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Jahre der Rebellion

Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968


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Stefan Wolle
I. Der ungeteilte Himmel

Wolf Biermann
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Das Lied von Wolf Biermann "Du, lass Dich nicht verhärten/In dieser harten Zeit" wurde so etwas wie die heimliche Hymne der "anderen DDR". Foto: AP
"Es war für uns immer schmerzlich zu sehen, wie die Mauer unser Vaterland teilte", meinte der Redakteur einer großen Tageszeitung des Springer-Verlages. Tatsächlich hatte man von der Kantine im obersten Stockwerk des Verlagshauses einen weiten Blick über das Terrain der ehemaligen Sperranlagen. Als der Kollege zu ausschweifenden topographischen Erklärungen auszuholen drohte, unterbrach ich ihn: "Ich kenne die Gegend einigermaßen. Ich bin hier zur Schule gegangen." Ich zeigte ihm durch die Scheibe der hoch gelegenen Kaffeestube den unauffälligen Schulbau aus der wilhelminischen Zeit. Das fremdvertraute Gebäude schien von hier aus zum Greifen nah und gleichzeitig unendlich weit fort. An Wintertagen konnte man von dort in der ersten Unterrichtsstunde die Meldungen auf dem Nachrichtenbalken lesen, der damals auf dem Springerhochhaus montiert war. Gelegentlich schimpfte der Staatsbürgerkundelehrer auf den "Lügenbalken", und die Schüler grinsten sich eins. Allerdings schien diese Form der Nachrichtenübermittlung schon damals irgendwie unzeitgemäß. Als ob es im Osten keine Radioapparate und Fernseher gegeben hätte.

Zur Person
Stefan Wolle
Dr. phil., geb. 1950; Studium an der Humboldt-Universität Berlin; bis 1989 Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR; seit 2001 Mitarbeiter der Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin.

Als Ostern 1968 die Krawalle rund um das Springerhaus tobten, konnte man die Polizeisirenen und Sprechchöre hören. Viele von uns platzten damals vor Neid, nicht dabei sein zu können. Einen Steinwurf weit tobte die Revolte, doch dazwischen lag die Mauer und niemand durfte es dort wagen, auf wen auch immer mit Steinen zu schmeißen. Doch in den Kaffeehäusern und Buchhandlungen im Stadtzentrum von Ost-Berlin traf man gleichaltrige junge Leute aus dem Westen, die mit leuchtenden Augen von ihrem Aufbegehren gegen das Establishment erzählten. Sie waren wie kleine Kinder, die aufgeregt von ihren Spielen im Buddelkasten berichteten. Wenn sie von "Bullenschweinen", gar von der "repressiven Toleranz des scheißliberalen Systems" oder vom "Konsumterror" sprachen, wirkte das damals schon wunderlich naiv. Von dem System in der DDR hielten sie genau wie wir nicht sonderlich viel. Doch erklärten sie uns: "Historisch gesehen seid ihr schon einen Schritt weiter. Ihr müsst nur die Demokratie einführen. Dann haben die Rechten auch bei uns verspielt." Ich weiß noch, dass ich es damals versprochen habe. Im Stillen dachte ich: "Eines Tages werden wir euch die Show stehlen. Die eigentliche Schlacht wird im Osten geschlagen werden - in Prag, Budapest, Warschau und eben bei uns." Das schien bis in die Morgenstunden des 21. August 1968 auch noch möglich.

Beim Blick vom Springerhochhaus auf das alte Schulgebäude erinnerte ich mich daran, dass auch damals in ganz ähnlicher Weise der Westen zum Greifen nah und gleichzeitig unendlich weit fort war. Die Mauer war nicht allein ein monströses Bauwerk. Sie war die eiserne Klammer, die das SED-System zusammenhielt, eine gigantische Projektionsfolie der beiderseitigen legitimationsstiftenden Bedrohungsängste. Nur eines war die Mauer nicht: eine wirkungsvolle Sperre, die den freien Flug der Gedanken behinderte. Niemals gelang es den Machthabern der DDR, eine geistige Quarantäne über ihr Land zu verhängen. Entgegen anderslautenden Meinungen war der Himmel über Berlin niemals geteilt.

II. Reform und Stagnation

Die Jahre zwischen dem Mauerbau und dem Ende des Prager Frühlings waren in der DDR von einer seltsamen Ambivalenz. Am Anfang stand die wirtschaftliche, politische und moralische Katastrophe. Mit dem Mauerbau vom 13. August 1961 und den ersten Todesopfern an dieser Grenze erreichte das Ansehen des SED-Regimes in Deutschland und der Welt einen neuen Tiefpunkt. Dennoch resultierte gerade aus der offenbaren Brutalität der Mauer bei westlichen Politikern die Erkenntnis, dass die Spaltung Deutschlands nicht durch eine Politik der Konfrontation zu beseitigen, sondern nur durch allmähliche Veränderungen in ihren Folgen zu mildern sei. So wurden die Todesschüsse an der Mauer zum Ausgangspunkt einer Politik der Wandlungen, an deren Ende der Untergang des SED-Systems stehen sollte.

Ein ähnlicher Vorgang vollzog sich im Inneren der DDR. Nur mit Gewalt war es möglich gewesen, die Menschen am Weglaufen aus dem "Arbeiter-und-Bauern-Staat" zu hindern. Die DDR wurde durch den Mauerbau zu jener "geschlossenen Gesellschaft", die sie bis 1989 geblieben ist.

Nach einer Phase verschärfter Repression begann das SED-Regime, seinen Untertanen Angebote zu machen. Im November 1961 erreichte die zweite Welle der Entstalinisierung auch die DDR. In Moskau regierte Nikita Sergejewitsch Chruschtschow. Die Schritte auf dem Weg in den Kommunismus hatte der XXII. Parteitag der KPdSU im Oktober 1961 genau festgelegt. Innerhalb von 20 Jahren wollte man den Kommunismus errichten. "Der Traum, '100 Jahre zu leben, ohne zu altern', wird Wirklichkeit", erfuhr der erstaunte Leser auch auf der Titelseite des Zentralorgans der SED [1]. All dies sollte bereits 1980 Realität werden.

In der DDR, Ungarn und der Tschechoslowakei gaben die Parteizentralen nun grünes Licht für Studiengruppen von Wirtschaftsfachleuten, die Pläne für umfassende Wirtschaftsreformen auszuarbeiten begannen. Die Betriebe sollten mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortung bei der Planung erhalten, die Preise flexibler und realistischer werden, neueste Technik sollte schnell in die Produktion überführt werden. NÖSPEL hieß das Zauberwort. Dahinter verbarg sich das "Neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft", welches der VI. Parteitag der SED verabschiedete. Am konsequentesten ging in der CSSR eine Arbeitsgruppe ans Reformwerk. Anfangs hatte diese Gruppe gute Kontakte zu den führenden Wirtschaftsleuten in der DDR. Doch als aus der Wirtschaftsreform eine Reform der Machtstrukturen zu werden drohte, trat der konservative Flügel der Parteiführung auf die Bremse.

Durch das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 wurde die Beat-Musik verboten, Künstler und Schriftsteller an den Pranger gestellt, Filme und Theaterstücke verboten. Dabei ging es in weit größerem Maße, als die Öffentlichkeit damals ahnte, um die Wirtschaftsreformen, die nun nur verlangsamt weitergeführt werden konnten. Dennoch setzte sich die allgemeine Reformhektik fort, die viel durcheinander wirbelte: Eine Hochschulreform und eine Akademiereform rollte über die Institutionen hinweg.

III. Der Jugend gehört die Zukunft

Immerhin waren Kritik und neue Ideen gefragt. Das System brauchte die Mitarbeit oder wenigstens die Loyalität eines größeren Teils der Bevölkerung, und es bot Karrierechancen, Sinnerfüllung, materielle Vorzüge und soziale Sicherheit. 1963 erließ die Partei ein "Jugendkommuniqué", ein Jahre später folgte ein "Jugendgesetz", das den politischen Anspruch in Paragraphen fassen sollte [2].

Die SED-Führung wollte sich nicht allein auf die agitatorische Wirkung solcher Proklamationen verlassen. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) erließ 1966 eine umfangreiche Dienstanweisung "Zur politisch-operativen Bekämpfung der politisch-ideologischen Diversion und Untergrundtätigkeit unter jugendlichen Personenkreisen in der DDR" [3]. Diese von Mielke unterzeichnete Dienstanweisung wurde bis 1969 immer wieder durch weitere Befehle und Weisungen ergänzt [4]. Es war ohne Zweifel ein Grundsatzdokument, das die offiziellen Dokumente der Jugendpolitik ergänzte. Denn die Entwicklung der jungen Generation bereitete der SED-Führung großes Kopfzerbrechen. "Der Gegner", heißt es in einer umfassenden Analyse der MfS-Bezirksverwaltung Berlin, "unternimmt verstärkte Anstrengungen . . ., mittels einer breiten Skala von Möglichkeiten der politisch-ideologischen Diversion Einfluss auf die Jugendlichen in der Hauptstadt der DDR zu gewinnen." [5]

Ein besonders trübes Bild zeichnete der Stasi-Bericht von der Berliner Humboldt-Universität: "Unter den Studenten der Humboldt-Universität hat sich das Wirken Havemanns und die ungenügende Einflussnahme der Parteiorganisation gegen seine schädlichen Theorien teilweise nachteilig auf die Bewusstseinsbildung ausgewirkt. . . . Es ist aber bekannt, dass viele Studenten mit ihrer wahren Meinung zurückhalten. Während sie in den Seminaren eine richtige Position beziehen, vertreten sie in den Gesprächen untereinander eine andere, vielfach entgegengesetzte Meinung." [6]

Der Bazillus der Aufsässigkeit machte sich unter den DDR-Studenten breit. Die habituellen Gesten und Symbole des Protestes kamen tatsächlich aus dem Westen. Anette Simon meint in ihrem Versuch, das Generationsgefühl in Ost und West zu vergleichen: "Die Achtundsechziger der DDR sind genau wie ihre Schwestern und Brüder im Westen geprägt von der Musik dieser Zeit und dem Lebensgefühl, das sie transportierte. Auch die antiautoritären Gedanken und Haltungen schwappten in jeder Weise über die Grenze." [7]


09. Januar 2008

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Redaktion
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