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Radio-Seminar Tutzing
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Tutzinger Radiotage 2008 |

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Lebensrettende Maßnahmen für den Hörfunk von Michael Schröder
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Das Zuhören ist wieder beliebter in unserer schnelllebigen Welt voller bewegter Bilder und multimedialer Reize. Doch das Radiogerät schalten dazu immer weniger Menschen an. Podcasts und Hörbücher boomen. Neue Radiokonzepte sind gefordert. 50 Hörfunkjournalisten aus ganz Deutschland diskutierten auf einem Workshop der Akademie für politische Bildung Tutzing in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb die Zukunftsperspektiven des alten Mediums Radio in einer Zeit der multimedialen Konkurrenz- vor allem im und durch das Internet. Die Grenzen zwischen Radio, Fernsehen und Internet einreißen, Multimedialität zum Prinzip erklären und die Hörer am Programm beteiligen - darin sehen die Experten die Zukunft des Radios.
Junge Hörer gewinnen
Wie man junge Hörer gewinnt, zeigt die Redaktion von DASDING. DASDING ist das trimediale Programm des Südwestrundfunks (SWR) für Jugendliche und junge Erwachsene. Das Redaktionsteam ist im gleichen Alter wie seine Zielgruppe: zwischen 18 und 29 Jahren. Die jüngste professionelle Medienredaktion Deutschlands produziert rund um die Uhr ein werbefreies Vollprogramm im Radio, eine eigene Fernsehsendung und die Internetseite www.dasding.de mit der DASDING.Community. Täglich werden 210 000 Hörer erreicht, die im Durchschnitt 26 Jahre alt sind.
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Wolfgang Gushurst, Chef des SWR-Senders "DASDING", schätzt die Meinung der Hörer.
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Wolfgang Gushurst ist der Leiter der Redaktion, die täglich in zwei Konferenzen über Themen berät und über deren Umsetzung in den drei Medien entscheidet. Dafür braucht es spezialisierte und vielseitige Mitarbeiter. Die Technik wird ständig den neuen Herausforderungen angepasst. Wichtig sind für Gushurst und seine Redaktion Gespräch, Austausch und Interaktion mit seinem Publikum. Der Chat mit den Hörern ist häufig ein Themenanreger. Für ihn ist die Zeit der Einbahnstraßenkommunikation vorbei. Radiozukunft heißt für ihn: "Radio steht auch weiter im Mittelpunkt. Aber wir müssen uns auf das Bedürfnis zeitsouveräner Nutzung und auf mobile Endgeräte mit personalisierbaren Benutzeroberflächen einstellen."
Radio visuell
Junge Hörer hat auch Christian Schalt, Programmdirektor bei Kiss FM Radio in Berlin, im Visier. Auf dem hart umkämpften Radiomarkt der Hauptstadt spielt er auf vielen Kanälen. Der neue Standard ist für ihn die "unendliche UKW-Skala". Er ist überzeugt, dass junge Leute sich nicht mehr bevormunden lassen wollen: "Sie wollen schlechte Moderatoren und schlechte Musik wegdrücken. Sie wollen Programm selbst gestalten." Radio wird bei ihm im Internet visuell erlebbar - darin sieht Schalt die Zukunftschancen eines Mediums, das seine Exklusivität als Anbieter von Musik und Unterhaltung längst verloren hat. "Eine klare Strategie und definierte Ziele" sind für Schalt die wichtigen Elemente einer Überlebensstrategie fürs Radio.
Dudelfunk ade
Lebensrettende Maßnahmen fürs Radio sucht auch Eric Markuse, Programmchef beim MDR-Jugendradio Sputnik aus Halle. Schon weil die UKW-Versorgung seines Senders so schlecht und er im größten Teil des MDR-Sendegebiets nicht zu empfangen ist, bot sich das Internet als neuer Verbreitungsweg zwingend an. Er glaubt an die Zukunft, wenn Radio multimedial und unverwechselbar und anders ist. Sein Slogan lautet: "Du bist Radio".
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Er macht ein interaktives Mitmach-Programm und bindet so eine "Gemeinschaft mit Radioanschluss" an Sputnik. Als erster Radiosender ist Sputnik im Dezember 2006 mit einer eigenen Web-2.0-Plattform an den Start gegangen. Inzwischen ist daraus eine Community mit mehr als 10 000 Mitgliedern entstanden. So gehen Hörer auf Extrempaddeltouren und berichten davon multimedial.
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Eric Markuse zeigt mit "Sputnik" wie die Zukunft des Radios klingen könnte.
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Da die Radionutzung übers Internet aber nicht in die Daten der regelmäßigen Media-Analyse eingeht, fordert Markuse die Abschaffung des Quotendrucks und spricht scherzhaft von der "Media-Analüge". Markuse hat in den letzten 18 Monaten den Wortanteil im Programm von 13 auf 25 Prozent fast verdoppelt. Für ihn gilt: Dudelfunk ade. Sputnik ist die Radioalternative für Leute mit Grips und Durchblick. Täglich gibt es ein Programm für Menschen, die nicht nur berieselt werden wollen. Ausgesuchte Musik statt Einheitsbrei, Information und Journalismus statt Werbung lautet die erfolgreiche Programmphilosophie.
Sendezeit in Hörerhand
Einen ganz anderen Weg ging Deutschlandradio Kultur mit seinem Experiment Blogspiel.de, aus dem inzwischen das Projekt Breitband geworden ist.
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Markus Heidmeier betreute das Projekt "blogspiel" in der Erprobungsphase.
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"Hier wird Sendezeit in Hörerhand gegeben", sagt Markus Heidmeier, der das Projekt in der Erprobungsphase betreute. Das Internet ist das primäre Medium, in dem die unterschiedlichsten Formate - meist Klangkunst und Kurzhörspiele - von Hörern produziert und online gestellt werden. Die besten Beiträge werden im Radio ausgestrahlt (Samstag, 14 - 15 Uhr). Und der Gewinner der Woche kommt per Interview auf den Sender und wird honoriert. Rund 1000 Beiträge entstehen so pro Jahr - das sind über 50 Stunden Radioprogramm. Pro Tag hat die Internetseite zwischen 500 und 1000 Nutzer und zählt inzwischen über 2500 registrierte Mitglieder. Heidmeier: "So wurden vor allem jüngere Hörerschichten für das Deutschlandradio gewonnen und die Marke in einer ganz neuen Zielgruppe bekannt gemacht."
Senden durch das Telefon
Dass die jungen Leute das Radio bereits vergessen haben, davon ist Frank Debatin überzeugt. Er propagiert das neue Sprechradio 2.0 "1000Mikes" (1000 Mikrofone), das nur noch im Internet stattfindet. Sein Programm ist offen für jeden. Übers Telefonfestnetz werden die sehr unterschiedlichen Beiträge ins Internet gestellt - deswegen kann auch von überall "gesendet" werden. Seit Anfang April 2008 verfügt Debatin über 500 Kanäle, die gleichzeitig bespielt werden können.
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Die Website von 1000 Mikes.
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Lizenzvergabe über Landesmedien- anstalten ist für ihn zum Senden keine Voraussetzung mehr und deswegen kein Thema: "Die Anstalten sind Dinosaurier - sie dürfen und werden in Zukunft beim Radio keine Rolle mehr spielen." Mehrheitsformate und "Dickschiffe" wie Antenne Bayern, HITRADIO FFH oder radio ffn sind nach Debatins Meinung in Zukunft gefährdet.
Zielgruppenmix
Valerie Weber steht am Ruder eines solchen großen Tankers - sie ist Programmdirektorin bei Antenne Bayern. Sie versteht ihren Sender als Familienvollprogramm mit einem Zielgruppenmix, bei dem mit Musik und Information möglichst viele Altersgruppen gleichzeitig angesprochen werden müssen. Aber ob dieser Spagat zwischen den 14- bis 49-Jährigen auf Dauer noch gelingt, bezweifelt auch sie: "Radio-Zukunft 2010 könnte das Ende für viele generationenübergreifende Vollprogramme heißen." Und: "Eine Radiomarke wird viele Sender haben. Und ein Sender wird viele Hin- und Rückkanäle haben." Und deswegen gelte auch in Zukunft: "Die Radio-Marke ist wieder ganz neu da."
Glaubwürdigkeit durch Wissen
Wolfgang Rudolph, dessen erfolgreicher WDR-Computerclub im Fernsehen eingestellt wurde, ist ins Internet gewandert und produziert ein Technikmagazin als Audiocast zum Herunterladen für Computerbastler und -tüftler. Geld wird damit allerdings nicht verdient. Er freut sich, dass er so aus dem Regionalghetto des WDR heraus kommt und sich mit einem "Weltprogramm" dem internationalen Wettbewerb stellt. Rudolph hält Glaubwürdigkeit im Radio für wichtig: "Über Dinge reden, von denen man was versteht." Und sich vom Entweder-Oder-Denken verabschieden: "Komplementär denken - schauen, wo was am besten läuft", das ist sein Credo.
Komplizierte Technik
Nachdenkliche Töne kamen von Wolfgang Hagen, Kulturchef und Medienforscher beim Deutschlandradio. Er will sich "nicht irre machen lassen vom Internet-Hype".
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Medienforscher Dr. Wolfgang Hagen: "Brauchen wir wirklich digitale Vertriebswege für das Radio?"
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Er sieht das Problem in den blockierten Vertriebswegen auf UKW und hält eine Neuordnung der Frequenzen für dringend erforderlich. Es sei einfach nicht hinnehmbar, wenn Gebührenzahler öffentlich-rechtliche Sender an ihrem Wohnort über Antenne nicht empfangen können - wie zum Beispiel den Deutschlandfunk in großen Teilen Südbayerns. Vertriebswege dürften nicht die Identität des Senders auflösen. Radio sei eigentlich ein einfaches Medium und dürfe nicht an komplizierte Technik wie den Satelliten oder das Internet geknüpft werden. "So funktioniert das nicht", sagte Hagen.
Eine Frage der Ethik
Einen breiten Raum auf der Tagung nahm die Diskussion über praktische Fragen der Medienethik ein. Der frühere Chefredakteur des Saarländischen Rundfunks und Mainzer Journalistikprofessor Axel Buchholz forderte eine Abkehr von der "Vollmundigkeit des Boulevardradios". Wenn bei Jugendlichen das Radio am Ende der Glaubwürdigkeitsskala stehe und generell bei einer Mehrheit des Publikums zum Spaßmedium verkomme, sei ein Umdenken und eine Rückbesinnung auf alte Tugenden erforderlich. Norbert Linke, Nachrichtenchef von HITRADIO FFH, legte einen Entwurf für einen Radiokodex vor, der - analog zum Pressekodex des Deutschen Presserats - ethische Berufsnormen für Radiomacher beinhaltet. Buchholz schlug vor, bei der Weiterentwicklung des Entwurfs auch Partner wie die Journalistenverbände, die Initiative Qualität im Journalismus, den Privatfunkverband VPRT, die ARD und die Landesmedienanstalten zu suchen und einzubinden, damit der Radiokodex nach seiner Verabschiedung einen großen Bekanntheitsgrad bekommt.
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| Die Journalisten Udo Seiwert-Fauti, Sandra Müller und Max Förster kämpfen mit der Initiative "Fair Radio" für mehr Glaubwürdigkeit im Radio. |
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Über praktische Erfahrungen mit der Initiative "Fair Radio", die aus dem im Juni 2007 auf den Tutzinger Radiotagen veröffentlichten "Tutzinger Appell" hervorging, konnte Udo Seiwert-Fauti berichten. Die Initiative ziehe immer größere Kreise und bekäme Zuspruch aus vielen Redaktionen und würde mit immer neuen Beispielen aus der Praxis versorgt. "Jetzt ist es an der Zeit, öffentlich Ross und Reiter zu nennen, wo und wie der Hörer verschaukelt, beschummelt und belogen wird", sagte Seiwert-Fauti, der als Europa-Korrespondent in Straßburg arbeitet.
Die teilnehmenden Radiojournalisten aus ganz Deutschland waren sich am Schluss der Tagung einig, dass das Radio eine Zukunft und Überlebenschance hat, wenn es sich verändert und an neue Hörgewohnheiten eines jungen Publikums anpasst, möglichst viele Verbreitungswege besetzt und multimedial zu seinem Publikum kommt. |
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