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Lebenszufriedenheit

Axel Salheiser
Wie zufrieden sind die Menschen in Ost und West mit der eigenen sozialen Situation und ihren privaten Lebensbedingungen? Und welche Faktoren beeinflussen die Lebenszufriedenheit?

Lebenszufriedenheit
Kindertagesstätte in Dresden. Mit der angebotenen Kinderbetreuung sind Ostdeutsche im Durchschnitt zufriedener als Westdeutsche. Foto: AP

Auch fast zwei Jahrzehnte nach der deutschen Einigung fällt die subjektive Bewertung einzelner Lebensbereiche bei Ostdeutschen und Westdeutschen unterschiedlich aus. Die Einschätzung der eigenen sozialen Situation und der privaten Lebensbedingungen hängt dabei nicht nur von den tatsächlichen materiellen Gegebenheiten ab, sondern auch von individuellen Ansprüchen und Erwartungen.

Zur Person
Axel Salheiser
Geboren 1976. Wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 580 Halle/Jena. Sein Buch "Parteitreu, plangemäß, professionell? Rekrutierungsmuster und Karriereverläufe von DDR-Industriekadern" erschien 2009 im VS Verlag.

Generell lässt sich für die Spätphase der DDR feststellen, dass ein Großteil der Bevölkerung sehr unzufrieden war mit der persönlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage. Dieser Missmut hat erheblich zur Implosion der DDR beigetragen, zur Aushöhlung ihrer Loyalitätsbasis von innen heraus. Die Wiedervereinigung wurde insofern als eine tiefgreifende Zäsur angesehen, von der die meisten Bewohner der neuen Bundesländer eine positive Entwicklung ihrer Lebensverhältnisse erwarteten.

Tatsächlich standen die Zeichen zunächst auf Aufschwung. Die Mehrheit der stimmberechtigten Ostdeutschen setzte 1990 ihr politisches Vertrauen in die Prognose Helmut Kohls, es werde "niemandem schlechter, aber vielen besser gehen". In den Folgejahren zeigte sich jedoch rasch, dass in vielen Bereichen, unter anderem beim Lebensstandard, die Angleichung der Verhältnisse länger dauern würde. Die lang anhaltende Talfahrt des ostdeutschen Arbeitsmarktes, die wirtschaftliche Anpassungskrise und schließlich die dauerhafte Rückständigkeit und Strukturschwäche ganzer Regionen trüben die Wahrnehmung von gleichfalls unübersehbaren Erfolgen und Leistungen des "Aufbaus Ost" und des objektiv erreichten Grades der Angleichung der allgemeinen Lebensbedingungen. Die Enttäuschung hat sich offensichtlich auf die subjektive Bewertung der Ostdeutschen ausgewirkt.

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Heute zeigt das Einstellungsbild, dass die subjektiven Einschätzungen in Ostdeutschland durchgehend niedrigere Durchschnittswerte erreichen als in Westdeutschland, auch wenn die westdeutschen Werte abgesunken sind. Selbst Lebensbereiche wie Freizeit, Familie und Gesundheit sind vom kritischeren Urteil der Ostdeutschen nicht ausgenommen (vgl. auch Datenreport 2008: 404 f.). Nur im Bereich der Kinderbetreuung zeigen sich Ostdeutsche im Durchschnitt (2006: 7,0) zufriedener als Westdeutsche (6,5). Doch hier ist die Zufriedenheit in den vergangenen Jahren leicht gesunken, während sie in Westdeutschland annähernd gleich geblieben ist. Auch mit ihrer Gesundheit sind die Ostdeutschen heute unzufriedener als vor einigen Jahren, was teilweise an der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung liegen mag. Die deutlichste kontinuierliche Steigerung hat es indessen bei der Zufriedenheit mit den Wohnverhältnissen in den neuen Bundesländern gegeben. Im Bereich der Altbausanierung und der Neubautätigkeit trägt der "Aufbau Ost" also nach wie vor Früchte.

Die meisten Zufriedenheitsparameter zwischen Ost und West gleichen sich nur langsam an, auch wenn die Rangfolgen der am positivsten und am negativsten bewerteten Lebensbereiche in Ost und West einander ähneln. In Ostdeutschland ist der Unmut uneinheitlich ausgeprägt: Wenn man einzelne Einkommensgruppen gegenüberstellt, offenbart sich ein Auseinanderklaffen der "Schere zwischen Arm und Reich" auch in der subjektiven Bewertung der Lebenslagen. Höhere Einkommensgruppen konnten ihre Zufriedenheitswerte ähnlich wie im Westen (obgleich auf niedrigerem Niveau) eher halten. Personen mit niedrigen Einkommen hingegen sind im Osten deutlich unzufriedener geworden als Personen mit vergleichbarem Status in Westdeutschland (vgl. Datenreport 2008: 408). Es wäre dennoch ein Kurzschluss, würde man die signifikanten und auffälligen Unterschiede zwischen Ost und West ausschließlich auf das fortbestehende Lohngefälle sowie auf die schwierige Arbeitsmarktsituation zurückführen. Vielmehr scheinen auch tiefgreifende kulturelle Differenzen eine Ursache dafür zu sein, dass Ostdeutsche auch die Bereiche ihrer privaten Lebensführung nachteiliger einschätzen als Westdeutsche. Das Gefühl, "Bürger zweiter Klasse" zu sein, und eine wenig zuversichtliche Grundhaltung ist auch bei Ostdeutschen anzutreffen, denen es, objektiv betrachtet, durchaus gut geht. Einiges spricht somit dafür, dass auch die Einschätzung der gesellschaftlichen Gesamtentwicklung und der sozialen Gerechtigkeit die subjektive Lebenszufriedenheit beeinflusst.


Literaturhinweise
  • Datenreport 2008
  • SOEP 1990, 1991, 2006


30. März 2010


 
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