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Konzepte, Strategien und Tätigkeitsfelder
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Traumaarbeit |  |
| Karin Griese |
| Massive Gewalt in kriegerischen Konflikten überschreitet oft das, was Menschen psychisch und sozial verarbeiten können. Traumaarbeit schafft für viele Menschen überhaupt erst die Möglichkeit, sich aktiv an Konfliktbewältigung und Wiederaufbau zu beteiligen.
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| Zu sehen, wie andere Menschen misshandelt, vergewaltigt und getötet werden, liegt jenseits "normaler" menschlicher Erfahrungen. Solche traumatischen Ereignisse lösen existentielle Bedrohung und Todesangst aus. Foto: AP |
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 |  | Gewalt und Grausamkeit kriegerischer Konflikte überschreiten oft das, was Menschen individuell oder als Gemeinschaft psychisch und sozial verarbeiten können. Große Teile der Bevölkerung erleben eine Vielzahl traumatischer Ereignisse. Hinzu kommt die nachhaltige Zerstörung sozialer und gesellschaftlicher Strukturen, Armut und unzureichende gesundheitliche Versorgung. Die psychische Stabilisierung mit Hilfe von Traumaarbeit, psychosozialer Arbeit oder Selbsthilfegruppen schafft in der Nachkriegszeit für viele Menschen überhaupt erst die Möglichkeit, sich aktiv an der friedensfördernden Bewältigung gesellschaftlicher Konflikte und am gesellschaftlichen Wiederaufbau zu beteiligen. Dabei ist es essentiell, die Betroffenen nicht zu pathologisieren und damit erneut zum Opfer zu machen: Die psychischen Folgen von Traumatisierungen ("Psychotrauma", "Posttraumatische Belastungsstörung") müssen immer im Kontext mit den massiven Menschenrechtsverletzungen gesehen werden, in denen sie entstanden sind.
Traumatisierung und ihre Folgen
Das Mitansehen der Tötung anderer Menschen, Vergewaltigungen und Folter liegen jenseits "normaler" menschlicher Erfahrungen – es handelt sich um traumatische Ereignisse, die existentielle Bedrohung und Todesangst auslösen. Dabei werden die normalen Prozesse der Erfahrungsverarbeitung durch den extremen Stress der Lebens- und Identitätsbedrohung gesprengt. In der Folge können Funktionsstörungen und Symptome wie Panikattacken, Depressionen, chronische Schmerzen oder eine Posttraumatische Belastungsstörung ("PTBS") das Leben der Betroffenen über Jahre hinweg massiv beeinträchtigen. Dies ist umso wahrscheinlicher, als es sich nicht nur um einzelne traumatische Erlebnisse handelt, sondern um Traumatisierungsprozesse wie in länger andauernden kriegerischen Konflikten mit multiplen Gewalterfahrungen ("sequenzielle Traumatisierung", "komplexe Traumatisierung").
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Zur Person |
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Karin Griese Karin Griese, geb. 1964, Soziologin und Traumaberaterin, ist Fachreferentin für Traumaarbeit bei der internationalen Frauen- und Menschenrechtsorganisation medica mondiale. Dort ist sie verantwortlich für die Konzeption und Durchführung von Trainingsprogrammen im In- und Ausland und begleitet fachlich den Aufbau von Projekten in Kriegs- und Konfliktregionen.
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Mit guter sozialer Anbindung, sicherem Umfeld und ggf. medizinischer Versorgung schaffen es viele Menschen, traumatische Erfahrungen zu integrieren. Leider treffen Überlebende von (Kriegs-)Gewalt in der Regel eher auf Menschen, die ihrer Problematik unvorbereitet gegenüberstehen –
in Kliniken, Flüchtlingslagern und auch bei Hilfsorganisationen. Dabei hängen die Verarbeitungsmöglichkeiten der körperlichen und seelischen Verletzungen elementar von den Hilfsangeboten und dem umsichtigen Handeln der Fachkräfte ab. Durch die Berücksichtigung einfacher, in Trainings vermittelter Grundprinzipien können z.B. Retraumatisierungen – die ein inneres Wiedererleben der traumatischen Erfahrungen auslösen – eingegrenzt oder vermieden werden.
In wiefern traumatische Erlebnisse auch tatsächlich zu einer chronifizierten Stress-Symptomatik führen, hängt maßgeblich davon ab, wie diese – gesellschaftlich und individuell – bewertet werden. Das macht z.B. die Verarbeitung von extrem erniedrigenden und stigmatisierenden Gewalttaten wie Vergewaltigungen sehr problematisch. Auch die aktuelle Tendenz zu einer Politik der Straflosigkeit – z.B. nach dem Ende von Diktaturen – steht der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse entgegen. Deshalb sollte es für den Erfolg von Unterstützungsprogrammen maßgeblich sein, direkte Unterstützung von Betroffenen mit politischer Menschenrechtsarbeit und Aufklärungsarbeit für die Öffentlichkeit zu verbinden.
Möglichkeiten der Traumabearbeitung und psychosozialer Unterstützung
Zur Bearbeitung von traumatischen Erfahrungen haben sich integrative Ansätze besonders bewährt, die ressourcenorientiert sind und eine Vielfalt von Therapiemethoden einsetzen. Wichtig ist dabei, dass sie an die individuellen und kulturspezifischen Verarbeitungsmöglichkeiten der Betroffenen angepasst werden. In der Traumaarbeit werden häufig Ansätze aus der kognitiven Verhaltenstherapie oder Gestalttherapie (u.a. Psychodrama), Elemente der Hypnotherapie (z.B. Distanzierungsübungen), körper-psychotherapeutische oder kreativtherapeutische Ansätze eingesetzt. In Konflikt- oder Nachkriegsregionen kann meist nur für extrem traumatisierte Menschen individuelle psychotherapeutische Unterstützung angeboten werden, da es in der Regel nur sehr wenige ausgebildete Fachkräfte vor Ort gibt. Eine Verbesserung des psychischen Befindens kann auch durch psychosoziale Begleitung oder psychosoziale Gruppenberatung seitens trainierter AktivistInnen erreicht werden.
Ziel psychosozialer Begleitung bzw. von Psychotherapie ist es, die Betroffenen bei der Bewältigung von Traumatisierungsfolgen zu unterstützen. Dabei geht es u.a. um die Reduktion von Traumasymptomen, die Wiederherstellung des Selbstwertgefühls und die Aufhebung sozialer Isolation. Die Betroffenen sollen sich nicht mehr gänzlich durch die Vergangenheit bestimmt fühlen, sondern die Aufmerksamkeit wieder auf Gegenwart und Zukunft richten können. Psychosoziale Interventionen in Nachkrieggebieten setzen aber meist erst dann ein, wenn die unmittelbare Nothilfe abgeschlossen ist. Sie können auf verschiedenen Ebenen ansetzen: |
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| Quelle: Psychosoziale Arbeit in Gewaltkontexten. Konzeptionelle Überlegungen, medico international |
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 |  | Bei der Entwicklung von geeigneten psychosozialen Unterstützungsprogrammen muss folgendes berücksichtigt werden: - Traumatische Kriegserfahrungen haben lebensbeeinträchtigende Folgen auf psychischer, körperlicher, spiritueller und sozialer Ebene. Dem sollte durch mulitidisziplinäre Angebote begegnet werden.
- Die Herstellung von Sicherheit und Stabilisierung sind die ersten Phasen der Traumabewältigung. Deshalb muss die Versorgung mit den notwendigsten materiellen Ressourcen (wie z.B. Wohnraum, Nahrung) Vorrang vor allen anderen Unterstützungsmaßnahmen haben.
- Da Traumatisierungen meist die Folge von Menschenrechtsverletzungen sind, die im politischen und sozialen Kontext stattgefunden haben und oft ganze Bevölkerungsgruppen betreffen, ist die Entwicklung von gemeindeorientierten Ansätzen zu empfehlen.
- Da Traumasymptome manchmal erst nach Jahren oder auch in der nächsten Generation auftreten und viele Menschen erst spät Zugang zu Hilfsangeboten finden, ist es wichtig, langfristige lokale Unterstützungsstrukturen aufzubauen.
- Um deren nachhaltigen Erfolg – auch nach Abzug internationaler Hilfe – sicher zu stellen, sollte an die vorhandenen Ressourcen in der Region angeknüpft werden (z.B. traditionell bestehende Gruppen, Heilungsrituale) und die Projekte nach und nach in die Hände der lokalen MitarbeiterInnen und Zielgruppen übergeben werden.
Projektbeispiel: medica Kosova
Seit 1999 werden in dem von der Frauen- und Menschenrechtsorganisation medica mondiale aufgebauten Projekt medica Kosova kriegstraumatisierte Frauen durch medizinische Behandlung, Rechtsberatung, psychosoziale Beratung und frauenpolitische Lobbyarbeit unterstützt. 2003 wurde medica Kosova zur eigenständigen lokalen Frauenorganisation, die von einheimischen Fachfrauen geleitet wird.
Im Jahr 2005 starteten 82 Frauen in der Umgebung von Gjakove ein Landwirtschaftsprojekt. Die meisten von ihnen wurden nach Kriegsende (z.T. ab 1999, viele auch später) von medica Kosova durch individuelle psychosoziale Beratung, medizinische Behandlung und vor allem Gruppenangebote bei der Bewältigung ihrer traumatischen Erfahrungen (u.a. Tötung von Angehörigen, Vergewaltigungen) unterstützt. 80 % von ihnen waren durch den Krieg zu Witwen geworden, die gemäß den traditionellen Gesellschaftsstrukturen völlig isoliert und abhängig von männlichen Familienangehörigen der Schwiegerfamilie leben.
Inzwischen sind über 200 Frauen in 15 Dörfern an der gemeinschaftlichen landwirtschaftlichen Produktion beteiligt. Seitdem die Frauen ihren Unterhalt selbst verdienen, haben sie an Zuversicht gewonnen. Heute haben sie den Mut, sich gemeinsam gegen die Unterdrückung und Isolierung von Frauen, und vor allem Witwen, zu behaupten. Für den Erfolg des Projektes waren die vorherige psychosoziale Unterstützung und der Vertrauensaufbau in den Gruppen maßgeblich. Die gelungene Projektumsetzung reicht von individueller und kollektiver Traumabewältigung über Einkommen schaffende Maßnahmen bis hin zum unabhängigen Aufbau von Frauen-Kooperativen. Damit werden letztlich auch traditionelle und Frauen diskriminierende Strukturen aufgebrochen, die ihrer politischen, ökonomischen und soziale Teilhabe am Wiederaufbau entgegenstehen.
Literatur:
Herman, Judith Lewis (1994): Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden, München.
Huber, Michaela (2003): Trauma und die Folgen. Trauma und Traumabehandlung, Teil 1, Paderborn.
Keilson, Hans (1979): Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Deskriptiv-klinische und quantifizierend-statistische Follow-up-Untersuchung zum Schicksal der jüdischen Kriegswaisen in den Niederlanden, Stuttgart.
Kolk, Bessel van der; Alexander McFarlane und Lars Weisaeth (Hg.) (2000): Traumatic Stress. Grundlagen und Behandlungsansätze, Paderborn.
Kühner, Angela, 2002: Kollektive Traumata. Annahmen, Argumente, Konzepte. Eine Bestands-aufnahme nach dem 11. September Berghof Report No. 9, Dezember 2002, Berghof Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung, Berlin.
medica mondiale/Karin Griese (Hrsg.), 2008: Sexualisierte Kriegsgewalt und ihre Folgen, Handbuch zur Unterstützung traumatisierter Frauen in verschiedenen Arbeitsfeldern, Frankfurt/M., 2. Auflage.
medico international: Psychosoziale Arbeit in Gewaltkontexten. Konzeptionelle Überlegungen (www.medicointernational.de)
Petzold, Hilarion G. und Hans Ulrich Wolf (2000): "Integrative Traumatherapie". Modelle und Konzepte für die Behandlung von Patienten mit "posttraumatischer Belastungsstörung", in: van der Kolk et al. (Hg.) (2000), S. 445-579.
10. März 2008 |  |
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