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Jugendkultur
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Kameradschaften als Strategieelement |
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| Michael Klarmann |
Freie Kräfte als Terrorzellen
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Rechtsextreme Kameradschaft bei Neonaziaufmarsch in Dresden, Februar 2006. Foto: Aktion Zivilcourage Pirna
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Die "Kameradschaft Süd" in München entwickelte sich zur terroristischen Vereinigung und einzelne Mitglieder erörterten vage einen Sprengstoffanschlag auf die Grundsteinlegung des Jüdischen Kulturzentrums am 9. November 2003 in München. Der damalige Anführer der Gruppe, Martin Wiese, war seit der Jahrtausendwende mehr und mehr zur Führungsfigur innerhalb der "Freien Kräfte" in Süddeutschland geworden und verfügte über bundesweite Kontakte. Mitglieder der "Kameradschaft Süd" – darunter Wiese – wurden im Frühjahr 2005 in zwei Prozessen vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht zwar wegen Waffen- und Sprengstoffdelikten sowie Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Doch abgesehen von Unterbrechungen bestand die "Kameradschaft Süd" weiter. Statt des inhaftierten Martin Wiese führte Norman Bordin die Gruppe, mittlerweile auch NPD-Mitglied, Landeschef der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN) und wegen Körperverletzung vorbestraft. Mitglieder des auf eine 'Kameradschaft' fußenden 'Heimatbund Ostelbien e.V.' veranstalteten im sachsen-anhaltinischen Pretzien am 24. Juni 2006 eine öffentliche Sonnenwendfeier. Im Beisein des damaligen PDS-Bürgermeisters Friedrich Harwig und zahlreicher Bürger wurde dabei eine US-Flagge und das 'Tagebuch der Anne Frank' verbrannt. Später enthüllten Medienberichte, dass in dem 900-Einwohner-Ort bei Magdeburg zur Tatzeit auch der frühere Landesinnenminister Klaus Jeziorsky (CDU) und mehrere Verfassungsschützer wohnten. Jeziorsky hatte sich sogar einst mit Mitgliedern der rechtsradikalen Kameradschaft fotografieren lassen.
Wulff, Worch und Heise stehen für eine Kontinuität der Führungskader innerhalb der Neonazi-Szene. Wulff wandte sich 2004 wieder der NPD zu und fungiert heute in der Partei als "Koordinator freie Kräfte" und "persönlicher Referent" für NPD-Chef Voigt. Sein langjähriger Weggefährte, der Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger, trat im Herbst 2006 der NPD bei und wurde beim Bundesparteitag kurz darauf schon in den NPD-Bundesvorstand gewählt. Für rechtsextreme Multifunktionalität steht auch Heise. Der ehemalige FAP-Kader war auch Chef der "Kameradschaft Northeim". Heise ist unter anderem vorbestraft wegen Landfriedensbruch und gefährlicher Körperverletzung. Er trat im September 2004 medienwirksam mit Wulff und einem dritten Führungskader der "Freien", Ralph Tegethoff, in die NPD ein. Der prominente Rechtsrockhändler Heise ist heute Mitglied des NPD-Landesvorstandes Thüringen, des Bundesvorstandes der NPD sowie "Verbindungsmann" der NPD zu den Kameradschaften.
Interpretationen, dass Kameradschaften angesichts ihrer politischen Praxis eine Art lokale SA-Ortsgruppe darstellen wollen, sollten einer wachsenden Arbeitsteilungen zwischen NPD und 'Freien' verstärkt ins Blickfeld geraten. Denn ein Teil der Kameradschaften stellt sich offen in die Tradition von Hitlers Straßenkämpfer. So nutzen diese manchmal Zahlencodes, die sich auf lokale SA-Gruppen beziehen: die "Kameradschaft Celle 73" war angelehnt an die SA-Standarte 73, einst stationiert in Hannover; die verbotene "Kameradschaft Hauptvolk" hatte eine Untergruppe "Sturm 27", benannt nach einer ehemaligen SA-Gliederung in Brandenburg. Andere Kameradschaften nennen oder nannten sich etwa "Sturm Baden" und "Hamburger Sturm" (verboten). Die "Kameradschaft Aachener Land" kürzte sich während ihrer Gründungsphase Mitte 2001 noch nicht wie heute KAL, sondern KSA ab.
SA-Größen als Vorbilder
Weitere Kameradschaften beziehen sich positiv auf lokale SA-Männer – etwa die nach dem Essener SA-Gruppenführer benannte "Kameradschaft Josef Terboven" oder die nach dem ermordeten SA-Mann benannte "Kameradschaft Walter Spangenberg" aus Köln. Kameradschaften beziehen sich teils auch positiv auf SA-Größen, etwa die "Kameradschaft Saarlautern" auf den in NS-Deutschland als Märtyrer verehrten Sturmbahnführer Wessel, indem sie auch als "Kameradschaft Horst Wessel Saarlautern" firmiert(e). Der "Kameradschafts-Kader" Sascha Krolzig aus Hamm nutzte bei seiner Rede auf einer Demonstration am 14. März 2005 in Dortmund zudem die SA-Kampflosung: "Alles für Deutschland!" Der Kölner Führungskader des "Kampfbundes Deutscher Sozialisten" (KDS), Anführer der "Kameradschaft Walter Spangenberg" und Mitinitiator des "Aktionsbüros Westdeutschland", Axel Reitz, verabschiedete sich vor seinem Haftantritt im Juli 2006 per Rundschreiben von seinen "liebe[n] Kameradinnen und Kameraden" mit den Worten, er habe "[...] stets versucht meine Pflicht als politischer Soldat an vorderster Front des politischen Kampfes zu erfüllen [...]". Der Begriff "politischer Soldat" stand für den ideologisch gefestigten SA-Straßenkämpfer, von dem SA-Chef Ernst Röhm einst träumte. Diesen Begriff gebrauchen auch die "Jungen Nationalen", die Jugendorganisation der NPD in ihrer Selbstdefinition, die sehr eng mit Kameradschaften zusammen arbeiten.
Der Bundesverfassungsschutz stellte fest: "In zahlreichen Debatten [...] kommt die grundsätzlich vorhandene Gewaltaffinität der Szeneangehörigen zum Ausdruck. Auch wurden wiederholt Waffen gefunden. Paramilitärische Wehrsportübungen gehören für einen Teil der Szene zur politischen Arbeit." Das "Aktionsbüro West" der Neonazis indes schrieb im Juli 2006: "Es wird Zeit, dass der Nationale Widerstand sich nicht mehr nur darauf beschränkt sein Terrain zu verteidigen, sondern anfängt dem Gegner das Feld streitig zu machen! Lassen wir aus dem Nationalen Widerstand einen Nationalen Angriff werden!" Auch das erinnert frappierend an die NPD-Losung vom "Kampf um die Straße".
Der Text ist eine gekürzte Fassung eines Beitrages für "Rosen auf den Weg gestreut. Deutschland und seine Neonazis", PapyRossa-Verlag Köln, April 2007
23. April 2007 |
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