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Zwangswanderungen nach dem Zweiten Weltkrieg


15.3.2005
Über zwölf Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene sowie bis zu zwölf Millionen "Displaced Persons" – ehemalige Zwangsarbeiter und ausländische KZ-Insassen – mussten nach dem Ende des Krieges eine neue Heimat finden bzw. repatriiert werden. Die Integration der Vertriebenen in das massiv zerstörte und verkleinerte Nachkriegsdeutschland schien zunächst kaum lösbar.

Repatriierung der "Displaced Persons"



Ostpreußen.- Flüchtlinge auf Pferdewagen auf der Fahrt durch ein Dorf, 1945.Flüchtlingstreck in Ostpreußen, 1945. (© Bundesarchiv, Bild 146-1979-084-06, Foto: o. Ang.)
Die überlebenden Opfer der nationalsozialistischen Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager stellten nach Kriegsende das Gros der zehn bis zwölf Millionen "Displaced Persons" (DPs). Sie entstammten rund 20 Nationalitäten mit über 35 verschiedenen Sprachen. Sie unterstanden der direkten Obhut der vier alliierten Besatzungsmächte und den von ihnen zugelassenen internationalen Hilfsorganisationen. Ursprünglich war das Ziel der Militärregierungen und Hilfsorganisationen, die DPs so rasch wie möglich zu sammeln und in ihre jeweiligen Heimatländer zurückzubringen.

Das gelang allein in den ersten vier Monaten nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 bei über fünf Millionen DPs. Die Mehrzahl der DPs schloss sich freiwillig den zahllosen, für sie zusammengestellten alliierten Transporten an. Entsprechend einer Vereinbarung zwischen den Westalliierten und der UdSSR wurden dabei DPs sowjetischer Staatsbürgerschaft auch zwangsweise repatriiert. Das geschah, obgleich die westalliierten Behörden wussten, dass DPs in der UdSSR als angebliche "Kollaborateure" mit Lagerhaft, Repressionen bzw. "Umerziehungsmaßnahmen", Offiziere vielfach auch mit der Todesstrafe zu rechnen hatten. Deshalb wählten nicht wenige von ihnen anstelle der Deportation den Freitod.

Ende 1945 gab es in den drei Westzonen noch etwa 1,7 Millionen DPs. 1946 lag die Zahl der Repatriierten nur noch bei etwa 500.000. Die Auswanderungsprogramme der im Juni 1947 gegründeten "International Refugee Organization" (IRO) gaben einer großen Zahl von DPs eine neue Perspektive. Nur ein kleiner Teil von ihnen blieb in Deutschland zurück. Dabei handelte es sich zumeist um Menschen, die als zu alt, zu krank oder nicht arbeitsfähig galten. Als die Westalliierten 1950 die Verantwortung für die DPs an die Bundesregierung übergaben, dürften sich noch rund 150.000 von ihnen im Bundesgebiet aufgehalten haben. Etwa ein Drittel davon lebte immer noch in Lagern.

Mit dem "Gesetz über die Rechtsstellung heimatloser Ausländer" vom 25. April 1951 wurde in der Bundesrepublik ein spezieller, im Vergleich zum internationalen Flüchtlingsrecht großzügiger Rechtsstatus für die DPs geschaffen. Er glich zwar in weiten Bereichen der rechtlichen Position der Bundesbürger. Aber er führte nicht zu einer vollständigen Gleichstellung mit deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen. Entschädigungsansprüche regelte das Gesetz nicht. Das führte angesichts der restriktiven Wiedergutmachungspraxis deutscher Verwaltungen und Gerichte dazu, dass viele "heimatlose Ausländer" keine Entschädigung für das erhielten, was sie während der nationalsozialistischen Diktatur erlitten hatten.

Migranten und Deutsche in der Nachkriegszeit



In der unmittelbaren Nachkriegszeit war das Verhältnis der deutschen Bevölkerung zu den DPs von Abwehrhaltungen, Vorurteilen, Verachtung, aber auch Neid geprägt: Einerseits wirkte dabei die diskriminierende nationalsozialistische Rede von den "Untermenschen" aus dem Osten weiter. Hinzu kamen verallgemeinerte und Schrecken verbreitende Nachrichten über gewalttätige Ausschreitungen und Plünderungen befreiter Zwangsarbeiter. Andererseits galten DPs weithin als in der Obhut der Alliierten stehende Privilegierte, die der deutschen Polizeihoheit entzogen waren und zudem die Chance zur überseeischen Auswanderung hatten. Diese blieb den Deutschen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, anfangs versagt. Nur selten ist in der deutschen Nachkriegsgesellschaft in den DPs mehr gesehen worden als ein Besatzungsproblem – ihr Schicksal als Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft wurde weithin verdrängt und verschwiegen.

Unter den Migranten der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland bildeten die DPs nur eine unter mehreren großen Gruppen: Im Gebiet der späteren vier Besatzungszonen waren rund zehn Millionen Menschen vor den gezielten alliierten Flächenbombardements auf deutsche Städte in ländlich geprägte Regionen geflohen oder evakuiert worden. Die "Evakuierten" konnten nicht selten erst nach Jahren ihre notdürftigen Quartiere verlassen und in ihre Heimatorte zurückkehren. Noch 1947 gab es in den vier Besatzungszonen ca. vier Millionen Evakuierte. In der Bundesrepublik wurde ihre Rückführung vor allem als Aufgabe der Kommunen und Länder behandelt und ausschließlich als ein Problem der Wohnraumversorgung in den Städten eingeschätzt.

Deutsche Flüchtlinge und Vertriebene



Von rund 18 Millionen Reichsdeutschen in den Ostprovinzen des Reiches und "Volksdeutschen" in den deutschen Siedlungsgebieten in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa waren in der Endphase des Krieges rund 14 Millionen in Richtung Westen geflüchtet oder nach dem Kriegsende vertrieben bzw. deportiert worden. Die Daten der Volkszählungen in West- und Ostdeutschland von 1950 lassen die Bilanz dieser millionenfachen Fluchtbewegungen und Vertreibungen deutlich werden. Knapp 12,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene waren aus den nunmehr in polnischen und sowjetischen Besitz übergegangenen ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches und aus den Siedlungsgebieten der "Volksdeutschen" in die Bundesrepublik und in die DDR gelangt; weitere 500.000 lebten in Österreich und anderen Ländern.

An die zwei Millionen Deutsche hatten Flucht, Vertreibungen oder Deportationen nicht überlebt, etwa eine Million wurde in die UdSSR deportiert. Von den 12,5 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen in der Bundesrepublik und DDR des Jahres 1950 kam mit knapp sieben Millionen der größte Teil aus den ehemals deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße. Als nächstgrößere Gruppe folgten knapp drei Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus der Tschechoslowakei. Hinzu kamen 1,4 Millionen aus dem Polen der Vorkriegsgrenzen, 300.000 aus der bis 1939 unter der Verwaltung des Völkerbunds stehenden Freien Stadt Danzig, knapp 300.000 aus Jugoslawien, 200.000 aus Ungarn und 130.000 aus Rumänien.

In den vier Besatzungszonen in Deutschland gab es keine gleichmäßige Verteilung der Flüchtlinge und Vertriebenen. Ländlich geprägte Gebiete mussten weitaus mehr Menschen aufnehmen als die vor allem durch Luftangriffe häufig schwer zerstörten städtisch-industriellen Ballungsräume. Die Wohnungssituation und die Versorgungsmöglichkeiten mit Lebensmitteln schienen in den Landgemeinden und ländlichen Kleinstädten besser zu sein. Insgesamt war der Osten Deutschlands stärker betroffen als der Westen.

Innerhalb der drei westlichen Besatzungszonen waren wiederum die östlichen Gebiete stärker belastet als die westlichen. Ende 1947 lag der Anteil der Flüchtlinge und Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung in der sowjetischen Besatzungszone bei 24,3 Prozent. Die amerikanische Besatzungszone blieb demgegenüber mit 17,7 Prozent ebenso zurück wie die britische mit 14,5 Prozent. In der französischen Besatzungszone lag der Flüchtlingsanteil an der Gesamtbevölkerung sogar bei nur rund einem Prozent. Der Grund war die Weigerung der französischen Besatzungsbehörden, Flüchtlinge und Vertriebene aufzunehmen.

Vertriebene und das "Wirtschaftswunder"



Die Probleme der Integration dieser Massen von Zuwanderern schienen in dem durch massive Zerstörungen gekennzeichneten, verkleinerten und übervölkerten Nachkriegsdeutschland kaum lösbar. Immerhin waren am Ende des Krieges mehr als vier Millionen Wohnungen ganz oder teilweise zerstört. Das entsprach mehr als einem Fünftel des gesamten Vorkriegsbestandes. Hinzu kamen die Probleme der Nahrungsmittel- und Güterversorgung.

Erst die anhaltende Hochkonjunktur des "Wirtschaftswunders" seit Anfang der 1950er-Jahre ermöglichte die wirtschaftliche und soziale Integration der Flüchtlinge, Vertriebenen und der mindestens 2,7 Millionen Zuwanderer aus der DDR zwischen 1949 und dem Mauerbau 1961. Umgekehrt bildeten sie gemeinsam zugleich ein qualifiziertes Arbeitskräftepotential, das das "Wirtschaftswunder" in erheblichem Maße mittrug.

Dabei wurde das bei Einwanderungsprozessen häufig zu beobachtende Unterschichtungsphänomen deutlich: Flüchtlinge und Vertriebene übernahmen vorwiegend – im Vergleich zu ihrer Qualifikation – statusniedrigere berufliche Positionen und verfügten dementsprechend auch über geringere Einkünfte. Aufstiegsmöglichkeiten gab es für viele von ihnen vor allem in den 1960er-Jahren mit der Ausweitung des Arbeitsplatzangebots und der Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften. Diese nahmen dann ihrerseits die am wenigsten geschätzten Positionen am Arbeitsmarkt ein.



 
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