdischen und deutschen Grenzgängern, Hamburg 2002; Dokumentarfilme: "Späte Opfer". Deutsche in polnischen Lagern 1945 - 1950, WDR/MDR, 1999; "Der Erbfeind". Preußen/Deutschland aus polnischer Sicht, Arte 2001.


Seit Anfang der neunziger Jahre weicht diese Frontstellung auf. Der ehemalige deutsche Osten rückt wieder ins Gesichtsfeld. Die Öffnung des Eisernen Vorhangs löste eine wahre Erinnerungsflut und eine Neugier nach unterdrückten Wahrheiten aus. Verena Dohrn und Martin Pollack etwa schilderten das untergegangene Habsburgerreich in Galizien, Ralph Giordano reiste nach Ostpreußen und beschrieb mit großer Empathie die Trauer der einstigen Bewohner, Christian von Krockow schilderte die Strapazen der Flucht, Freya Klier griff das bis dahin tabuisierte Thema der Verschleppung von Frauen in die Sowjetunion auf, Ulla Lachauer notierte ostpreußische Lebensläufe, Roswitha Schieb machte sich auf die Reise in die Heimat ihrer Eltern nach Schlesien, Andreas Kossert entfaltete das Beziehungsgeflecht von Deutschen und Polen in Masuren, Matthias Kneip fuhr mit Großmutter, Vater und Tante in deren oberschlesische Heimat, und Helga Hirsch recherchierte über die Lager für deutsche Zivilisten in Polen.[1]

Günter Grass schließlich war mit seiner Novelle "Im Krebsgang"[2] ganz sicher kein Tabubrecher mehr. Aber sein Buch bewirkte den Durchbruch. Wenn dieser Linke, der stets vor neuen deutschen Großmachtträumen gewarnt und sich der Wiedervereinigung entgegengestellt hatte, das Ausblenden des Themas als "bodenloses Versäumnis" empfand und nun Empathie für Vertreibungsopfer zuließ, dann wollten auch Zaudernde nicht mehr bestreiten, dass sich das Bekenntnis zu deutscher Schuld und die Trauer über deutsches Leid nicht widersprechen müssen, sondern zwei Seiten einer Medaille sind.

Und so sind Flucht, Vertreibung und auch der Bombenkrieg präsent wie selten zuvor: durch Jörg Friedrichs "Der Brand"[3], im Fernsehen durch die Produktionen Guido Knopps, im Film durch "Schlesiens wilder Westen" von Ute Badura, in Talkshows, Seminaren und bei Podiumsdiskussionen. Und der Deutsche Bundestag hat die Errichtung eines Zentrums gegen Vertreibungen beschlossen, über dessen Standort heftig gestritten wird.


07. Oktober 2008



 
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