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Antisemitismus

Antisemitismus in Deutschland


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Das traditionelle Vorurteil und seine Transformationen
Andreas Zick / Beate Küpper
Transformationen antisemitischer Mythen

Wir sind der Meinung, dass vielleicht mehr noch als Vorurteile gegenüber anderen Adressatengruppen der Antisemitismus als ein legitimierender Mythos verstanden werden kann. Sidanius & Pratto (1999) nehmen in ihrer Social Dominance Theory an, dass die zentrale Funktion von Vorurteilen – neben anderen Ideologien wie z.B. der Protestantischen Arbeitsethik – die Aufrechterhaltung und Erzeugung sozialer Hierarchien ist. Vorurteile produzieren und reproduzieren die soziale Rangordnung.

In seiner legitimierenden Funktion bietet der Antisemitismus moralische wie intellektuelle Rechtfertigung für bestehende oder angestrebte soziale Systeme und rechtfertigt somit auch Ungleichwertigkeit und Ausgrenzung bestimmter Gruppen, in diesem Fall von Juden. Auffällig ist, dass sich wie in vielen anderen Mythen in antijudaistischen Mythen religiöse Begründungen ('Christus- und Gottesmörder'), weltliche Begründungen ('Wucherjude'), politische Begründungen ('jüdische Weltverschwörung') und rassistische (natürliche) Begründungen (Charakter, Aussehen) finden. Auch wenn nicht zu jeder Zeit alle diese Begründungen gleichermaßen wirksam sind, bleiben antisemitische Mythen im kollektiven Gedächtnis erhalten (Bergmann 2001). Sie bieten sich immer wieder zur Erklärung alltäglicher und gesellschaftspolitischer Ereignisse an und bleiben so bewahrt.

Wir meinen, dass moderne, weniger offen erkennbare Formen des Antisemitismus im Vergleich zum traditionellen Antisemitismus ein Vorurteil ausdrücken, das auf den Zeitgeist transformiert wird, im Kern aber die traditionellen Mythen transportiert. Eine solche Transformation stellt sich u.a. in antisemitischen Einstellungen dar, die versteckt antisemitisch auf Israel rekurrieren und das Vorurteil auf Umwegen kommunizieren. Traditionelle Mythen von Konspiration, Verrat und Weltherrschaftstreben werden dabei in der Kritik aktueller israelischer Politik transportiert. So findet sich der Konspirationsverdacht sowohl in seiner klassischen Variante eines unterstellten großen Einflusses in Wirtschaft und Politik generell wie spezifisch von amerikanischen Ostküsten-Juden auf die Nah-Ost-Politik bis hin zum gerade in der Arabischen Welt populären Gerücht einer Mitwirkung des Mossad am Terroranschlag vom 11/9.

Sogar der Mythos von "Juden als Kindesmörder" wird immer wieder medial auch in Deutschland weitergetragen wie Jäger und Jäger (2003) in einer Analyse von Printmedien über den Nah-Ost-Konflikt seit Beginn der 2. Intifada zeigen. Ebenso lässt sich v.a. ein Schuldvorwurf in vielen antisemitische Argumenten entdecken von den Anfängen der Beschuldigung am Tod Christi, über vergiftete Brunnen im Mittelalter und in dem aktuellen Vorwurf eines Genozids an den Palästinensern oder der Schuld des organisierten Judentums am Antisemitismus gipfelt (vgl. Benz 2004). Auch die Umkehr von Opfern zu Tätern findet sich dort sowie im Vorwurf einer Mitschuld am Holocaust. Die mehrheitliche Ächtung des Antisemitismus wird durch die Transformation des direkten Vorurteils umgangen. Diese dem Zeitgeist angepassten Facetten werden in der Antisemitismusforschung etwas abweichend als sekundärer (Bergmann 2002) oder auch latenter (Frindte 1999) Antisemitismus bezeichnen, wobei weitgehend Konsens über seine Ausformungen besteht. Unter dem Label "neuer Antisemitismus" werden vor allem jene Facetten diskutiert, die über den Umweg einer Israelkritik kommuniziert werden (Rabinowitz/Speck/Sznaider 2004; Gessler 2004). [8]

Wir definieren alle moderneren Facetten durch das Konstrukt des transformierten Antisemitismus, um zu betonten, dass auch in solchen dem Zeitgeist angepassten Erscheinungsform überkommene antisemitische Mythen transportiert werden (Zick/Küpper 2005a). Neben den beiden oben genannten traditionellen Facetten (Mythos vom Einfluss der Juden und der Mitschuld an der Verfolgung) sind aktuell fünf transformierte Facetten zu identifizieren:
  1. den Vorwurf der Vorteilsnahme aus der Vergangenheit des Holocaust;
  2. die (implizite) Forderung nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit, die sich in einer Abwehr der Erinnerung und Vorhaltung der Verbrechen an den Juden äußert;
  3. ein israelbezogener Antisemitismus, also eine Ablehnung von Juden, die durch die israelische Politik legitimiert wird und eine Gleichsetzung von Juden überall auf der Welt und Juden in Israel;[9]
  4. eine Israelkritik, die auf (unnötige) NS-Vergleiche und Assoziationen zurückgreift, wie etwa die Verwendung des Begriffs "Vernichtungskrieg" seitens der Israelis im Nahen Osten oder sogar eine Gleichsetzung der israelischen Militäraktionen gegen Palästinenser mit dem Holocaust;
  5. ein separationistische Antisemitismus, der Juden ausgrenzt, indem unterstellt wird, dass sie sich nicht primär mit Deutschland sondern Israel identifizierten.
Die Zustimmung zum transformierten Antisemitismus ist ausgesprochen hoch. Im Frühsommer 2006 stimmten 41.5% (51.8% in 2002) der Aussage zu: "Viele Juden versuchen aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen." Fast 62% der Befragten ärgerten sich in 2006 darüber, "dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden", und forderten damit implizit einen Schlussstrich. In 2004 unterstrichen dies ebenso viele Befragte mit ihrer Zustimmung zu der Aussage: "Ich bin es leid, immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören." Fast 32% äußerten in der GMF-Umfrage 2004 Antisemitismus mit Israelbezug, d.h. sie verallgemeinerten Juden mit Israel: "Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer." 44.4% bestätigten diesen Vorwurf: "Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat."

Besonders hoch ist die Zustimmung zur NS-vergleichenden Israelkritik: 68.4% der Befragten stimmten in 2004 der Aussage eher oder sogar voll und ganz zu, dass Israel einen "Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser" führt, und 51, 2% der Befragten meinten: "Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reichen mit den Juden gemacht haben." 90% derjenigen, die eine Kritik an Israel äußern, die zwar hart ist, aber ohne antisemitische Untertöne auskommt, stimmen auch mindestens einer Facette des Antisemitismus zu. Ebenso drückten viele Befragte einen separatistischen Antisemitismus aus, indem sie zustimmten: "Die deutschen Juden fühlen sich stärker mit Israel als mit Deutschland verbunden" (55.5% in 2004) bzw.: "Die Juden hierzulande interessieren sich mehr für israelische als für deutsche Angelegenheiten" (47.7%).

Bemerkt sei, dass der oben berichtete Zusammenhang von Alter, Bildungsniveau und politischer Orientierung auch für diese transformierten Facetten gilt – mit höherem Alter, abnehmendem Bildungsniveau und politischer Orientierung nach rechts steigt die Zustimmung. Doch auch fast 89% derjenigen, die sich selbst politisch "genau in der Mitte" einordnen, stimmen mindestens einer Facette des Antisemitismus zu. Mehr noch als Befragte des linken Spektrums unterstützen sie insbesondere eine Israelkritik, die Vergleiche zu den Verbrechen der Nationalsozialisten bemüht, was eigentlich für eine angemessene Kritik vollkommen überflüssig ist.


23. Januar 2007

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Redaktion
Dossier
Antisemitismus
Antisemitismus
Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme der heutigen Welt sieht. Das Dossier beleuchtet Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft und hilft, sie zu entlarven.
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