Robert Mohr
Kriminalobersekretär bei der Gestapo-Leitstelle in München
20.4.2005
"Wie mir um diese Stunde selbst zumute war, kann man aus dem Zusammenhang ermessen. Nach einigen Worten des Trostes habe ich mich von Sophie Scholl verabschiedet."
Nicht der Gefängnispfarrer berichtet hier von seiner letzten Begegnung mit Sophie Scholl, sondern Robert Mohr, Kriminalobersekretär bei der Gestapo-Leitstelle in München. Tagelang hatte er die junge Frau nach allen Regeln der Kunst verhört und damit dem Volksgerichtshof die Argumente für ihr Todesurteil geliefert. Seine Erinnerungen an Sophies letzte Lebenstage hielt er 1951 in einem Bericht fest, den er auf Wunsch ihres Vaters Robert Scholl schrieb und den ihre Schwester Inge in ihrem Buch "Die Weiße Rose" veröffentlichte. Ob Mohrs Mitgefühl damals aufrichtig war oder ob er acht Jahre später sich selbst in ein besseres Licht stellen wollte, darüber lässt sich heute nur spekulieren.
Über Mohr, der im Verlauf der Ermittlungen zur "Weißen Rose" unter anderem auch Willi Graf und Robert Scholl vernahm, ist kaum etwas bekannt. Nur wenige Dokumente, darunter auch der von ihm selbst verfasste Bericht sowie Aussagen von Zeitzeugen, geben über ihn Auskunft. Robert Mohr, 1897 im pfälzischen Bisterstedt geboren, war ausgebildeter Schneider, arbeitete aber nie in diesem Beruf. Nach Ende des Ersten Weltkriegs, in dem er mit dem Eisernen Kreuz II ausgezeichnet wurde, ging er zur Polizei. 1923 heiratete er, ein Jahr später wurde Sohn Willi geboren. Am 1. Mai 1933 trat Robert Mohr in die NSDAP ein und war laut Parteiakte Mitglied in verschiedenen nationalsozialistischen Verbänden. Nach seiner Beförderung zum Polizeileiter in Frankenthal wechselte er 1938 zur Gestapo in München. 1943 wurde er dort Leiter der Sonderkommission, die sich mit den in München und in sechs weiteren Städten aufgetauchten regimekritischen Flugblättern befasste.
Die Niederschrift des Verhörs mit Sophie Scholl sagt wenig über den Charakter des Beamten aus. Robert Mohr machte demnach seine Arbeit, stellte Fragen, hakte bei bestimmten Themen nach und schaffte es, dass die junge Frau ihre Beteiligung an den Flugblatt-Aktionen gestand. In seinem Bericht an Robert Scholl schrieb Mohr jedoch, dass Sophies Charakterstärke ihn beeindruckt und er versucht habe, ihr das Leben zu retten. Demnach wollte er sie zu der Aussage bewegen, ihr Bruder Hans habe sie beeinflusst und sie sei politisch nicht mit ihm konform. Das Verhörprotokoll überliefert einen derartigen Überredungsversuch Mohrs im Wortlaut jedoch nicht. Sophie Scholl bekräftigt allerdings zweimal, dass sie zu ihrer politischen Überzeugung und zu ihrer Tat stehe.
Nach Abschluss der Ermittlungen gegen die studentische Widerstandsgruppe wurde Robert Mohr Chef der Gestapo im elsässischen Mulhouse. Etwa 1947 wurde er deswegen von den Franzosen interniert. Ab 1948 arbeitete Mohr bei der Kurverwaltung in Bad Dürkheim. Wegen seiner Rolle bei der Zerschlagung der "Weißen Rose" wurde er nie belangt.
Das Leben von Robert Mohr erscheint somit exemplarisch für all diejenigen, die während des Dritten Reichs Nationalsozialisten waren, pflichtbewusst ihren Dienst taten, dabei über Menschenleben entschieden und nach Kriegsende in der Bundesrepublik Deutschland oder anderswo unbehelligt ein bürgerliches Leben führten. Robert Mohr starb im Jahre 1977. In seinem Todesjahr wäre Sophie Scholl 56 Jahre alt geworden.
weitere Inhalte:
- Auszüge aus den Verhörprotokollen von Hans Scholl
- Der 20. Juli vor dem Volksgerichtshof
- Die Verhörprotokolle – sichere Quellen?
- Eine außergewöhnliche politische Figur: Das Erbe de Gaulles in der politischen Kultur Frankreichs
- Filmografische Angaben
- Glossar
- Hans und Sophie Scholl im Verhör
- Literatur
- "Sophie war ein ganz normales Mädchen."
- Unversöhnliche Erinnerungen
- Vor 70 Jahren: Aufstand im Warschauer Ghetto
- Warum erneut ein Film über Sophie Scholl?
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- Widerstand in Deutschland
- Widerstand und Zivilcourage im deutschen Film
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