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Mythen
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We play NS-Hardcore! |
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Die Mythisierung rechten Gedankenguts in der Musik |
| Von Rainer Fromm |
Die deutschen NS-Hatecore-Strukturen
Einen kommerziellen Schwerpunkt auf Hatecore oder NS-Hatecore, der in der Szene
inzwischen als "NSHC" abgekürzt wird, setzt unter anderem der Online-Versandhandel Until
The End Records, dessen Betreiber der Sänger der Gruppe Daily Broken Dream ist. Auf der Homepage werden neben einer Vielzahl von Tonträgern aus der rechten Szene auch Textilien
und Fan-Zines (u.a. "Volkswille" und "Nordwind") zum Verkauf angeboten und eine breite
Palette von NS Hatecorebands mit Interview der potentiellen Käuferschaft vorgestellt.(22)
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Bekennender Hardcore-Fan in Berlin. (MUT-Foto)
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In Deutschland dürfte es die einzige Quelle sein, in der sich aus erster Hand Ideologie und Lebensgefühl der Subkultur nachlesen lassen. Die Webseite von Until The End Records
liest sich wie ein "Who ist Who" der ansonsten recht abgeschotteten NSHC-Bewegung,
die sich hier ideologisch auslässt. In den Interviews offenbaren viele der Musiker auch ihre Absichten:
Tear down (USA), gegründet 2003, Aussage: "(...) wenn es zum Aufruhr kommt, wird
die Farbe der Haut die Uniform darstellen." An anderer Stelle beschreibt der Musiker "den wahre(n) Feind" als "ZOG [Neonazi-Chiffre für Zionist Occupied Government] und
die J...".(23) H8Machine (USA), Aussage: "Eure Regierung muss zerstört und komplett
wieder aufgebaut werden. Ich kann nicht glauben, wie viel Macht die J... haben in Eurem Land."(24) Burn Down (Deutschland), Aussage: "Alles was ich sagen könnte haben freie
Kameradschaften, NPD usw. schon sehr gut formuliert (...) Ich persönlich würde mir wünschen dass bald der Tag kommt an dem wir die ganze (...) Schweine in LKWs laden,
auf ein Feld fahren und (...)! Na ja, du weißt was ich meine!!!"(25)
Neben Until The End Records gibt es inzwischen eine Vielzahl weiterer rechter Vertriebe,
die einen Schwerpunkt auf NS-Hatecore legen. Zu ihnen zählt der V7 Versand aus Grevesmühlen. In einer eigenen Rubrik "Hardcore und mehr" schwärmt der Vertrieb auf
seiner Homepage bei der Band Path of Resistance: "schlägt voll in die Fresse" und "immer oberbrutal und purer Hass". Der Sound sei "entsprechend eindrucksvoll".(26) Angepriesen
werden auch die Musiker von Might of Rage, die angeblich "noch aggressiver und noch kompromissloser zur Sache gehen", denn "zu aggressiven Texten" gehöre "auch aggressive Musik".(27) Der auch dem rechten Spektrum zuzuordnende Laden "Streetwear Tostedt" hat ebenfalls eine "Produktgruppe" Hatecore eingerichtet.(28) In der Auswahl finden sich Bands
wie Anger Within, Before God, Blue Eyed Devils, Brainwash, Fear Rains Down, Race Riot
und Sedition.
Beleg für die Expansion des NSHC in der rechten Szene ist auch die Auswahl des
Vertriebs 2yt4u Records aus Wallersdorf.(29) Hier ist bei Liedern von einem musikalischen "Mörderbrett" die Rede oder von einem "Streich auf die Fresse". Das Image des Genres wird
mit den Attributen hart-brutal-aggressiv fast allgegenwärtig unterstrichen. Der Vertrieb Hate
Front aus Leipzig ist ebenfalls auf rechten Hatecore spezialisiert. Von amerikanischen HC-Newcomern wie Bad Fate oder bekannten deutschen Gruppen wie Brainwash, Burning
Hate oder Eternal Bleeding existiert ein breites Repertoire.(30) Zwecks effektiverer Kundenbindung hat der Vertrieb auch einen sogenannten Hate Front Club initiiert.
Club-Mitglieder erhalten angeblich 10 Prozent Rabatt auf die Artikel. Hinweise über eine weitergehende Club-Aktivität liegen nicht vor.
Auffallend ist neben der engen kommerziellen auch eine enge musikalische Vernetzung,
was sich in Doppel- und Mehrfachmitgliedschaften von Bandmitgliedern wiederspiegelt.
So ist beispielsweise die Band Hope for the Weak weitgehend personenidentisch mit der
Gruppe Outlaw.(31) Musiker von Brainwash und anderen NSHC-Gruppen spielen zeitweise
für Moshpit (32) und die Gruppe Fear Rains Down ist ein Zusammenschluss aus Musikern
der amerikanischen Band Blue Eyed Devils sowie den deutschen Gruppen Path of
Resistance und Race Riot (2007 unbenannt in Daily Broken Dream).
Das Verhältnis zur NPD
In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass auch die Partei NPD NS Hatecore-Bands
auf ihren Veranstaltungen verpflichtet. Beispielhaft hierfür steht der sogenannte "Bayerntag"
der NPD 2006 in Regensburg – ein groß angelegtes Familienfest der nationalen Bewegung,
an dem rund 1000 Menschen teilnehmen. Für die musikalische Unterhaltung verpflichtete
die NPD die Musikgruppe Burning Hate, eine bayerische NSHC-Band. Und so feiern bei der
NPD Mütter mit ihren kleinen Kindern zu Hatecoreliedern und neu interpretierten Songs
der Nazi-Skinhead-Bewegung. In einem Lied heißt es: "Unsere Köpfe kahl, unsere Fäuste
hart wie Stahl, unser Herz schlägt treu für unser Vaterland, was auch geschehen mag wir
werden niemals untergehen, denn wir sind die Kraft, die Kraft die Kraft für Deutschland". (33)
Auch in Szene-Interviews artikulieren wichtige Musiker der deutschen NSHC-Bewegung
ihre Nähe zur NPD, wie beispielsweise die 2001 gegründete Gruppe Brainwash: "Die NPD
ist eine den geforderten Regeln untergeordnete Partei. (...) Wir unterstützen trotzdem aktiv
ihren Kampf, wo wir es für sinnvoll halten."(34) Im Interview mit dem Autoren erklärt der
Sänger der Gruppe Eternal Bleeding: "Da wir uns auf den demokratischen Weg beschränken müssen ist der erste Weg für nationale Kräfte die NPD."(35) Neben diesen eindeutigen Sympathiebekundungen stimmen auch die Liedtexte diverser NSHC-Gruppen mit der NPD-Ideologie überein. Beispielhaft hierfür stehen Texte der Band Race Riot. Der Name ist
laut Selbstauskunft der Gruppe "Aufruhr gegen diese kranke, verkommene multikulturelle Gesellschaft".(36) Im Tonträger "Terror against Tyranny" heißt es im Lied "Aryan Revolution":
"We are proud of our rage, but many people want destroy its long and great history. We
live in a sick world. It’s not wrong proud to be white! Every Day are more lies over lies. Every
day we are feel the pain. The revolution is near, and we fight against all that oppose us and
that is negative for our race.”
Insgesamt lässt sich die Unterstützung des NSHC für die NPD zweiteilen. Zum einen
ist eine direkte Einbindung diverser Bands in Parteiveranstaltungen festzustellen, wie
beispielsweise dem NPD-Bayerntag 2006 in Regensburg oder dem NPD-Sommerfest am
4.8.2007 in Sachsen Anhalt. Darüber hinaus unterstützen zahlreiche NSHC-Bands auch nationaldemokratische Demonstrationen und tragen mit ihren Texten zu einer nachhaltigen
Verbreitung politischer Inhalte rechtsgerichteter Parteien bei Jugendlichen bei.
Der Hatecore im Wandel
Auch wenn viele der deutschen Bands die NPD den verhassten sogenannten
"Systemparteien"vorziehen, vollzieht sich gerade im deutschen NS Hatecore in
den letzten Jahren ein tiefer inhaltlicher Wandel. Wo früher mit einfach gehaltenen
Nazi-Parolen mit den brachial auftretenden Skinheadbands gewetteifert wurde, stehen
heute vermehrt subtilere politische Botschaften. An die Stelle eines offenen
Antisemitismus und Antiamerikanismus treten vermehrt Anti-Globalisierungsparolen
und die Warnung vor imperialistischen Weltverschwörern. Nicht umsonst diffamiert
die Thüringer Gruppe Brainwash den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder als "Befehlsempfänger der neuen Weltordnung"(37). Und in den USA sieht Brainwash
Hintermänner am Werk, die an den Schalthebeln der Macht sitzen: "Das ist völlig
egal wer in den USA an die 'Macht’ kommt. Die Befehle kommen aus anderen
Kreisen und wer sich denen wiedersetzt, war die längste Zeit Präsident. (...) glaubt
nicht alles was man euch präsentiert und bildet euch weiter, um im baldigen Chaos
zu bestehen. Die neue Weltordnung ist kein Traum (...)."(38)
In einem anderen Szeneinterview behauptet die Gruppe, dass "alle jetzigen Medien,
sei es Fernsehen, Radio, Zeitungen, Bücher und Internet" von "kleinen machtgierigen
Gruppen, welche diese Welt wirklich regieren" würden, "gesteuert und überwacht"
seien.(39) Damit erleben Verschwörungsbotschaften in den aktuellen Aussagen und
Texten der NS-Hatecore-Bewegung ein jugendsubkulturelles Revival. Im Song "Credulous
Slaves" ("Gutgläubige Sklaven") auf der CD "No Alibi" heißt es:
"Don’t look behind the mask of the devil
honest people aren’t welcome here
that’s the rule in a illuminated world
but we aren’t credulous slaves. (…)
We are silent for too long.
We must spark the revolution now!”
Die Band Moshpit agitiert: "Als erstes muss natürlich Big Brother zusammenbrechen,
da er ja doch die Fäden in seinen Händen hält."(40) Die Interviewaussagen finden sich
auch in den Texten wieder, wie der Song "Ihr oder Wir" auf der CD "Mirror of an unbroken
faith" aufzeigt:
"Marionetten sind wir ob wir es wollen oder nicht.
Anpassung ist in dieser Gesellschaft Pflicht (...)
Gefundener Spielball dieser Idiotie.
Benutzte Sklaven ihrer Plutokratie
Sie lachen sich tot über unsere vergeudete Kraft
Und keiner erkennt wie groß wär unsere Macht (...)
Ein geeintes Volk ohne trennende Klüfte
Ist ein Alptraum jener bösen Mächte."
Die ideologische Frontstellung liegt auf der Hand: Auf der einen Seite das geschundene
und versklavte (deutsche) Volk – auf der anderen Seite der Feind – die Plutokratie. Doch
die Agitation von Brainwash und Moshpit verzichtet auf Hakenkreuze und primitive
Hassparolen. Rechtsgerichtete Musik kommt im Gewand des neuen Jahrtausends – von Altlasten, die in die gesellschaftliche Isolation führen, entsorgt. Und besang die Szene
früher bierselige Trinkgelage, steht heute der Widerstand gegen Drogen, Alkohol und den Verzehr von Fleisch. Kein Zufall, denn die Biographie der Hardcore-Subkultur ist begleitet
von zahlreichen Bands, die mit radikalen Straight Edge-Texte von sich reden machten.
Und so sind es heute NS-Hatecorebands wie die italienische Gruppe Hate for Breakfast,
die in ihren Liedtexten die "Grausamkeiten an Tieren" verarbeitet, wie sie stolz im Interview erklärt.(41)
Und auch die Abkehr vom Kapitalismus und der subkulturellen Kommerzkultur haben
die neuen neonazistischen Hardcore-Bands internalisiert. So könnten Aussagen so
mancher NSHC-Bands auch aus der Diktion von politisch linken Musikern oder
anarchistischen Punk-Gruppen stammen. Aufschlussreich für die neuen Töne am
äußersten rechten Rand sind die Ausführungen von Anger Within: "Einzig der Griff in ihre Geldbörsen lässt die Menschen für kurze Zeit aus dem Dauertraum von Mikrowellengourmetgerichten und Realityliveshows erwachen. Unter diesem
Gesichtspunkt müssen wir froh über jeden weiteren Einschnitt in die Finanzen unserer
Volksgenossen sein. (...) Wenn die Machthaber nicht mehr in der Lage sind, den
Untertanen das bisschen Wohlstand im Abendland zu sichern, weil sich die Zinsspirale unbarmherzig in das Herz des Wirtschaftswachstums bohrt, bricht das Produkt aus Geschichtslügen und wirtschaftspolitischer Utopie zusammen (...)."(42)
Im Interview mit dem Szenemagazin "Rock Nord" erklärt die Gruppe Path of Resistance:
"Uns stört nicht dieses, jenes oder welches an diesem liberal-kapitalistischen Verwertungssystem, sondern wir stehen in fundamentaler Opposition dazu. Es
geht nicht darum an bestimmten Auswüchsen rumzupfeilen, sondern einzig und
alleine darum, das System durch ein komplett neues zu ersetzen. Es ist unmöglich
bspw. den real existierenden Kapitalismus durch einen anderen 'gerechteren’ Kapitalismus
zu ersetzen."(43)
Mit ihrem Song "Capitalism Kills" hat Path of Resistance ein regelrechtes
Antiglobalisierungs-Kampflied veröffentlicht: "I can’t breathe your fucking money.
Capitalism kills – the animals – the mankind – the nature – the world. Pain bent
bodies in close cages, tormented and maltreated by rich murderers. Breed for the
death so that ugly women can paint their faces conglomerates kill without scruples
for the maximum profit margin. Look in the mirror and you’ll see. You commit
murder with. … There is blood on your hand. Act now!”
In einem anderen auf der CD befindlichen Song mit dem Titel "Nature is fighting back”
widmet sich Path of Resistance der Umweltzerstörung. Hier beklagt die Band, dass
die heutige Kontaminierung der Natur den nächsten Generationen keinen Platz zum Leben lasse. Der Text fordert die Zuhörerschaft auf, sich gegen die unheilvolle Entwicklung zu
wehren: "Your fucking ignorance just makes me sick. Can’t you see, the world burns down.
I can’t close my eyes. The punishment is near. Natur is fighting back. The end is near.
I can taste the fear.”
Insgesamt dokumentiert die breite Themenwahl von Globalisierungskritik, Sozialprotest,
Umweltschutz und gesunder Ernährung, dass die NS-Hardcore-Szene wie keine andere
rechte Jugendkultur den Anschluss an den gesellschaftlichen Mainstream gefunden hat.
So fordert auch die 2005 gegründete deutsche NSHC-Band Hope for the weak (HFTW):
"Man sollte schleunigst umdenken und die Zerstörung der letzten Reserven stoppen.
Aber leider bestimmen das Kreise, denen an der Zukunft der Menschen nichts liegt. Hier
zählt nur, dass der Rubel rollt. Wir sollten wenigstens den kleinen Teil, auf den wir
Einfluss haben, dazu beitragen und unser Verhalten in Einklang mit der Natur bringen."(44)
Die Gruppe Fear Rains Down beklagt in Anbetracht der globalen Probleme, es sei "eine
Tatsache dass sich der Großteil der Bevölkerung im dreckigen Wasser der Gleichgültigkeit
badet."(45) Dagegen fordern die Texte brachial zum Aufbegehren gegen das System auf.
Viele der Lieder mit ihren in Zeitgeistthemen verpackten rechten Parolen bauen Brückenköpfe
rechtsgerichteter Ideologie in den jugendlichen Mainstream. Dazu sind nicht wenige der
Texte kompatibel mit den sehr populären Mythen, die sich um Tempelritter und Illuminati
ranken, die Kapitalismuskritik entspricht dem Free-Trade-Zeitgeist, der aus dem Kauf
"korrekten Kaffees" eine politische Widerstandshandlung mutieren lässt. Gemeinsam sind
vielen Bands auch englische Texte. Im Interview mit dem Autor bestätigt der Bandleader
von Eternal Bleeding, dass sich englische Musik "viel besser interpretieren" lasse und man
"Sachen besser drin verpacken" könne. Dazu lasse sich in Englisch leichter als in Deutsch singen.(46)
In der rechten Szene waren derlei Aussagen noch vor wenigen Jahren nicht möglich.
Insofern ist NS Hatecore weit mehr als nur eine neue Verpackung – die Stilrichtung
steht auch für eine inhaltliche und subkulturelle Modernisierung.
17. Juni 2008 |
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