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Die friedliche Revolution

Ein Wunder, dass der Tag nicht blutig endete


Günter Schabowski, Mitglied des DDR-Politbüros



Textversion des Video-Interviews

Das Entscheidende war die Bewegung der Menschen selbst, die Massenflucht in diesem Jahr – also nicht Abrisse, sondern immer mehr Zunahmen. Und die Führung sah natürlich ihr eigenes Renommee in der Welt versickern. Und daraus resultierte dann, dass man etwas ändern musste. Und einige wenige im Politprogramm kamen zu dem Schluss: Das muss man nicht machen, indem man eine noch dickere Mauer macht, sondern indem man die Mauer öffnet. Und das wurde begonnen, mit einem – also nach dem Sturz von Honecker, der sich ja einer solchen Entwicklung verweigerte – durch ein Reisegesetz. Der Entwurf wurde Anfang November veröffentlicht. Das sollte vier Wochen lang diskutiert werden, damit das möglichst einwandfrei formuliert ist und die Zustimmung der Menschen findet. Und dann sollten die im Dezember reisen können, wohin sie wollten. Aber da wurde natürlich vor allen Dingen an die Bundesrepublik gedacht.

Und dieser Gesetzesentwurf war unzulänglich, der hatte gewisse Schwächen. Da war weder vorgesehen, dass die Leute eine Ausreiseerlaubnis bekommen, sozusagen ein Ausreisevisum – das gibt es in keinem demokratischen Land, da brauchen Sie nur einen Pass – und ein Einreisevisum für das Land, in das sie wollen. Dann waren keine Mittel ausgewiesen – also wenn man über die Grenze in den Westen fährt, da muss man ein bisschen Westgeld haben, um sich mal eine Brause oder sonst was zu kaufen. Also, das haben die Leute sofort begriffen. Daraus schlossen sie: Man will sie wieder übertölpeln oder täuschen.

Und als die Proteste darüber laut wurden – schon in den Montagsdemonstrationen, so am 5. oder 6., als das Gesetz veröffentlicht wurde – kamen wir dann zu dem Schluss: Das ist ein Fehlschlag. Jetzt müssen wir ohne Umschweife sofort die Dinge regeln. Und dadurch kam eine Regierungsverordnung zustande, die wir veranlasst hatten – also diese drei Leute im Politbüro. Diese Verordnung war das, was ich am 9. verlesen habe. Sie wurde mir im Zentralkomitee am 9. von Krenz ausgehändigt. Da war nämlich der Minister hin gekommen und hatte ihm den Entwurf gezeigt, weil der wissen wollte: Stimmt's auch so? Ist es auch so Recht? Und daraufhin bin ich also in die Pressekonferenz gegangen, um – ich sage es mal so – auch darüber zu informieren.

Das Stichwort gab mir ein italienischer Korrespondent, der sich gerade auf dieses Gesetz berief. Der wusste ja nichts von den neuen Regelungen und sagte: Sagen Sie mal, war das nicht ein Fehler? Und daraufhin war das für mich das Stichwort zu sagen: Ja, also, ich kann ihnen dazu gewissermaßen etwas weitergehendes, neueres mitteilen. Dann kam die Frage: Wann, ab sofort? Dann bekräftigte ich – ich hatte es ja vor mir liegen: Ab sofort ist das – und bekräftigte es nochmal: Ab sofort. Und daraufhin strömten, stürmten die Journalisten raus, teilten das dann ihren Redaktionen mit oder dem Fernsehen in den Nachrichtensendungen. War das ein Fehler? War das ein Versehen? War das eine Absichtssache von dem, der das da mitgeteilt hat? Wie erklärt sich das? Das hing damit zusammen, dass ich den Entwurf der Regierungsverordnung hatte. Auf diesem Entwurf ist kein Sperrfristvermerk enthalten. Denn diejenigen, die ihn ausgearbeitet hatten, die Regierungsinstanzen, hatten ihre eigenen Vorstellungen oder Festlegungen, wie das zu geschehen hat. Und die hatten sich vorgenommen, es früh um vier durch einen Rundfunk- oder Regierungssprecher, wie ich gehört habe, verlesen zu lassen.

So, ich habe es um 19.00 Uhr mitgeteilt. Damit hatte diese Benachrichtigung für die Grenztruppen noch gar nicht begonnen. Und so ist es eben passiert, dass das innerhalb einer Stunde um die ganze Welt war, weil es ja doch eine Sensationsmeldung war. Das war ja damals der sozusagen krasseste Ausdruck kommunistischer Menschenverachtung, dass hier eine solche Grenze gezogen wird, und da machen die plötzlich die Grenze auf. Also: Auch dort ist es endlich passiert! Das ging um die Welt herum. Und es war noch nicht bis zu den Soldaten an der Grenze gekommen, während aber im Berliner Ballungsgebiet alle Menschen es gesehen, gehört hatten. Sie teilten es den Nachbarn mit, stürzten aus dem Haus, schwangen sich in den Trabbi oder sonst wie – und fuhren zur Grenze, um gleich mal zu testen, ob es stimmt. Und da gab es dann diese konfrontative Situation, dass dort die Soldaten standen, die Grenzer, und sie wussten nicht, wie sie reagieren sollten. Und das war eine gefährliche Situation. Deswegen sage ich immer: Das eigentliche Wunder des 9. bestand darin, dass es nicht zu dieser blutigen Eskalation gekommen ist.


 
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