Dossier Frauenbewegung
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Ein Tomatenwurf und seine Folgen

Eine neue Welle des Frauenprotestes in der BRD


8.9.2008
Ein Tomatenwurf war 1968 das Startsignal für eine zweite Welle der Frauenbewegung im Westen. Mit spektakulären Aktionsformen prägten die meist jungen Frauen für viele Jahre das Bild eines neuen Feminismus.

Das gewaltvolle und asymmetrische Geschlechterverhältnis war, wie hier auf einer Demonstration in Gießen im Jahr 1982, eines der zentralen Themen der Frauenbewegung nach 1968 in der BRD.Das gewaltvolle und asymmetrische Geschlechterverhältnis war, wie hier auf einer Demonstration in Gießen im Jahr 1982, eines der zentralen Themen der Frauenbewegung nach 1968 in der BRD.Bildnachweis (© AddF (Bild 17))

Geburtsstunden der neuen Frauenbewegung in Westdeutschland



Die Anzahl der erwerbs- und berufstätigen Frauen war nach 1945 gestiegen; auch hatten sich die Bildungschancen für Mädchen deutlich verbessert, sodass immer mehr Frauen ein Studium aufnahmen. Aber die Gesamtgesellschaft verharrte noch immer in den alten patriarchalen Strukturen. Daher empfanden es die jüngeren Frauen zunehmend als ambivalent, dass sie in der Regel weniger verdienten als die Männer, sie dem Ehemann nicht gleichgestellt waren, aber die Hauptverantwortung für die Versorgung des Haushalts und die Betreuung der Kinder trugen, und dass sie kaum Zugang zu Führungspositionen hatten. Dies war grob zusammengefasst die gesellschaftliche Situation, die Frauen in der Mitte der 1960er Jahre – vor den so genannten Studentenrevolten – vorfanden.

Die Geschichte der neuen Frauenbewegung, die eng mit der Geschichte der Studentenproteste verknüpft ist, weist zwei Ereignisse mit Signalwirkung auf: der Tomatenwurf auf der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Frankfurt am 13. September 1968 und die Aktion "Ich habe abgetrieben" in der Zeitschrift STERN im Jahr 1971.

Der Tomatenwurf



Der 1946 gegründete SDS hatte sich Anfang der 1960er Jahre von der SPD getrennt, nachdem diese auf dem Godesberger Parteitag (1959) beschlossen hatte, sich von der marxistischen Tradition abzuwenden. Der Studentenbund verstand sich selbst als "Neue Linke" und bildete den Kern einer außerparlamentarischen Bewegung. Seine Proteste richtete er gegen den Staat, den er als reaktionär und autoritär verstand. Die Lobbyarbeit bewusst ablehnend, setzte er auf Aktionen und Aufklärung, um die Gesellschaft – basierend auf dem Prinzip der Gleichberechtigung und dem Recht auf Selbstbestimmung – zu transformieren. Ähnliche Entwicklungen gab es auch in anderen westlichen Ländern.

Auf dem SDS-Delegiertenkongress 1968 beschuldigte Helke Sander, Sprecherin des Aktionsrates zur Befreiung der Frau, die SDS-Männer, in ihrer Gesellschaftskritik nicht weit genug zu gehen, weil sie die Diskriminierung der Frauen ignorierten. Tatsächlich sei der SDS selbst das Spiegelbild einer männlich geprägten Gesellschaftsstruktur. Da die Genossen nicht bereit waren, diese Rede zu diskutieren und zur Tagesordnung übergehen wollten, warf Sigrid Rüger – als Zeichen weiblichen Protestes – Tomaten in Richtung Vorstandstisch.

Der Tomatenwurf und seine mediale Verbreitung sorgten dafür, dass sich in den Universitätsstädten vermehrt Frauengruppen bzw. Weiberräte bildeten, die die Öffentlichkeit – mit teilweise spektakulären Aktionen – auf bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern aufmerksam machten.

"Ich habe abgetrieben"

In diesem sozialpolitischen Kontext erhielt die neue Frauenbewegung 1971 einen zweiten Mobilisierungsschub: die Kampagne gegen den § 218. Ausgangspunkt war die Selbstbezichtigung "Ich habe abgetrieben" von 374 Frauen in der Zeitschrift STERN. Initiatorin war die Journalistin Alice Schwarzer, die die Idee dazu von den Französinnen übernommen hatte.

Im Zuge dieser Kampagne formierten sich immer mehr Aktionsgruppen, die ihre Proteste schließlich in einem übergeordneten Gremium Aktion 218 koordinierten. Das Gremium übermittelte im Juli 1971 folgende Forderungen an den damaligen Bundesjustizminister Gerhard Jahn: 1. den § 218 aus dem Strafgesetzbuch zu streichen, 2. den Schwangerschaftsabbruch von Fachärzten vornehmen zu lassen, 3. die Abtreibung sowie "die Pille" als Kassenleistung festzuschreiben, 4. eine Sexualaufklärung, die sich an den Bedürfnissen der Frauen orientiert.

Zwar wurde in der BRD bereits seit längerem über eine Reform des § 218 diskutiert, aber fast ausschließlich von Fachleuten. Neu war, dass Frauen als Betroffene selbst die Streichung des § 218 forderten und diese Kampagne nicht nur von Studentinnen, sondern auch von berufstätigen Frauen, Hausfrauen und Müttern getragen wurde. Auch wenn die Aktivistinnen ihr Maximalziel – die Abschaffung des § 218 – nicht erreichten, lässt sich der Kompromiss in Form der Fristenlösung, die am 21. Juni 1976 in Kraft trat, als Erfolg werten.

Feministische Ansätze der neuen Frauenbewegung



"Erst verhältnismäßig spät", so die Soziologin Ute Gerhard, "hat sich die neue Frauenbewegung in die Traditionslinien der 'alten' Frauenbewegung gestellt." Was sich daraus erklärt, dass sie die Geschichte des feministischen Denkens und Handelns erst wiederentdecken musste. Zudem grenzten sich die neuen Feministinnen bewusst von der Geschichte ab, denn sie gingen von ihren Erfahrungen aus und nicht von denen der älteren Frauengenerationen.

Um sich der Fremdbestimmung und Benachteiligung erfolgreich zu widersetzen, sahen es die Frauen als notwendig an, die Ursachen der geschlechtsspezifischen Diskriminierung zu erforschen. Mit dem Ziel, eine andere Gesellschaft zu schaffen, entwickelten sie im Wesentlichen drei Ansätze, die sich erstens mit der kapitalistischen Ausbeutung der Frauenarbeitskraft, zweitens mit der Herrschaft des Mannes über die Frau und drittens mit der soziokulturellen Bestimmung der Geschlechter beschäftigten. Die Entwicklung dieser theoretischen Ansätze bis 1989 war in einen Transformationsprozess eingebettet, der sich in drei Phasen beschreiben lässt.

Erste Phase: Errichtung eigener Foren und Räume bis 1976



Im März 1972 fand der erste Bundesfrauenkongress in Frankfurt statt. Die rund 400 Teilnehmerinnen erklärten, dass Frauen ihre Interessen selbst vertreten sollten und sich entsprechend organisieren müssten. So kamen immer mehr Frauen in "kleinen Gruppen" zusammen, um ihre persönlichen Erfahrungen auszutauschen. Diese "Freiräume" – eine Idee, die die deutschen Feministinnen von den Amerikanerinnen übernommen hatten – dienten vor allem dazu, den Beteiligten bewusst zu machen, wie sehr ihr Denken und Handeln von männlichen Werten geprägt worden sei. Voraussetzung war, dass die Gruppen autonom waren, d. h. frei von männlicher Dominanz, weshalb die neue Frauenbewegung auch als autonome Frauenbewegung bezeichnet wird. Der kollektive Lernprozess ("conciousness-raising") sollte dabei helfen, die eigene Sprache zu finden, eine positive Identifikation als Frau zu gewinnen und die Solidarität unter Frauen zu fördern. Im Zuge dieses Bewusstwerdungsprozesses entwarfen Feministinnen den Slogan "Das Private ist politisch". Damit stellten sie die Trennung des öffentlichen Bereichs vom privaten in Frage.


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