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Mythen
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We play NS-Hardcore! |
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Die Mythisierung rechten Gedankenguts in der Musik |
| Von Rainer Fromm |
"Musik ist Bewegung!!! Wenn es nicht die Musik wäre, gäbe es keine Konzerte, ohne
Konzerte gäbe es kein Zusammenkommen, ohne Zusammenkommen gäbe es keine
Bindung. Musik bringt die Botschaft von einer Ecke zur Anderen. Ohne Musik würde es
die Szene nicht mehr geben und sie wäre nicht so groß wie sie jetzt ist!"(2)
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Blutrünstig die Gesellschaft erschrecken: Ausschnitt aus Hardcore-Cover im Internet. (MUT-Foto)
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Für den modernen Rechtsextremismus ist Musik heute eines der wichtigsten Rekrutierungs- elemente. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) schreibt, dass "viele Jugendliche" explizit über Musik ihren "Einstieg in die rechtsextremistische Szene" gefunden haben. In einer Analyse des BfV heißt es: "Der Kampf gegen diese 'Einstiegsdroge’ des Rechtsextremismus hat dabei bei den Sicherheitsbehörden Priorität."(3)
Auffallend ist in den letzten Jahren, dass zur Skinhead-Musik-Kultur, die in den Neunzigern
die rechtsextremistische Szene geprägt hatte, zahlreiche andere Jugendkulturen
gefunden haben, deren Stilelemente ebenfalls mit rechtsgerichtetenInhalten überfrachtet werden. Beispielhaft hierfür sind Dark Wave, Black Metal, Techno und auch der Hardcore zu nennen. In diesem Zusammenhang schreibt der sächsische Verfassungsschutz 2005 in seinem Jahresbericht: "Durch die unterschiedlichen Musikstilrichtungen und die musikalische Qualität einiger Szenebands wird die rechtsextremistische Musik auch für bisher unpolitische Jugendliche und Anhänger anderer Sub- und Jugendkulturen interessant."(4)
Und insbesondere die Hardcore-Bewegung entwickelt sich zu einem immer bedeutsameren
Einfallstor des Rechtsextremismus, auch wenn diese subkulturelle Entwicklung bisher noch
nicht Gegenstand einer systematisierten Analyse war. Diese Lücke versucht der vorliegende
Text zu schließen.
Die Wurzeln
Ihre Ursprünge hatte die Hardcore-Bewegung im amerikanischen Punk der siebziger Jahre.
Die Texte der Subkultur waren gesellschaftskritisch, emanzipatorisch, fordernd. Als Weiterentwicklung des Hardcore entstand später der sogenannte Hatecore, dessen inhaltliches
Markenzeichen eine schroffe Aggression war, mit der sich die Künstler ihrem Publikum
präsentierten. Auf die noch für den Punk typischen Elemente von Stimmungs- und Partymusik
wurde komplett verzichtet, was nicht nur für Melodien und Liedtexte gilt. Auch dem
exzessiven Drogen- und Alkoholkonsum der Punkszene setzt der Hatecore eine "Straigth
Edge"-Lebensführung als Ideal entgegen. Nicht Selbstzerstörung, sondern Verantwortung
für den eigenen Körper sowie Natur und Gesellschaft gehören zu den Botschaften. Straight
Edge-Anhänger nutzen als subkulturelles Merkmal ein schwarzes "x" auf dem Handrücken
und bei nicht wenigen führt die Lebenseinstellung auch zu einer Abkehr von häufig wechselnden
Geschlechtspartnern und Vegetarismus. Insgesamt erinnert die Ausrichtung an eine Art Selbstdisziplinierung für kommende gesellschaftliche Auseinandersetzungen,
die in den Liedern rüde herbeigesungen werden.
Hatecore wird als eine "musikalisch wie textlich brachiale Interpretation des Hardcore"
(5) definiert. Ein Merkmal ist der schreiend vorgetragene Gesang. Namensgeber des "Hatecore"
ist die links-alternative amerikanische Band "SFA", die 1990 den Begriff "Hatecore"
erstmals auf der Rückseite ihres Debütalbums "The New Morality" nutzt.(6) "Hate" war abgeleitet
von den wütenden, verbalen Angriffen der Musiker auf die sozialen Missstände der US.
Knapp 15 Jahre nach dem Entstehen der Hardcore-Bewegung in den Siebzigern sind es
rechtsgerichtete Musiker in den USA, die in der Musikrichtung eine Chance zum Transport
ihrer extremen politischen Inhalte sehen. Rechter Trendsetter war allerdings bereits Mitte
der achtziger Jahre die New Yorker Hardcore-Band Youth Defense League (YDL). Im Blood &
Honour-Magazin Winter 1987 präsentierte sich YDL als "pro-American, Nationalist, anti-
Communist Band".(7)
Beerbt wird die Youth Defense League von Gruppen wie den Blue Eyed Devils, oder Intimidation One, die sich innerhalb des Hardcore dem Subgenre des Hatecore zurechnen. Ihre Gastauftritte in Europa in den Neunziger Jahren sorgen auch in Deutschland für eine stetige Etablierung des Stils. Die Präsentation ihrer CDs entspricht dem gängigen Klischee der damaligen Tonträger aus dem rechten Bereich. Auf dem Booklet der CD
"Retribution" der Blue Eyed Devils prangen Symbole des Nationalsozialismus und ein Foto
von Adolf Hitler. Im Jahr 2005 wurde die CD indiziert. (8) In der Entscheidung heißt es, dass
nach Vorstellung der Lied-Autoren "Arier" die Welt regieren müssten. Dagegen sollten "alle
nicht-weißen Menschen, insbesondere wird hierbei auf 'Juden' verwiesen, die, genau wie
alle Andersdenkenden, als Abschaum ('Scum') bzw. 'Pestilenz' ('pestilence’) diffamiert werden,
besser vernichtet werden." Im dritten Lied wird beispielsweise unumwunden ein neuer
Genozid an Juden propagiert:
"Ich werde für meine Rasse und Nation kämpfen. Sieg Heil ! (...) Als Soldat für diese Sache
habe ich mein ganzes Leben dafür hingegeben, mein Land und unsere Kultur von dieser
jüdischen Misere zu säubern." (9)
Im siebten Song besingen die Blue Eyed Devils die blindwütige Vernichtung Andersdenkender:
"Zerstöre die Pest, die ich gesehen habe. Lasse meinen Aggressionen freien Lauf und
handele nach meinem eigenen Willen. Mir wird klar, dass ich die Wahl habe, zu töten. Zerstöre
das Leben eines Politikers und ermorde diesen Abschaum."(10)
Wie bei vielen NS Hatecore-Bands der ersten Stunde stehen die Inhalte den neonazistischen
Skinhead-Musikern um nichts nach. "In" ist in der Szene der Neunziger, wer provoziert
– Markenzeichen ist nicht musikalische Qualität oder hintergründige Gesellschaftskritik,
sondern dumpfe Agitation. Hakenkreuze und SS-Symbolik, unverhohlener Antisemitismus
und wütender Ausländerhass sichern einen großen Rückhalt in der Fan-Gemeinde.
Auch optisch gibt es keinen großen Unterschied zu den herkömmlichen Skinhead-Bands,
mit denen die Hardcore-Musiker im letzten Jahrzehnt noch gemeinsam auftreten. Darüber
hinaus waren nicht wenige Trendsetter des rechten Hardcore auch eingebunden in neonazistische Skinhead-Netzwerke.
Seit den Anfängen hat sich in den letzten zehn Jahren in Deutschland eine regelrechte
Szene von Musikgruppen aus dem Hatecore entwickelt. Mit Konzerten, eigenständigen
Vertrieben und Fanstrukturen gehört sie heute zu den bedeutsamsten Rekrutierungsfeldern
des Rechtsextremismus. Dagegen wird die Skinheadbewegung
inzwischen mit ihren Bomberjacken, Springerstiefeln und Glatzen selbst auf Events der rechten Szene als eher skurrile Randgruppe von vielen belächelt. Im Gegensatz zur Skinheadszene sind Outfit und Rhythmen des Hatecore zeitgemäß. Die Unterschiede zu den eher brachial auftretenden Skins offenbaren sich unter anderem in der Kleidung. Die bunten T-Shirts der Hatecore-Bewegung zeigen lodernde Flammenmuster, Billardkugeln und Graffiti-ähnliche Schriftzüge. Statt schwerer martialischer Stiefel tragen Hardcore-Fans modische Turnschuhe, statt der kahlgeschorenen Köpfe ist das Hardcore-Outfit von Spitzbärten und Piercings geprägt. Dazu kommen trendige Jacken von Hardcore-Firmen wie Hate-Hate.(11) Und auch die Covergestaltung vieler deutscher Bands wie Eternal Bleeding (Altenburg), Hope for the weak (Dresden) oder Path of Resistance (Rostock) "bricht mit dem bisherigen Standard des RechtsRock".(12)
Auf ihren bunten CD-Covern finden sich vermehrt Elemente des Punk und des HipHop und
selbst die in der Neonazi-Szene verpönten Graffitis dienen den rechten Hatecorebands zur
Gestaltung der Booklets. Eine rasante Entwicklung am äußersten rechten Rand, die selbst
zahlreiche Szenemitglieder wie den Herausgeber des Skinhead-Heftchen "Foier Frei" überrollt:
"(...) Jeder kann sich meinetwegen so anziehen wie er lustig ist (...) Metaller, Hardcore,
Hooligan. (...) Wenn man aber auf Gigs als Sharp bekoffert wird (...) oder als Zurückgebliebener
betitelt wird, weil man heutzutage noch als Skinhead auftritt, dann ist es schon weit
böse. Für die nationale Sache ist Skinhead heute sicherlich nicht mehr von so großer Bedeutung, für mich persönlich aber schon."(13)
Selbstbewusst dagegen präsentieren sich die neuen Hatecorebands. So erklärt Moshpit:
"(...) wer bei der Bevölkerung ankommt, gewinnt und auf Personen, welche ein Problem
damit haben scheißen wir. Spiel, Satz und Sieg!"(14)...'Der Hass, welcher in uns kocht, braucht keinen Namen."(15).
Und während so mancher Skinhead den Neunzigern nachweint, als seine Bewegung die
jugendsubkulturelle rechte Szene dominierte, entstehen im thüringischen Altenburg heute
regelrechte neo-nationalsozialistische Hatecore-Strukturen. Bands wie Moshpit, Eternal Bleeding
und Brainwash stehen für bundesweit bekannte und gefragte Bands des Hardcore in
Deutschland. Auf rechten Webseiten werden die Thüringer Gruppen gemeinsam mit Path of
Resistance als die "Creme de la Creme des deutschen NS Hardcore" gefeiert.(16)
Die inhaltlichen Aussagen der Gruppe zeigen, dass die Radikalität des Musikstils weit
mehr als ein radikales Image ist. Auch in Szene- Interviews wird deutlich, dass die Bandmitglieder die politischen Botschaften und Kampfansagen aus ihren Stücken ernst meinen. Gefragt nach dem politischen System antwortet Brainwash einem einschlägigen Internetmagazin: "Es muss als erstes ein völlig neues System her. In der jetzigen Gesellschaftsform ist ein artgerechtes Bestehen nicht möglich. Die Macht des Geldes muss gebrochen werden und eine auf nationalen Pfeilern gefestigte Volksgemeinschaft geschaffen werden. Von Demokratie halte ich nicht allzu viel, da bis zum heutigen Tage dieser Begriff nur dazu diente der Unterdrückung einen Namen zu geben."(17) Die Einstellungen der Altenburger Hatecore-Bands zeigt sich auch unverhohlen in Aussagen der Gruppe Moshpit:
"Unsere Hoffnung kann nur sein, dass dieses System zusammenbricht, was nicht mal
solange mehr dauern muss, ein völlig korrupter Staat welcher in Billionenhöhe verschuldet
ist und keine Verbindung zu seinem Volk mehr hat, kann nicht ewig bestehen. (...) unsere
Aufgabe besteht uns körperlich und geistig für den Tag X vorzubereiten, damit dann eine
gesunde, gut geschulte Jugend das Ruder übernehmen und ein neues Vaterland errichten
kann."(18)
Mit verblüffender Offenheit bekennt dann auch Moshpit im Interview mit einem Fanzine
unumwunden: "We play NS-Hardcore". (19) Damit wird klar: Zwar ist die Verpackung
zeitgemäß – doch das Ziel des kulturellen Engagements ist nach wie vor die Überwindung
des demokratischen Deutschland. Und worum es den meisten der NSHC-Musikern wirklich
geht, bringt auch ein Musiker der deutschen NSHC-Band Eternal Bleeding in einem Szeneinterview auf den Punkt: "Die musikalische Entwicklung ist mehr als positiv zu betrachten, unsere Musik ist im Allgemeinen viel professioneller und vielschichtiger geworden, was auch verdammt wichtig für die weitere Entwicklung der Bewegung/Szene ist. Ein viel breiteres Spektrum kann so angesprochen werden! (...) Bei mir gibt es in der Musik sowieso keine Toleranzgrenze, von mir aus kann gehört und gemacht werden, was will! Auch gegen 'nationalen Hip Hop’, mit guten Texten vorausgesetzt, hätte ich nichts, ferne würde ich es doch eher befürworten, da es halt ein Jugendtrend ist! Musik ist Musik, nur der Inhalt und die Botschaft zählen, das ist meine Überzeugung!"(20)
In dieselbe Richtung argumentiert auch der Bandleader von Burn Down: "Mir persönlich ist egal, ob jemand lange oder kurze Haare trägt und welchen Kleidungsstil er bevorzugt. Für mich zählt einzig und alleine die Gesinnung und der Wille unsere Sache zum Sieg zu verhelfen!!!"(21).
Damit sind es Szenemusiker selbst, die feststellen, dass es sich beim NS Hatecore um eine
zutiefst politische Subkultur handelt. Lediglich das Outfit passt nicht mehr in die Kategorien,
wo die rechte Szene mit martialischem Styling oder verstaubter Uniformierung gleichzusetzen
ist. NS Hatecore dagegen ist modern und systemfeindlich, was die Einfallstore
auch für Mainstreamjugendliche in rechtsgerichtete Ideologien erheblich vergrößert.
17. Juni 2008 |
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