Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

Schocktherapie in der Zelle

Wie ein Ex-Neonazi Schüler im Gefängnis informiert.


11.3.2008
Rechtsextreme nennen sich gern ''Kameraden''. Doch in der Szene wird gelogen und betrogen, geschlagen und hintergangen. Viele Aussteiger berichten, dass sie lange brauchen, bis sie begreifen, wie sehr sie unter der falschen ''Kameradschaft'' gelitten haben. Ein Besuch von Schülern bei einem Ex-Neonazi in der Haftanstalt Celle.

Gefängniswärter Hans-Jürgen Joachim läuft den Korridor im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt in Stuttgart-Stammheim  entlang. (15.10.2002).In diesem Gefängnis waren einst die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe untergebracht worden, die dann in ihren jeweiligen Zellen im Gefängnis Selbstmord begangen.Erst im Gefängnis ist M. Strehlow zur Einsicht gekommen und löste sich vom braunen Gedankengut (© AP)

Auch unter den 230 Inhaftierten in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Celle ist solch ein Aussteiger, der jahrelang als Neonazi aktiv war. Während der Haft ist er ausgestiegen – jetzt berichtet er Schülern über seine Erfahrungen. Eine Art Schocktherapie in der Zelle. Etwas mulmig ist ihnen schon zumute, den 15 und 16 Jahre alten Schülern der neunten Klasse der Realschule Wietze, als sie vor der dicken Mauer der JVA die gelben Besucherausweise in Empfang nehmen. In wenigen Minuten werden sie mit einem ehemaligen Neonazi zusammentreffen, der wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt ist. Vor der stählernen Gefängnistür beschreibt die 15-jährige Nadja ihre Sorge: ''Ich habe schon Angst. Er war ja früher ein Nazi. Und wenn der meine schwarzen Haare sieht, dann kann ich mir gar nicht vorstellen, dass es keine Probleme gibt.''

Probleme gibt es keine – aber einen langen und einschüchternden Weg, der jetzt vor den Realschülern liegt. Die Sicherheitsvorschriften in der JVA Celle sind aus gutem Grund besonders streng: Von den 230 Häftlingen verbüßen mehr als die Hälfte lebenslange Haftstrafen. Zu ihnen gehört Michael Strehlow, der seit mehr als zehn Jahren in Celle einsitzt. Nach Taschenkontrolle, Leibesvisitation und mehr als einem Dutzend Gittertüren und Stahltoren erwartet er sie im Gruppenraum. Sie sind verblüfft: Michael Strehlow trägt keine Anstaltskluft, sondern ein grünes Sweatshirt und schwarze Jeans. ''Ihr könnt mich alles fragen, was ihr wollt, egal wie abwegig die Fragen sind'', begrüßt der 35-Jährige mit den drei Messingringen im rechten Ohr die Realschüler in der Zelle.

Schocktherapie



Im Knast klärt ein Ex- Neonazi Schüler über seine einstigen ''Kameraden'' auf. Strehlow ist wegen Mordes inhaftiert - einer Beziehungstat. Die Schüler wollen wissen, wie er ins braune Milieu gerutscht ist und wie ausgeprägt Gewaltbereitschaft dort ist. Strehlow gibt bereitwillig Auskunft. Neonazi sei er seit seiner Kindheit gewesen, berichtet er. Damals lebte er in der Nähe von Magdeburg, Deutschland war zu dieser Zeit noch geteilt.

Sein Großvater, ein überzeugter Nazi, habe ihn mit der NS-Ideologie''infiziert''. Er sei es gewesen, der ihn mit Leuten zusammengebracht habe, die schon im ''Dritten Reich'' für die politische ''Nachwuchsausbildung'' verantwortlich waren. Sie hätten ihn zum Neonazi erzogen, sagt Strehlow. ''Für mich war es völlig normal, so zu denken.'' Als er 13 Jahre alt war, starb sein Großvater. '''An seinem Grab habe ich damals geschworen, in seinem Sinne weiterzumachen.'' Nach der Wende machte Strehlow in Kreisen seiner braunen ''Kameradschaft'' Karriere.

Man entdeckte sein Talent, Nachwuchs zu werben. Bundesweit sei er Anfang der 1990er Jahre unterwegs gewesen, um neue Gesinnungsgenossen zu ködern, sagt er. ''Ich war taktisch sehr gut geschult und habe große Überzeugungskraft gehabt.'' Den damaligen Umgang mit den neuen ''Kameraden'' empfindet er heute als zynisch. Die meisten seien reines ''Kanonenfutter'' gewesen. Man habe sie bewusst zu Schlägereien mit Andersdenkenden oder zur Hatz auf Ausländer angestiftet. ''Es war nicht schlimm, wenn der ein oder andere junge 'Kamerad' dabei auf der Strecke blieb.''

Einsicht erst im Gefängnis



Erst im Gefängnis ist Michael Strehlow zur Einsicht gekommen. Viel psychologische Betreuungsarbeit sei dafür nötig gewesen, sagt er, ein jahrelanger Prozess. ''Es gab vorher nicht viele Menschen, die sich für mich interessiert haben.'' 2005 sagte er sich endgültig vom braunen Gedankengut los – mit einem demonstrativen Akt: Im Gefängnishof vergrub er seine Reichskriegsflagge, die er lange Zeit wie einen Schatz in seiner acht Quadratmeter großen Zelle gehütet hatte.

''Ich habe vor allem nach einem gesucht – nach Anerkennung'', sagt Strehlow rückblickend. ''Aber bekommen habe ich sie nie wirklich.'' Vor seinen ehemaligen Gesinnungsgenossen hat er noch heute Angst. Deshalb will er über konkrete Personen und Orte von damals nicht sprechen. ''Sollte ich das tun, wäre mein Leben nicht viel wert, wenn ich eines Tages die Gefängnismauern verlasse. Das wird noch einige Jahre dauern. Bis dahin will er etwas Sinnvolles tun – und andere davor bewahren, wie er in die Szene zu geraten. Die Gefängnisleitung unterstützt ihn, sie weiß, dass viele Neonazis im Laufe ihrer rechtsextremistischen ''Karriere'' mit dem Gesetz in Konflikt geraten. ''Michael Strehlow kann Schülern sehr deutlich vermitteln, wie sich eine langjährige Haftstrafe auf einen Menschen auswirkt'', sagt Anstaltsleiter Werner Cordes.

Zudem sei er ''in der Lage, sich auszudrücken und bei den Schülern einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen''. Durch den Kontakt würden die Schüler nachhaltig begreifen, welch schlimme Folgen ein Hineinrutschen in die rechtsextreme Szene habe. Die Schüler bestätigen den Anstaltsleiter. ''Ich finde es gut, dass er das macht'', sagt Nadja. ''Ich glaube, das hilft uns allen sehr, so etwas nicht zu machen.''