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Die Geschichte der Berliner Mauer
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Von der Volkserhebung zum Mauerbau |
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| Ilko-Sascha Kowalczuk |
Direkt nach Kriegsende begann die SED, die Universitäten und Hochschulen in der SBZ umzugestalten. Ziel war es, mit Hilfe der Hochschulen eine "sozialistische Intelligenz" heranzubilden, die die wichtigsten Positionen in Staat und Gesellschaft parteilich und fachlich ausfüllen konnte.
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| Arbeiten an der Berliner Mauer am 7. Oktober 1961. Foto: AP |
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Einleitung
Die Zeitgenossen haben das Jahr 1945 als eine "Stunde null" empfunden, eine wirkliche "Stunde null" hat es aber nicht gegeben. Die globale Systemauseinandersetzung führte in Deutschland schnell zu unterschiedlichsten Kontinuitäten in den einzelnen Besatzungszonen. Kontinuitätsbrüche standen neben Kontinuitätslinien. Eine Grundfrage war dabei der Umgang mit den alten Eliten und Funktionsträgern. Dieses Problem verschärfte sich in der SBZ noch dadurch, dass von Anfang an die sowjetische Besatzungsmacht und ihre deutschen Helfer strategisch und taktisch darauf orientiert waren, ein neues Gesellschaftsmodell zu errichten, das an die Sowjetunion angelehnt und den politischen Folgerungen aus der marxistisch-leninistischen Dogmenlehre verpflichtet war. Dieses als mittelfristig in den Blick genommene Ziel implizierte eine soziale und politische Revolutionierung der Gesellschaft. Dazu zählten die Ausbildung und Heranbildung neuer Führungskräfte für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.
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Allgemein gingen die Kommunisten nach 1945 davon aus, dass die Intelligenz als "soziale Schicht" bislang in der deutschen Geschichte den Interessen des Kapitals und der kapitalistischen Herrschaftselite verpflichtet gewesen wäre, sodass sie für die neuen Aufgaben - entsprechend den sowjetischen Erfahrungen - nur bedingt brauchbar sei. Deshalb käme es darauf an, Mittel und Wege zu finden, um einerseits eine neue Intelligenz zu rekrutieren und andererseits die alte Intelligenz, wenn möglich, "zu nutzen" oder, wenn nicht möglich, auszuschalten. Das Hauptziel bestand darin, eine "sozialistische Intelligenz" heranzubilden. Etwa fünfzehn Jahre später, ein für die soziale und politische Revolutionierung einer ganzen Gesellschaft kurzer Zeitraum, waren sich die herrschenden Kommunisten in der DDR weitgehend einig, dass die "sozialistische" Intelligenz in der DDR überwiege und nur noch Rudimente der alten Intelligenz existierten [1].
Um dieses Ziel zu erreichen, reformierten die Kommunisten in der SBZ/DDR das gesamte Hochschulwesen einschneidend. Dazu zählten u. a. die Nutzbarmachung der Entnazifizierung für eine weiter gehende Säuberung des Lehrkörpers; die Veränderung der rechtlichen Rahmenbedingungen des Hochschulwesens; die Gründung neuer Hochschulen (Ideologie-"Hochschulen", Spezialhochschulen), die Implementierung neuer Struktureinheiten an den bestehenden Universitäten (Arbeiter- und Bauern-Fakultäten [ABF], Gesellschaftswissenschaftliche und Pädagogische Fakultäten); die Veränderung des gesamten Studienablaufs und die Einführung obligatorischer Politschulungen (gesellschaftswissenschaftliches Grundstudium, Russisch-Unterricht); die Schließung von nichtgenehmen oder -erforderlichen Instituten und die Neueröffnung als notwendig erachteter Institute; die Etablierung der SED als Machtzentrum an den Universitäten und Hochschulen. Daneben wurden die Zulassungsbedingungen für Studierende entscheidend verändert, um vor allem Männer und Frauen aus bisher benachteiligten sozialen Schichten zuzulassen. Dies gelang allerdings nur in den Jahren bis etwa Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre, ehe dann wieder eine Selbstrekrutierung der Intelligenz einsetzte. Ebenso gelang es nicht, die Geschlechterzusammensetzung innerhalb der Studentenschaft oder gar in der Hochschullehrerschaft zu verändern.
Ihre Hochschulpolitik und ihre gesellschaftspolitischen Ziele versuchte die SED mittels "Zuckerbrot" und "Peitsche" durchzusetzen. Die Intelligenz in der DDR einschließlich der Studenten konnte eine gravierende soziale Besserstellung gegenüber den anderen Bevölkerungsteilen nutzen. Die Gehälter, die teilweise ins Exorbitante stiegen, die Sozialleistungen, die Wohn- und allgemeinen Lebensverhältnisse und die Urlaubsmöglichkeiten versüßten der Intelligenz bis zum Mauerbau das Leben in der DDR. Zugleich sollte sie dadurch kompromittiert und zum Dienen am Kommunismus ermuntert werden. Um dies zu erzielen, wurde zugleich der gesamte Hochschulalltag einem rigiden Ideologisierungsprozess unterworfen, dessen krasseste Form die Militarisierung der Hochschulen darstellte.
Gegen diese Anmaßungen wehrten sich stets Hochschullehrer und Studenten. Der Protest
reichte von gesellschaftlicher Verweigerung über soziales Aufbegehren bis hin zu tausendfachem politischem Widerstand und gelegentlichen Massenprotesten [2]. Hinzu kam die massenhafte Abwanderung nach Westdeutschland. Allein zwischen 1949 und 1961 flüchteten etwa 15.000 Studenten, 2.500 Hochschullehrer und wissenschaftliche Assistenten, 40.000 Lehrer, 6.000 Ärzte, Zahnärzte und Veterinäre und mehrere zehntausend andere Angehörige der Intelligenz, zumeist der technischen Intelligenz, aus der DDR. Außerdem verließen etwa fünf bis zehn Prozent der Abiturienten eines jeweiligen Jahrganges die DDR.
War es der SED aber nun ungeachtet der politischen, strukturellen und personellen Veränderungen gelungen, die Hochschulen auch von innen zu erobern? Wie verhielt sich die Masse der Studierenden und der Hochschullehrer gegenüber dem SED-Staat? Um auf diese Fragen Antworten geben zu können, wird im Folgenden das Verhalten der Hochschullehrer und der Studierenden in einigen Krisen des DDR-Kommunismus (1953, 1956, 1961) analysiert. Dieser vergleichenden Betrachtung liegt die Annahme zugrunde, dass sich das Verhalten von sozialen Gruppen in einer Spannungssituation, zumal in einer Diktatur, am ehesten als Indikator und Gradmesser für die Stellung zur Gesellschaft und zum Staat eignet. Ein hohes Maß an Loyalität in einer Krisensituation deutet demzufolge darauf hin, dass die Distanz zum Staat relativ gering ist, während ein Aufbegehren, und sei es nur ein bloßes widerständiges Mittun, mindestens eine innere Distanz offenbart.
Das Jahr 1953
Die Intelligenz und die Studierenden lassen sich nach ihrem Verhalten während der Volkserhebung im Juni 1953 in drei Gruppen einteilen:
1. Gruppe: Sie verhielt sich abwartend, freute sich über die Rechnung, die die Regierung präsentiert bekam, verhielt sich jedoch weitgehend passiv, nahm nur zögerlich an Demonstrationen und Streiks teil. Oftmals ging sie einfach nach Hause. Sie enthielt sich jeglicher politischer Erklärungen. Das war die größte Gruppe.
2. Gruppe: Sie beteiligte sich bewusst politisch an der "gescheiterten Revolution" und war zum Teil führend in Streikleitungen aktiv. Diese aktive Rolle ist umso bemerkenswerter, als überall Arbeiter auch gegen die Privilegien der Intelligenz protestierten.
3. Gruppe: Das war die gesellschaftskonforme, die neue Intelligenz, die an eine Inszenierung der westdeutschen Faschisten und ihrer ostdeutschen Agenten glaubte. Die Vertreter dieser Gruppe gingen zu Propagandaeinsätzen auf die Straße, unterstützten die Kasernierte Volkspolizei (KVP), betätigten sich als Streikbrecher und versuchten, auf die Demonstrierenden und Streikenden im Sinne der SED-Führung Einfluss auszuüben. Sie war die kleinste Gruppe [3].
Nach dem 17. Juni gab es gerade dort scharfe Auseinandersetzungen, wo während der Volkserhebung wenig gegen das SED-Regime unternommen worden war: an den Universitäten und Hochschulen. Die meisten Auseinandersetzungen trugen innerparteilichen Charakter, weil die SED die wichtigste Aufgabe "auf dem Gebiete der weiteren Festigung der Einheit und Geschlossenheit ihrer Reihen" sah [4]. Die innerparteilichen Debatten nach dem 15. Plenum zogen sich über Monate hin. An allen Universitäten und Hochschulen schloss die SED Genossen aus der Partei aus, verhängte Parteistrafen und entließ kritische Hochschulangehörige. Wie viele Wissenschaftler und Studenten dies betraf, ließ sich bisher nicht genau feststellen, aber zwischen Juni und Dezember 1953 müssen mehrere hundert Personen von den Universitäten und Hochschulen wegen ihres Verhaltens am 17. Juni belangt worden sein, wobei die Mehrzahl von ihnen Parteistrafen erhielt. Einige Dutzend Studenten wurden exmatrikuliert. Insgesamt waren die wenigsten der Bestraften ausgesprochene Gegner des Systems.
Am 31. Oktober und 1. November 1953 führte die ZK-Abteilung "Wissenschaft und Hochschulen" in Leipzig eine Hochschulkonferenz durch. Das Ziel bestand darin, ein vorläufiges Fazit "aus den Lehren des 17. Juni" für die Universitäten zu ziehen sowie die künftigen Aufgaben "bei der Vorbereitung des IV. Parteitages der SED", der vom 30. März bis 6. April 1954 stattfinden sollte, zu benennen. Das Hauptreferat hielt Kurt Hager. Er betonte, dass der 17. Juni bewiesen habe, "dass die Mehrheit der Professoren, Studenten, Arbeiter und Angestellten der Akademien, der Universitäten und Hochschulen fest zur DDR steht und die Leistungen der Partei und Regierung für die Förderung der Wissenschaft anerkennt" [5]. Hager räumte allerdings ein, dass es in umfangreicherem Maße "negative Erscheinungen" an den Universitäten gegeben habe, als in der Öffentlichkeit zugegeben worden sei. So hätte es etwa an den Landwirtschaftlichen und Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultäten der Universität Halle "eine Agentengruppe unter den Studenten" gegeben, "die sich aktiv an den Provokationen beteiligte und inzwischen verurteilt worden ist" [6]. Besonders beschämend war es für Hager, dass die ABF "die stärksten Schwankungen zeigten" [7]. Sogar die "entlarvten Provokateure" von der Universität Halle seien "fast alle Arbeiter- und Bauernkinder" gewesen. Kein Feind dürfe unerkannt bleiben, "wie er sich auch tarnen möge . . . Wer das Schwert gegen unseren Arbeiter- und Bauernstaat hebt, wird auch durch das Schwert umkommen" [8]. Alfred Lemmnitz, der spätere Volksbildungsminister der DDR und damalige Professor für Politische Ökonomie an der Universität Rostock, forderte, "dass man bei einem Stipendium eine schärfere Auswahl anwenden sollte" [9]. Und der Rektor der Hallischen Universität, der einflussreiche Historiker Leo Stern, freute sich, berichten zu können, "dass das Durchgreifen der zuständigen Staatsorgane wie ein reinigendes Gewitter gewirkt hat" [10].
Das "reinigende Gewitter" bedeutete für einige Studenten, Assistenten und Professoren Verhaftung, Entlassung bzw. Exmatrikulation. Solche drastischen Strafen waren als abschreckende Maßnahmen gedacht. In der Regel verhielten sich die Studierenden und die Angehörigen der Universitätsintelligenz nicht nur während, sondern auch nach der Volkserhebung abwartend. Die nach der 15. Tagung des ZK der SED initiierten innerparteilichen Auseinandersetzungen waren nötig, um die Macht des SED-Politbüros und die von Walter Ulbricht zu sichern und auszubauen. An der Humboldt-Universität zu Berlin zum Beispiel wurden infolge des 17. Juni sechzig Genossen aus der SED ausgeschlossen, zwölf von der Kandidatenliste gestrichen, je sechzehn erhielten eine strenge Rüge bzw. eine Rüge und fünf eine Verwarnung.
1 Protokoll der Verhandlungen des V. Parteitages der SED vom 10. bis 16. Juli 1958, Berlin 1959, Bd. 1, S. 152.
2 Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk, Intelligenz in der kommunistischen Diktatur. Hochschulwesen und Intelligenzrekrutierung in der SBZ/DDR 1945 bis 1961, Berlin (i. Dr.).
3 Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk/Armin Mitter/Stefan Wolle (Hrsg.), Der Tag X - 17. Juni 1953. Die "Innere Staatsgründung" der DDR als Ergebnis der Krise 1952/54, Berlin 1996².
4 Walter Ulbricht, Der Weg zu Frieden, Einheit und Wohlstand, Berlin 1953, S. 86.
5 Protokoll der Hochschulkonferenz der Abteilung Wissenschaft und Hochschulen beim ZK der SED am 31. Oktober/1. November 1953 in Leipzig, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO B-Arch), DY 30, IV 2/ 904/ 8, Bl. 16.
6 Ebd., Bl. 16. Die Studenten der Agrarwissenschaften Hans-Georg Isermeyer, Gotthardt Pilz und Herbert Priew erhielten 2,5, 3 bzw. 2 Jahre Gefängnis. Ernst-Adolf Soa, Student der Naturwissenschaften, wurde zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt.
7 Ebd., Bl. 28.
8 Ebd., Bl. 16 - 17.
9 Ebd., Bl. 85.
23. März 2009 |
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Chronik der Mauer
1961 bis 1990: Die Chronik zeichnet die gesamte Geschichte der Mauer nach, in Text, Bild, Film, Ton, Dokumenten und Interviews mit Zeitzeugen. |
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17. Juni 1953 – Aufstand in der DDR
Blutig niedergeschlagen wurde der Aufstand in der jungen DDR am 17. Juni 1953. Bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten war dieser Tag der Nationalfeiertag der Bundesrepublik. |
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Schriftenreihe (Bd. 619) |
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Wohin treibt die DDR-Erinnerung?
Debatte rund um den zukünftigen Umgang mit der DDR-Vergangenheit und die Schaffung eines Geschichtsverbundes "Aufarbeitung der SED-Diktatur". |
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Aus Politik und Zeitgeschichte |
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Leseland DDR
Die DDR verstand sich als Literaturgesellschaft. Hinter der Fassade vom "Leseland" bestimmte die Zensur, was gedruckt wurde und was nicht. |
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