Die bpbBestellenNewsletterPressePartnerImpressumKontakt

Home
   
FAQ Index
Suche

Themen
Gesellschaft
Rechts-
extremismus
Rechtspopulismus
Musikszene
Politische Konzepte
FAQs
Rechtsextreme Mythen
Aussteiger
Schule
Ideologie
NPD-Verbot
Frauen
Internationale Netzwerke
Rezepte
Zivilgesellschaft
Medien
Jugendkultur
Fußball und Rassismus
DVU
Antisemitismus
Schwerpunkt Opfer und Täter
NPD
Was heißt Rechts-
extremismus?
Situation in Deutschland
Dem Extremismus begegnen
Initiativen gegen Rechts-
extremismus
Glossar
Literatur
Kommentierte Linklisten
Weitere bpb-Angebote
Publikationen
Veranstaltungen
Wissen
Lernen

Ideologie

Vereinnahmung germanischer Mythologie im rezenten Rechtsextremismus – Sprache und Symbolik


 1 / 6 
weiter
Ein Forschungsprojekt der Uni Leipzig
Von Georg Schuppener
Vorbemerkung

thor
Grossansicht des Bildes
Marten Eskil Winge – "Thors Streit mit den Riesen", 1872, Quelle: wikipedia.org
Ein historisch gesehen relativ junges Phänomen stellt die Bezugnahme des zeitgenössischen Rechtsextremismus auf die germanische Mythologie dar. Durch den Rechtsextremismus werden Elemente des Mythos rezipiert und für die eigenen Zwecke gedeutet und verwandt, genauer gesagt missbraucht. Hierbei knüpft man an die Zeit und die Ideologie des Nationalsozialismus an: Noch im 19. Jahrhundert war die politische Rezeption germanischer Mythologie nicht automatisch rechts orientiert, wurde dann aber mehr und mehr politisch eindeutig rechts vereinnahmt. Da die nationalsozialistische Rassenideologie in einer vermeintlich germanisch-nordischen, nach NS-Terminologie "arischen" Rasse die überlegene Menschenrasse im Sinne des Sozialdarwinismus sah, interpretierte man auch das Germanentum dementsprechend. Die Kultur der Germanen, ihr Brauchtum, ihre Vorstellungen und damit ihre Mythologie sollten zum Beleg für die Überlegenheit der nordischen Rasse dienen. So befasste sich eine eigene Institution, das "Deutsche Ahnenerbe", damit, mehr oder minder wissenschaftlich Belege hierfür zusammenzutragen. Besonders betont wurde gemäß der nationalsozialistischen Ideologie in der Rezeption der germanischen Mythen der Aspekt des Heldentums. Dieser bildet in der mythologischen Überlieferung jedoch nur eines unter vielen Elementen.

Auf Grund der Instrumentalisierung und vor allem der historischen Umdeutung der germanischen Mythologie im Nationalsozialismus lässt sich ohne Zweifel von einem Missbrauch sprechen, der in jener Zeit jedoch dadurch verschleiert werden sollte, dass man vermeintliche Belege für die betreffende Deutung der Mythen finden wollte. Auf die oftmals zweifelhaften Resultate des "Deutschen Ahnenerbes" und andere Quellen jener Zeit, aber auch auf Ideen und Konzepte nationalistischer und national-romantischer Vordenker wie Guido von List oder Lanz von Liebenfels, die seit Ende des 19. Jahrhunderts eine eigene Rezeption des Germanentums, abseits von den Forschungen der wissenschaftlichen Germanistik, entwickelten, beziehen sich heute Propagandisten des Rechtsextremismus. Die Rezeption germanischer Mythologie im heutigen Rechtsextremismus stellt also ebenso ein Konstrukt dar wie diejenige im Nationalsozialismus. Mythen dienen der rechten Szene aber nicht nur zur Identifikation, sondern sie bilden in einem breiteren Verständnis von Mythos auch die Basis für die Kulturauffassung der rechten Ideologie.

Hinsichtlich der germanischen Mythologie ist diese Bezugnahme natürlich nicht allein darauf begrenzt, Mythen wiederzubeleben und Bezüge zweckgerichtet herzustellen, sondern auch das Umfeld der Mythologie findet Beachtung. Dies gilt insbesondere für die Runen sowie für Symbole. Wie schon im Nationalsozialismus ist die Symbolrezeption synkretistisch: Aufgegriffen wird natürlich das aus dem indischen Kulturkreis stammenden Hakenkreuz (sanskrit Swastika, als altes Sonnensymbol [Sonnenrad]), ferner das so genannte "Keltenkreuz" als rechtes Identifikationszeichen. Schon der Nationalsozialismus fügte Elemente aus verschiedenen Mythentraditionen, Religionen und Kulten zusammen, die sich in das ideologische Konzept einfügen bzw. für dieses nutzen ließen. Somit war es nicht allein die germanische Mythologie, die der Nationalsozialismus adaptierte, aber diese stellte eines der wichtigsten Elemente dar.

Prof. Georg Schuppener
Prof. Georg Schuppener
Prof. Dr.Dr. Georg Schuppener lehrt Germanistik an den Universitäten Leipzig, Halle und Pilsen. Sein Text stammt aus: GEORG SCHUPPENER: Spuren germanischer Mythologie in der deutschen Sprache. Namen, Phraseologismen und aktueller Rechtsextremismus. Leipzig 2007 (Edition Hamouda), ISBN: 978-3-940075-01-7. Ein weiterer Titel folgt zur Leipziger Buchmesse im März: "Sprache des Rechtsextremismus, Spezifik der Srache rechtsextremistischer Publikationen und rechter Musik", ebenfalls im Wissenschaftsverlag Hamouda, Leipzig ISBN: 978-3-940075-14-7

Mit seiner Rezeption germanischer Mythologie stellt sich der Rechtsextremismus in eine Reihe mit dem nationalsozialistischen Missbrauch germanischer Kultur in ihrer Gesamtheit. Insofern ist die Bezugnahme auf die Mythologie nur ein Mosaikstück in der Adaption von tatsächlichem und vermeintlichem Germanischen, um rechts-nationales Gedankengut zu fundieren, aber auch um die eigenen Ziele für Außenstehende und Sympathisanten interessant zu machen. Nicht unterschätzt werden darf nämlich die Attraktivität des Verbotenen, die durch die faktisch existierende Tabuisierung einer Beschäftigung mit germanischer Mythologie in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg entstand. Nur aus diesen Gründen war es der so genannten "rechten Szene" möglich, germanische Mythologie und die Geschichte der Germanen für sich zu vereinnahmen und entsprechend auszudeuten. Auf Grund des in der Allgemeinheit heute nur noch geringen Wissens über germanische Mythologie, das eine deutliche Folge der Tabuisierung der Thematik ist, gelingt es der rechtsextremen Szene, Mythen und Symbole auch zur geheimen Identifikation zu verwenden. Grundsätzlich dient die Verarbeitung der Mythologie im Rechtsextremismus außerdem dazu, die eigentlich intendierte Referenz auf den Nationalsozialismus zu verdecken oder zumindest weniger deutlich zu Tage treten zu lassen.


19. Dezember 2007

 1 / 6  weiter
Themen | Wissen | Veranstaltungen |
Publikationen | Lernen |
Die bpb | Bestellen | Newsletter | Presse | Partner |
Impressum | Datenschutz | Kontakt | Home
10. Februar 2012

 
Druck-Version
Artikel versenden
Redaktion
Externer Link
Online-Beratung gegen Rechtsextremismus
Online-Beratung gegen Rechtsextremismus
Suchen Sie eine anonyme und vertrauliche Beratung? Die Online-Beratung gegen Rechts- extremismus berät alle, die sich aufgrund rechtsextremer Erscheinungen in ihrem Lebensumfeld überfordert oder bedroht fühlen bzw. sich informieren möchten. Das Projekt wird gefördert durch die bpb.
Online-Beratung gegen Rechtsextremismus
Dossier
Linksextremismus
Linksextremismus
DKP, MLPD, Autonome und Antifaschisten, Antideutsche und Antiimperialisten: Zum linksextremen Spektrum zählen eine ganze Reihe Gruppen, Parteien und Strömungen, die kaum auf einen Nenner zu bringen sind. Das Dossier beleuchtet Ideologie, Struktur und Geschichte des Linksextremismus in Deutschland.
Linksextremismus