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Die 68er heute
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Der 2. Juni 1967 und die Staatssicherheit |
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| Helmut Müller-Enbergs, Cornelia Jabs |
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| Seiten 1-3 des Mitgliedsbuches Nr. 2.002.373 der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, ausgestellt am 28. Juli 1964 für Karl-Heinz Kurras. Quelle: BStU |
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"Der Tod des Demonstranten" heißt ein Bronzerelief,
das von Alfred Hrdlicka 1971 geschaffen und das 1990
vor der Deutschen Oper aufgestellt wurde. An seinem
Fuß ist eine Gedenktafel angebracht, auf der es heißt:
"Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg
im Hof des Hauses Krumme Straße 66 während einer
Demonstration gegen den tyrannischen Schah des
Iran von einem Polizisten erschossen. Sein Tod war
ein Signal für die beginnende studentische und außerparlamentarische
Bewegung, die ihren Protest gegen
Ausbeutung und Unterdrückung besonders in den Ländern
der Dritten Welt mit dem Kampf um radikale
Demokratisierung im eigenen Land verband."
Die Bestürzung in der Gesellschaft in Ost- und Westdeutschland
sowie insbesondere unter den Studenten
war ungemein.
Ohnesorg, sagte Knut Nevermann auf
der Beerdigung, "wurde getötet als einer von uns …
Es hätte jeden anderen von uns treffen können."
Der Schuss aus ca. eineinhalb Metern Entfernung in den
Hinterkopf, dessen Hergang im Übrigen nie zweifelsfrei
geklärt werden konnte und folglich dem Polizisten
aus Mangel an Beweisen für einen schuldhaften
Tötungsvorsatz einen Freispruch einbrachte, war für
die "68er-Bewegung" das Fanal schlechthin.
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Zur Person |
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Cornelia Jabs und Helmut Müller-Enbergs arbeiten bei der Behörde der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Der Text erschien in der Zeitschrift "Deutschland Archiv" in Heft 3/2009. Mit freundlicher Genehmigung des W. Bertelsmann Verlags (© W. Bertelsmann Verlag Bielefeld 2009).
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 |  | Davon wollte auch die Sozialistische Einheitspartei
Deutschlands (SED) profitieren, sie bekundete vielfach
ihre Solidarität mit dem Toten. So begleiteten
etwa, als am 8. Juni sein Leichnam auf der Transitstrecke
von West-Berlin nach Hannover überführt
wurde, den Sarg Hunderte Fahrzeuge, und an den
beiden Grenzübergängen, an den Seiten der Autobahn
grüßten Betriebsdelegationen, Bürger und Aufgebote
der Freien Deutschen Jugend (FDJ) den Konvoi.
Unter den Genossen der SED war die Stimmung
einhellig: Es war Mord, der Täter ein Verbrecher. Nur
wenige teilten diese Auffassung nicht. Einer davon
wird eher ein Missbehagen mit solchen Deutungen
empfunden haben, namentlich Genosse Karl-Heinz
Kurras. Immerhin gehörte er schon mehrere Jahre
der Partei an, seitdem er am 15. Dezember 1962 den
Aufnahmeantrag in "ehrlicher Überzeugung" gestellt
hatte, "daß die SED mit ihrer Zielsetzung den wahren
demokratischen Willen verkörpert, ein demokratisches
Deutschland zu schaffen". "Er erklärte, daß
er sich der Bedeutung dieses Schrittes voll bewusst ist
und seine ganze Kraft für die Partei einsetzen wird". Der DDR hätte er gern als Volkspolizist zur Seite
gestanden, doch hatte sich das zerschlagen. Seine
nächsten Genossen vertrauten ihm dennoch, bürgten
für ihn vor der Partei: So die Österreicherin Charlotte
Müller, Altkommunistin und im KZ Ravensbrück
inhaftiert, die einen ebenso zweifelsfreien Ruf hatte
wie Werner Eiserbeck, der das vollste Vertrauen seines
Staates DDR genoss.
Nach der Kandidatenzeit
wurde er mit Zustimmung des Zentralkomitees als
Mitglied in die SED aufgenommen. Die SED-Kreisleitung VII a bestätigte das und händigte das Mitgliedsbuch
2.002.373 aus. Kurras' Parteibiografie
war und blieb makellos, wenn von dem kritischen Einwurf
vom Juni 1964 abgesehen wird, wonach er Leser
des Spiegel war. Ansonsten galten seine Ehrlichkeit
und Zuverlässigkeit als "bewiesen": "Die gestellten
Aufgaben werden von ihm gewissenhaft erfüllt. Bei
der Erfüllung seiner Aufgaben zeigt der K. Mut und
entwickelt die notwendige Initiative … er (steht) treu
zur Deutschen Demokratischen Republik". Und sie
auch zu ihm: Als es erforderlich war, die Verbindung
zu Kurras zu dessen eigener Sicherheit zu "unterbrechen
", gab es offenkundig kein Parteiverfahren. Keine
Rüge oder andere Strafe ist vermerkt. Es wurden nur
keine Beitragsmarken mehr in sein Mitgliedsbuch geklebt.
Dabei bedurfte es nicht viel, um aus der SED
ausgeschlossen zu werden. Die Erschießung Benno
Ohnesorgs durch den Genossen Kurras bot scheinbar
keinen hinreichenden Anlass.
In der Tat verdankte die Partei ihm viel, mehr noch
aber das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Mit
22 Jahren trat Karl-Heinz Kurras im März 1950 in
den Dienst der Polizei in West-Berlin, arbeitete als
Polizei-Meister bei der Polizei-Inspektion in Berlin-
Charlottenburg. Im April 1955 hat er, heißt es in
seiner Akte, den Wunsch, in die DDR überzusiedeln
und der Deutschen Volkspolizei zu dienen. "Sein
Wunsch war von vornherein in den demokratischen
Sektor zu kommen und es bedurfte einer gründlichen
Aussprache, um ihn von der Wichtigkeit seiner Arbeit
bei der Stummpolizei zu überzeugen." Statt
die Einbürgerung zu erhalten, wird er wenig später
als inoffizieller Mitarbeiter (IM) "Otto Bohl" von
Fritz Redlin angeworben, der bei der Abteilung IV
der Groß-Berliner Staatssicherheit arbeitete, jener
Linie IV, die in dieser Zeit insbesondere durch das
Briefbombenattentat auf den saarländischen Ministerpräsidenten
Johannes Hoffmann auffiel und bis heute
den Ruf behielt, für unfeine Dinge zuständig gewesen
zu sein. Karl-Heinz Kurras verpflichtete sich am 26.
April 1955 schriftlich zur Kooperation,
arbeitete
weiter bei der West-Berliner Polizei mit dem Auftrag,
dort in die wichtigste Abteilung I zu gelangen, in der
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Eigenhändige Verpflichtungserklärung Karl-Heinz Kurras' ("Otto Bohl") für das Ministerium für Staatssicherheit, Berlin 26. April 1955. Quelle: BStU
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alle Fäden in Sachen Staatssicherheit, Spionage und
Überläufer in West-Berlin zusammenliefen, die auch
mit dem Landesamt für Verfassungsschutz und den
alliierten Sicherheitsoffizieren kooperierte. Ein Ziel,
das von seinem Stellenwert her mit dem eines Rainer
Rupp ("Topas") in der NATO, Gabriele Gast ("Gisela
") oder Heinz Felfe beim Bundesnachrichtendienst
(BND) ebenbürtig gewesen ist. Es wurde beinahe im
April 1960 mit seinem Eintritt in die Kriminalpolizei
und vollends im Januar 1965 erreicht. Er gehörte
dort als Kriminalmeister einer Sonderermittlungsgruppe
an, die sich mit der "Suche nach Verrätern
in den eigenen Reihen" befasste, also die "intimste
Stelle" innerhalb der Polizei.
Die durch Karl-Heinz Kurras für das MfS, das ihn
später durch Werner Eiserbeck von der für die Polizei
zuständigen Linie VII des MfS führen ließ, bewirkte
Transparenz der Abteilung I dürfte die kühnsten Erwartungen
übertroffen haben. Er lieferte detailliert
Erkenntnisse über Mitarbeiter, Ausbildung, Arbeitsweise
und Personalveränderungen, Befehle, Dienstpläne
und Einsatzpläne, zur Tätigkeit der Alliierten,
der Ausstattung und Standorte – meist in dokumentarischer
Form. Er war verantwortlich für die Asservate
und die Auswertung des Funkverkehrs des MfS
(A-3-Verkehr). Das MfS hatte bald eine umfangreiche
Kenntnis über alle Aktivitäten der West-Berliner Polizei
gegen das Ministerium. Er schlüsselte Festnahmen
von IM auf, berichtete von Überläufern, Quellen
des amerikanischen Geheimdienstes, Entführungsfällen
aus West-Berlin oder Flüchtlingen wie Peter
Fechter. Er gab das Wissen über besondere Kennzeichen
bei West-Berliner Ausweisen ebenso weiter
wie Verdachtsfälle gegen IM, Namen von V-Leuten
des Verfassungsschutzes oder dessen Mitarbeitern,
ferner über Fluchthelfer und Tunnel wie den in der
Wollankstraße. Überdies nahm er im Auftrag des
MfS Personenermittlungen in der KfZ-Kartei, im
Fahndungsbuch und beim Einwohnermeldeamt vor
und machte das MfS mit Förderkadern der Polizei
bekannt, die im Falle einer Wiedervereinigung im
"Osten" zum Zuge kommen sollten.
27. Mai 2009 |
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