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Bilder in Geschichte und Politik

Die Geschichte der fotografischen Kriegsberichterstattung


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Gerhard Paul
Kriegsbilder als Projektionen
Roger Fenton, "His Day’s Over Work", Aufnahme aus dem Krimkrieg, 1855
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Roger Fenton, "His Day’s Over Work", Aufnahme aus dem Krimkrieg, 1855
Wie in der Malerei des vormodernen Zeitalters wurde der industrialisierte Krieg vor allem in Genrebildern als sauberes und opferfreies Unternehmen und als nur zeitweilige Unterbrechung des Alltags in Szene gesetzt. In den Aufnahmen des britischen Fotografen Roger Fenton etwa geriet der Krimkrieg zum "picknick war" – ein Bild, das bis in die Gegenwart die Vorstellung der britischen Öffentlichkeit von diesem Krieg prägt.

Im Ersten Weltkrieg richteten Fotografen ihre Linsen und Objektive erstmals systematisch auf das Schlachtfeld. Der Krieg wurde zum massenmedialen wie zum privaten Ereignis und seine Bilder hielten Einzug in die Privatwohnungen. Ikonografisch wurde aber weiterhin in den Konventionen des 19. Jahrhunderts berichtet. Beiderseits der Frontlinien dominierten Genresujets, so etwa Darstellungen vom Soldatenleben jenseits der Kampfhandlungen.

Bildbericht in der Beilage "Zeitbilder" der Vossischen Zeitung
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Bildbericht in der Beilage "Zeitbilder" der Vossischen Zeitung vom 22.11.1914 mit zeittypischen Genrefotografien des Ersten Weltkrieges
In Deutschland zeigten Illustrierte Zeitschriften, was das Leben eines Soldaten im Krieg scheinbar ausmachte: ein "Waschtag in Feindesland", Skatrunden Bein amputierter Männer im Lazarett, die Arbeit in Feldbäckereien u.a.m. Das Kriegsgemetzel blieb dabei unbedrohlich bzw. erhielt die Patina der Schlachtenmalerei. Darüber hinaus bestimmten ästhetisierende, die modernen Waffen glorifizierende und ihre technologische Überlegenheit betonende Aufnahmen die Berichterstattung. Als eigentliches Charakteristikum erwies sich die generelle Tabuisierung des Kriegstodes. Vor allem der sich in Vertreibungen und Massakern entladende "wilde Krieg" im Osten und Südosten Europas fand in der visuellen Kriegsberichterstattung kaum Niederschlag.

In Deutschland erzeugte die Veröffentlichungspraxis das romantisch verklärte Bild eines vormodernen Kriegs, das mit dem realen Geschehen nichts gemein hatte. Frontnahe Aufnahmen blieben die Ausnahme, weil die Fotografen entweder keinen Zugang zur Front erhielten, der Schützengraben "keinen guten Blick" auf das Schlachtfeld bot, die moderne Kampfweise und der Stellungskrieg kaum spektakuläre Bilder lieferten oder weil die Gräuel des Krieges den Fotografen verborgen blieben oder bewusst ausgeblendet wurden.

Moderne Technik, traditionelle ikonografische Muster

Trotz kleiner und mobiler Kameras, die Aufnahmen mitten aus dem Kampfgeschehen ermöglichten (Foto kanadischer Soldaten an der Front), trotz Einführung der Farbfotografie in die Kriegsberichterstattung und trotz der Einbindung der Fotografen in die kämpfenden Verbände, wie etwa in die Propagandakompanien der deutschen Wehrmacht, änderte sich im Zweiten Weltkrieg an den bis dahin geltenden ikonografischen Mustern nur wenig. Die Ausblendung von Leid, Elend und Tod blieb vorherrschendes Prinzip.

Aufnahme des PK-Fotografen Baumann
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Der Tod kommt in der Kriegsberichterstattung nur indirekt und dann auch nur in ästhetisierter Weise vor. Aufnahme des PK-Fotografen Baumann in der NS-Auslandsillustrierten Signal, Nr. 21, 1. November-Heft 1942. Die Bildunterschrift lautet: "November-
Totengedenken-
Heldengedenken".

Auch in der fotografischen Kriegsberichterstattung des Zweiten Weltkrieges finden sich allenfalls indirekt authentische Spuren der Gewalt wie etwa in den von Motiven der christlichen Ikonografie überzeichneten Gräberbildern. Die ersten Aufnahmen von toten amerikanischen Soldaten erschienen erst im September 1943 in der Zeitschrift "Life". Mit den Toten des Gegners und seinen Gefangenen gingen die Fotografen überall weniger zimperlich um.

Das Ausblenden der unmittelbaren Gewalt und des Todes wurde durch die Humanisierung des Krieges mit Hilfe stereotyper Bildfloskeln ergänzt. Dabei erwies sich die Modellierung des Krieges als saubere, hygienische und aseptische Angelegenheit erneut als stärkstes Muster: Bilder des aufgeräumten Schlachtfeldes, Bilder von ordentlich gekleideten und Körperhygiene treibenden Soldaten, von hellen und sauberen Unterkünften und Lazaretten. Die Umsorgung der Soldaten, die Betreuung und Pflege der Verwundeten sowie der barmherzige Umgang mit Kriegsgefangenen und Zivilbevölkerung bildeten weitere Klischees.

Deutsche Fallschirmspringer an der Westfront
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Aufnahme deutscher Fallschirmspringer an der Westfront durch PK-Fotografen Benno Wundshammer aus dem Jahr 1940 u.a. publiziert in Signal H.12, 1944. (Sammlung Gerhard Paul)
Wurde das Ereignis des Krieges in der frühen Fotografie, die in der Tradition der Malerei stand, durch Romantisierung eher entdramatisiert, so setzten sich mit dem Zweiten Weltkrieg zunehmend Muster durch, die den Krieg als Verlängerung kollektiver industrieller Arbeit darstellten bzw. die Soldaten als Facharbeiter des Krieges zeigten. Hinzu kamen die Darstellung des Krieges als Reise, Sport und Event sowie schließlich seine kulturelle Überwölbung durch Bilder, die die kulturellen Tätigkeiten der Soldaten hervorhoben: der Soldat als Musizierender, als Lesender, als Konzertbesucher usw. Die Botschaft dieser Bildern lautete: Auch im Krieg bleibt der Soldat Mensch und zu kulturellem Ausdruck fähig. Komposition und Ausschnitt verbargen die Wirklichkeit des Krieges, überführten seinen inhumanen und asozialen Charakter ins vertraut Normale, humanisierten ihn mithin.

Aufnahme des sowjetischen Kriegsfotografen Dmitri Baltermanz
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Aufnahme des sowjetischen Kriegsfotografen Dmitri Baltermanz aus der Bildserie "Leid" von Kertsch auf der Krim vom Frühjahr 1942
Aus der Bilderflut der Kriegsberichterstatter des Zweiten Weltkrieges ragen nur wenige Opferfotos heraus. Hierzu zählen auf sowjetischer Seite etwa die Bilder von Dmitri Baltermanz: Frauen bei Kertsch auf der Krim beklagen ihre Angehörigen.


28. Dezember 2005

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