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Dossier - Lateinamerika

Die historische Entwicklung Paraguays


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Barbara Potthast
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Nicanor Duarte Frutos während einer Wahlkampf-Fernsehdebatte am 23.4. 2003, bei den Wahlen gewann Frutos und ist seit dem 15.8.2003 Präsident von Paraguay. (Bild: ap)
Paraguays historische Entwicklung ist durch eine Reihe von Problemen gekennzeichnet, die sich aus seiner geografischen Lage ergeben. In der Mitte des südamerikanischen Subkontinents, aber abseits der wichtigen kolonialen Handelsrouten gelegen und ohne nennenswerte Bodenschätze, entstand auf der Basis relativer Armut eine mestizische Gesellschaft, in der die indigene Sprache, das Guaraní, zur von allen sozialen Gruppen gesprochenen Verkehrssprache wurde, ein Charakteristikum, das Paraguay bis heute von allen anderen lateinamerikanischen Gesellschaften abhebt. Diese Zweisprachigkeit, die als Zeichen ethnischer Homogenität gedeutet werden konnte, erlangte allerdings erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Bedeutung für die nationale Identität.

Zur Person

Barbara Potthast studierte in Köln und Sevilla Geschichte und Hispanistik. 1992 habilitierte sie sich in der Abteilung für Iberische und Lateinamerikanische Geschichte der Universität zu Köln. Seit dem Wintersemester 2000 ist sie dort Universitätsprofessorin und Leiterin der Abteilung. Die Autorin ist Mitherausgeberin des Jahrbuches zur Geschichte Lateinamerikas und der \"European Review of Latin America and the Caribbean\" sowie seit 1996 Vorstandsmitglied der interdisziplinären \"Arbeitsgemeinschaft Deutscher Lateinamerikaforschung\" (ADLAF) und seit 2004 deren Vorsitzende.

1813 erklärte Paraguay als einer der ersten lateinamerikanischen Staaten seine Unabhängigkeit, diese wurde jedoch von Buenos Aires nicht anerkannt, was versuchte, durch die Blockade der Flüsse, auf die Paraguay für seinen Außenhandel angewiesen war, das Land in die Knie zu zwingen. Angesichts dieser Krise ernannte der Kongress den Rechtsanwalt Dr. José Gaspar Rodríguez de Francia zum alleinigen Diktator auf fünf Jahre, wenig später sogar auf Lebenszeit. Francia versuchte, den politischen Wirren seiner Nachbarstaaten durch strikte Nicht-Einmischung auszuweichen und dem wirtschaftlichen Druck aus Buenos Aires durch einen weitgehenden Verzicht auf Außenhandel aus dem Weg zu gehen. Gleichzeitig entmachtete er die alte Elite, die durch diese Politik verarmte. Paraguay blieb bis zum Tod Francias 1840 ein autoritär regiertes, isoliertes, wirtschaftlich auf Subsistenzproduktion ausgerichtetes Land, das allerdings auch keine Schulden hatte.

Wege aus der Isolation

1844 wurde Carlos Antonio López zum Präsidenten für zehn Jahre, 1854 für weitere drei und 1857 erneut für zehn Amtsjahre gewählt. Zwar war die politische Macht von López kaum weniger umfassend als diejenige des Diktators Francia, doch erließ er 1844 erstmals Verfassungsgrundsätze und zollte deren Institutionen größeren Respekt. Auch begann er mit dem Aufbau einer Verwaltung und räumte anderen sozialen Gruppen wieder etwas größeren Spielraum ein. Entscheidend für die weitere Entwicklung war vor allem die allmähliche Öffnung des Landes. López schloss Verträge mit europäischen "Experten", um das Bildungs-, Transport- und Kommunikationswesen zu modernisieren, ließ Fabriken bauen und professionalisierte das Militär. Die kleinbäuerliche Wirtschaft und der vom Staat monopolisierte Export von Yerba Mate blieben aber die Grundlage der Wirtschaft.

Carlos Antonio López starb 1862, und trotz des Widerspruches einiger Abgeordneter wurde seinem Sohn Francisco Solano die Präsidentschaft übertragen. Francisco Solano López verstrickte das Land ab 1864 in einen Krieg, der bis heute ein zentrales Ereignis der paraguayischen Geschichte und seiner nationalen Identität darstellt.

Diese so genannte Tripel-Allianz, in der Brasilien, Argentinien und Uruguay gegen Paraguay kämpften, wurde erst 1870 durch den Tod des Präsidenten López beendet. Paraguay, aber auch die Alliierten, hatten durch Kriegshandlungen und Epidemien erhebliche Verluste hinnehmen müssen, Paraguay verlor vermutlich etwas mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung sowie einen großen Teil seines Territoriums. Nach dem Krieg erhielt das Land eine liberale Verfassung nach argentinischem Vorbild. Die ausländischen Truppen verließen das Land 1876, doch das völlig zerstörte und politisch orientierungslose Paraguay blieb instabil und abhängig vom Einfluss der Besatzungsmächte. Eine gewisse Stabilisierung trat erst mit der Präsidentschaft Bernardino Caballeros (1880-86) ein, der auch Mitbegründer der Asociación Nacional Republicana (ANR, besser bekannt als Colorado-Partei) war. Diese dominierte die paraguayische Politik bis 1904, die darauffolgende Zeit bis zum Chaco-Krieg (1932-36) war durch die Vorherrschaft der Liberalen (Partido Liberal) gekennzeichnet. Allerdings kam es immer wieder zu Abspaltungen in der Parteienlandschaft sowie zu Aufständen.

Dünn besiedelte Parteienlandschaft

Trotz aller Demokratiedefizite konnten sich die beiden großen Parteien fest in der politischen Landschaft Paraguays etablieren, andere Gruppierungen waren meist nur von kurzer Dauer. Dies liegt weniger an ideologischen Unterschieden, die sehr gering sind, als vielmehr daran, dass die Parteien patriarchalische Schutz- und Hilfefunktionen für ihre Mitglieder übernahmen und durch einen Heldenkult auch die emotionalen Bindungen stärken konnten. Die Parteien, vor allem die langjährige Regierungspartei der Colorados verschaffen ihren Mitgliedern bis heute Posten in der Verwaltung und andere Vergünstigungen. Dies erklärt auch, warum heute 80 Prozent der registrierten Wähler in einer der beiden Parteien organisiert sind, auch wenn ein ebenso hoher Prozentsatz an Paraguayern die politischen Parteien für wenig vertrauenswürdig hält.

Die allmähliche demografische und ökonomische Erholung des Landes wurde flankiert durch die Einwanderung von Europäern. Diese wurden auch dadurch angezogen, dass Paraguay ab 1884 zur Konsolidierung des Haushaltes den Verkauf des ausgedehnten staatlichen Besitzes erlaubte. Dies zog zwar ausländische Investoren und Einwanderer an, initiierte aber auch einen Konzentrationsprozess, der zwar erst in späteren Jahrzehnten zu einem Problem für die ärmere Landbevölkerung werden sollte, von vielen aber auch als ein Ausverkauf des Landes verstanden wurde. Trotz aller Krisen und Probleme konsolidierte sich das politische System ab 1912 allmählich und die grassierende Korruption sowie die Dominanz der Militärs konnte teilweise eingedämmt werden. Allerdings lebte der größte Teil der – zumeist ländlichen - Bevölkerung weiterhin in Armut.

Krieg gegen Bolivien

Paraguay wurde von 1932 bis 1935 erneut in einen der blutigsten Kriege der lateinamerikanischen Geschichte verwickelt, den Krieg um den Chaco mit Bolivien. Diesmal ging Paraguay als Sieger aus dem Krieg hervor. Unmittelbar nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes brachen in Paraguay erneut die politischen Querelen auf, und durch den Krieg bekannt gewordene Militärs bestimmten zunehmend die öffentliche Debatte. In der Nacht vom 16. zum 17. Februar 1936 putschte das Militär unter Oberst Rafael Franco, einem populären Helden des Chaco-Krieges. Sein Programm stand stark im Zeichen autoritären und nationalistischen Denkens, mit Anleihen an faschistisches Gedankengut. In seiner Regierung saßen jedoch auch Vertreter von Studenten- und Arbeiterorganisationen, die sich zu einer "nationalrevolutionären" Partei mit linker Orientierung zusammengeschlossen hatten. Mit Franco hielt die Vorstellung von der Armee als dem eigentlichen Hüter nationaler Interessen Einzug in die paraguayische Politik.

Die so genannte "Februarrevolution" war jedoch nur von kurzer Dauer, denn bereits im August 1937 wurde sie durch einen erneuten Militärputsch und die Ansetzung von Neuwahlen beendet. Der populäre General José Felix Estigarribia wurde zum Präsidenten gewählt, rief angesichts weiterer Unruhen jedoch den Ausnahmezustand aus und ließ eine neue Verfassung ausarbeiten. Diese trug stark autoritäre Züge, unter Einbeziehung einiger korporativer Elemente, und wurde im August 1940 mit großer Mehrheit, wenn auch bei geringer Wahlbeteiligung, angenommen. Noch bevor der neue Kongress zusammentreten konnte, kam Estigarribia, auf den die Verfassung zugeschnitten war, im September 1940 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Die Militärs ernannten daraufhin einen weiteren General, Higinio Morínigo, zum Präsidenten. Dieser hatte mit weiteren Rebellionen sowohl von Teilen der Militärs als auch von Studenten und Arbeitern zu kämpfen. Er verbannte in der Folge schließlich auch die Parteien aus dem politischen Geschehen, bis er diese auf Druck der USA 1946 wieder zulassen und Wahlen anberaumen musste, damit aber einen Bürgerkrieg heraufbeschwor. Aus diesen Auseinandersetzungen gingen 1948 die Colorados als Sieger hervor, doch spalteten sie sich in den folgenden Jahren immer wieder in verschiedene Fraktionen, so dass es zu einer Reihe von instabilen Regierungen und Diktaturen kam. 1954 stellten die Colorados General Alfredo Stroessner, der bereits an mehreren Militärcoups beteiligt gewesen war, als Präsidentschaftskandidaten auf. Diese Kombination aus Partei und Militär stellte, neben der Repression und der Korruption, die Grundlage für folgende 35 Jahre währende Regierungszeit Stroessners dar.


08. Januar 2008

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