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Sophie Scholl und Die Weiße Rose

Widerstand und Zivilcourage im deutschen Film

Stefanie Zobl
Das Dritte Reich ist 60 Jahre nach seinem Ende zu einem Dauerthema im deutschen Film geworden. Die Vermutung liegt nahe, dass die Regisseure dieses furchtbare Kapitel deutscher Geschichte weiter aufarbeiten wollen. Möglicherweise möchte sich aber die jüngere Generation damit auch aus einer gewissen Befangenheit lösen.

Auffallend ist, dass die NS-Zeit vor allem aus zwei Perspektiven betrachtet wird: Einerseits versuchen sich Filmemacher wie Oliver Hirschbiegel in "Der Untergang" (2004) oder Lutz Hachmeister in "Das Goebbels-Experiment" (2005) der Nazi-Elite als Privatmenschen und somit dem System von innen heraus zu nähern. Andererseits geht es, wie etwa in Marc Rothemunds Film "Sophie Scholl – Die letzten Tage" (2005), verstärkt um das Thema Widerstand und Zivilcourage im Dritten Reich. Abgesehen davon, dass es sich dabei meist um hochdramatische Geschichten und damit gutes Erzählkino handelt, sind sie auch eine – sicherlich gern gesehene – Vergewisserung, dass es sie gab: Menschen, wenngleich auch in der Minderheit, die sich dem Hitler-Regime widersetzten.

Deutsche Geschichte(n)

Sophie Scholl und ihre Freunde, die unter dem Namen "Die Weiße Rose" regimekritische Flugblätter verbreiteten und dafür hingerichtet wurden, sind nicht zuletzt durch drei Spielfilme – wobei Marc Rothemunds Film das jüngste Beispiel markiert – einem breiten Publikum bekannt. Andere, die sich gegen das NS-System auflehnten, waren dagegen lange Zeit fast in Vergessenheit geraten.
Filmszene "Rosenstraße"
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Mutige Frauen: Lena Fischer (Katja Riemann) und andere Frauen protestieren gegen die Inhaftierung ihrer jüdischen Ehemänner. Szene aus Margarethe von Trottas Film "Rosenstraße", © Concorde
So etwa die "arischen" Frauen, die im Februar 1943 in der Berliner Rosenstraße für die Freilassung ihrer inhaftierten jüdischen Ehemänner demonstrierten. Mit ihrem Protest konnten sie deren Deportation nach Auschwitz verhindern. Margarethe von Trotta setzte ihnen 2003 mit dem Film "Rosenstraße" ein filmisches Denkmal. Eine wenig bekannte Geschichte erzählt auch Volker Schlöndorff mit "Der neunte Tag" (2004). Der Film basiert auf dem tagebuchartigen Bericht "Pfarrerblock 25487" des katholischen Abbés Jean Bernard, in dem er seine Erlebnisse im Konzentrationslager Dachau dokumentiert. Bernard, im Film heißt er Henri Kremer, wird von den Nationalsozialisten während eines "Urlaubs" vom Konzentrationslager ein Handel vorgeschlagen, der ihm die Freiheit in Aussicht stellt. Doch der Geistliche wählt den Weg seines Gewissens. Die jugendlichen Protagonisten in "Napola – Elite für den Führer" (2005) sind zwar ausschließlich erfundene Charaktere, inspiriert wurde Regisseur Dennis Gansel aber von den persönlichen Erfahrungen seines Großvaters in einer der "Napola" (Nationalpolitische Erziehungsanstalt) genannten Kaderschmieden der Nazis.

Gibt es eine historische Wahrheit?

All diese Filme basieren auf Zeitzeugenberichten oder, wie im Fall von Rothemunds Film, auf zeitgeschichtlichen Dokumenten wie den Verhörprotokollen der Gestapo. Mit der Verfilmung von historischen Stoffen werden die Filmemacherinnen und Filmemacher zu Chronistinnen und Chronisten, gleichzeitig müssen sie die Ereignisse analysieren und interpretieren. Volker Schlöndorff merkte in einem Interview mit "die tageszeitung" an, dass es eine historische Wirklichkeit nicht gäbe. Selbst authentische Überlieferungen reflektieren seiner Ansicht nach nur einen Ausschnitt der Realität aus einem bestimmten Blickwinkel. Im Gegensatz zum Dokumentarfilm hat der Spielfilm dabei die künstlerische Freiheit, etwa auch die Gefühlswelt historischer Personen darzustellen und die Ereignisse von deren imaginärem inneren Standpunkt aus zu erzählen. Die Hauptfiguren der vier erwähnten Filme sind im Kampf gegen das nationalsozialistische System jeweils auf sich allein und ihr Gewissen gestellt. Die fiktive Herangehensweise erlaubt es, in diesem Kampf ihre unterstellte emotionale Zerrissenheit spürbar werden zu lassen und damit auf einer menschlichen Ebene die Identifikation des Publikums mit den Figuren zu fördern.

Mut aus persönlicher Betroffenheit

Woher nehmen die Protagonisten dieser vier Filme also die Kraft zum Widerstand? Was macht ein Aufbegehren gegen das faschistische System für sie notwendig? Die Filme zeigen als stärkstes Motiv die persönliche Betroffenheit. Alle nehmen das Regime – zum Teil durch ein Schlüsselerlebnis – als unmenschlich wahr und schöpfen daraus ihren Mut zum Nein: Der junge Friedrich in "Napola" erlebt, dass Schwächere keine Chance haben. Ein bettnässender Mitschüler und sein sensibler Freund Albrecht werden von Lehrern und Eltern dermaßen schikaniert, dass sie den Freitod wählen. In "Rosenstraße" wird Lena Fischers jüdischer Ehemann von den Nationalsozialisten verhaftet. Sophie Scholls christlich-humanistisches Weltbild ist mit den Nazi-Verbrechen nicht vereinbar. Und Abbé Kremer in "Der neunte Tag" erlebt das Grauen des Konzentrationslagers am eigenen Leib.

Größer als das Leben

Die vier Hauptfiguren werden in den jeweiligen Filmen zu moralischen Instanzen, manchmal fast zu Heiligen hochstilisiert und damit als Gegensatz zum ebenfalls häufig dargestellten Stereotyp des monströsen Nazis. Eine Schwarz-Weiß-Malerei, die der Realität nicht entspricht. Die Sophie Scholl in Marc Rothemunds Film zeigt zwar durchaus die Diskrepanz zwischen ihrer kontrollierten Stärke im Verhör und ihrer ungewissen Angst in der Gefängniszelle. Doch zutiefst menschliche und wenig schmeichelhafte Gefühle, wie etwa Wut, die in ihrer ausweglosen Situation durchaus vorstellbar sind, scheinen ihr fremd zu sein. Ähnlich verhält es sich mit Lena Fischer in "Rosenstraße". Sie ist in ihrem grenzenlosen Edelmut, mit dem sie sich für die Inhaftierten einsetzt und am Ende sogar für deren Wohl mit Propagandaminister Joseph Goebbels ins Bett geht (wie oben geschrieben: das ist die künstlerische Freiheit eines Spielfilms), fast größer als das Leben.
Filmszene aus "Der neunte Tag"
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Auf Leben und Tod: Ulrich Matthes (l.) als Abbé Kremer und August Diehl als Gestapo-Chef in "Der neunte Tag" von Volker Schlöndorff, © Progress Film-Verleih
Und in "Napola" zieht Friedrich, nachdem er sich den hohen Erwartungen seiner Ausbilder bewusst widersetzt hat, angeschlagen, aber geläutert in eine ungewisse Zukunft. Nur in "Der neunte Tag" erscheint der Abbé als ein gebrochener, komplexer, mit seinen Überzeugungen hadernder Charakter. Seine Entscheidung für sein Gewissen gibt ihm jedoch die Kraft, sich erneut dem Schrecken des Konzentrationslagers zu stellen.

Heldengeschichten?

Es zeigt sich, dass die Hauptcharaktere in den vorgestellten Filmen tendenziell überhöht gezeichnet werden. Die Gefahr dabei: Die Zuschauenden bleiben außen vor, können sich nicht wirklich in dieser übermenschlichen Stärke wiedererkennen. Das Ideal von Widerstand und Zivilcourage bleibt für sie als "Normalsterbliche" unerreichbar. Dennoch: Diese Filme zeigen, zumal wenn sie sich auf historische Ereignisse beziehen, dass Widerstand im Dritten Reich möglich war, dass sich mutigen Menschen, die sich nicht mit dem Unrecht der Nazis abfinden wollten, ganz unterschiedliche Mittel boten, Rückgrat zu zeigen – von der politischen Agitation bis zur individuellen Stellungnahme im kleinen Kreis. Damit setzen die Filme auch ein Zeichen für die heutige Zeit, denn, wie Schlöndorff im Interview mit www.kinofenster.de sagte: "Zivilcourage beweist sich täglich in kleinen Dingen, es muss nicht immer gleich um Leben oder Tod gehen wie bei Pfarrer Kremer".


20. April 2005


 
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Filmheft: Sophie Scholl - Die letzten Tage
Zivilcourage und Kompromisslosigkeit kennzeichneten Sophie Scholls Geisteshaltung bis zuletzt.
Filmheft: Rosenstraße
Margarethe von Trotta erinnert mit ihrem Spielfilm an den Frauenaufstand in der Rosenstraße im Frühjahr 1943.
Filmheft: Der neunte Tag
Urlaub vom Konzentrationslager – das klingt absurd. Doch genau das widerfährt dem Luxemburger Abbé Henri Kremer.
Aus Politik und Zeitgeschichte: Der 20. Juli 1944 im deutschen Film
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Im Hollywood der 1920er-Jahre ist George Valentin ein gefeierter Stummfilmstar. Doch als der Tonfilm eingeführt wird, geht es mit seiner Karriere bergab. The Artist ist mit seinem Verzicht auf Sprache, Geräusche und Farbe ganz im Stil von Stummfilmklassikern gehalten. Der Film lässt damit die Erzählkunst des frühen Kinos wieder auferstehen. Außerdem: ein Arbeitsblatt für den Unterricht.
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