Erde

Welternährungstag: Mehr Hungernde durch steigende Preise

Am Sonntag (16. Oktober 2011) erinnern die Vereinten Nationen mit dem Welternährungstag an hungernde Menschen in aller Welt. Besonders in Subsahara-Afrika und Südasien ist die Lage nach wie vor ernst. Hauptursache für den Nahrungsmangel sind steigende Lebensmittelpreise.

Jedes Jahr veröffentlicht die Ernährungsorganisation der UN (Food and Agriculture Organization, FAO) im Vorfeld des Welternährungstags einen Bericht. Auch in diesem Jahr sind die Ergebnisse beunruhigend: In Entwicklungsländern sterben jährlich fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung. Jeder siebte Mensch in der Welt leidet an Hunger.

In den Millenniums-Entwicklungszielen hatten die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen im Jahr 2000 vereinbart, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren. Von diesem Ziel sei man nach wie vor weit entfernt, gab die FAO am 10. Oktober bekannt. In ihrem aktuellen World Hunger Report betont die FAO besonders den Einfluss der hohen Lebensmittelpreise auf den Hunger weltweit.

Die Ergebnisse des Welthunger-Index 2011



Der am 11. Oktober veröffentlichte Welthunger-Index (WHI) kommt zum gleichen Ergebnis wie die FAO. Die Hungersituation in 26 Ländern wird hier als "ernst" oder "gravierend" eingestuft. Die Herausgeber des WHI machen ebenfalls die in Rekordhöhen gestiegenen Lebensmittelpreise für die Verschärfung von Hunger und Armut verantwortlich.

Am schwerwiegendsten sei die Situation im Kongo sowie in Burundi, Eritrea und Tschad. Die Ursachen liegen neben hohen Lebensmittelpreisen in andauernden Konflikten und in politischer Instabilität. Auch in Indien, Pakistan und Bangladesch herrschten alarmierende Zustände. Länder wie Äthiopien, Angola, Mosambik, Nicaragua, Niger und Vietnam dagegen haben seit 1990 ihre Situation stark verbessern können.

Die Auswirkungen der aktuellen Hungersnot am Horn von Afrika, von der mehr als 13 Millionen Menschen betroffen sind, sind im Welthunger-Index 2011 noch nicht ablesbar, da Daten erst mit großer Zeitverzögerung erhältlich sind.

Der internationale WHI hat sich seit 1990 zwar um 26 Prozent verbessert, dennoch ist die weltweite Hungersituation nach wie vor ernst. Der Anteil der unterernährten Menschen an der Weltbevölkerung hat sich seit Mitte der 1990er Jahre praktisch nicht verändert.

Nahrungsmittel werden immer teurer



Heute sind Lebensmittel weltweit so teuer wie nie zuvor. In den Jahren 2005 bis 2008 stiegen die Nahrungsmittelpreise auf das höchste Niveau seit 30 Jahren. Der Preis für Reis, zum Beispiel, hat sich in diesem Zeitraum fast verdreifacht.

In mehr als 20 Ländern gab es zwischen 2005 und 2008 Aufstände aufgrund der hohen Lebensmittelkosten. Durch die Preisanstiege hat sich die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, seitdem um beinahe 70 Millionen erhöht.

Menschen in Entwicklungsländern geben 50-80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. In Deutschland sind es nur 12 Prozent. Damit für Menschen in Deutschland die Preiserhöhungen ähnlich dramatisch spürbar wären, müsste der Preis für einen Laib Brot auf 30 Euro steigen, so die Deutsche Welthungerhilfe.

Die steigenden Preise haben unmittelbare Auswirkungen auf das Leben armer Menschen. Sie sind nicht mehr in der Lage, sich lebenswichtige Güter zu kaufen. Auch den Zugang zu Gesundheitsvorsorge oder Bildung schränken steigende Lebensmittelpreise indirekt ein: Durch die hohen Ausgaben für Nahrung können sich Bürger in Entwicklungs- und Schwellenländern diese Dinge noch weniger leisten.

Woher kommen die hohen Preise?



Als Gründe für den Anstieg der Agrarpreise nennen die FAO und der Welthunger-Index drei Hauptfaktoren.

Ein wichtiger Grund für die Preiserhöhungen ist die wachsende Verwendung von Agrarprodukten zur Herstellung von Treibstoff. Im Zuge der gestiegenen Energiekosten werden biologische Kraftstoffe zusehends attraktiver. Die Nachfrage nach Raps, Soja und Mais führt zu einer Verteuerung dieser Produkte. Gleichzeitig wird die Anbaufläche für andere Grundnahrungsmittel weiter reduziert.

Auch die Zunahme extremen Wetters durch den Klimawandel hat direkte Auswirkungen auf Lebensmittelpreise. Extreme Wetterphänomene wie Überschwemmungen oder Dürren können zu Ernteausfällen führen.

Als dritten Hauptfaktor für hohe Lebensmittelpreise führen FAO und WHI die Börsenspekulation auf Nahrungsmittel an. Da viel Geld auf dem Markt ist, ist es für Anleger sehr attraktiv, auf Agrarprodukte zu spekulieren.

Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise gingen auch die Investitionsanreize für den landwirtschaftlichen Sektor zurück, was insbesondere die Entwicklungsländer trifft. Folge der weltweiten ökonomischen Unsicherheit sind teurere Kredite für die Bauern.

Eine Rolle spielt auch der erhöhte Bedarf von Fleisch- und Milchprodukten in China, Indien und auch Deutschland. Weil zu deren Produktion große Mengen an Getreide und Futtermitteln benötigt werden, nimmt auch der Bedarf an Anbaufläche für Futtermittel zu - auf Kosten des Lebensmittelanbaus.

Kritisiert werden zudem die von Industriestaaten vergebenen Agrarsubventionen. Dadurch werden einige Lebensmittel künstlich verbilligt. Die Hersteller dieser billigen Produkte verdrängen Kleinbauern in den Entwicklungsländern von den Märkten.

Wege aus der Misere



Die Deutsche Welthungerhilfe und das International Food Policy Research Institute (IFPRI) fordern die Internationale Gemeinschaft dazu auf, arme Menschen vor den Auswirkungen instabiler Preise zu schützen. Dies könne durch bessere soziale Sicherungssysteme geschehen. Auch bei der Agrartreibstoffpolitik müsse umgedacht werden.

Die Herausgeber des WHI regen zudem an, den weltweiten Handel mit Agrargütern transparenter zu gestalten. Das könne Panik und irrationalen Reaktionen an den Märkten vorbeugen, meint auch die FAO. Zudem müsse die exzessive Spekulation eingedämmt werden.


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