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Artenvielfalt

Pflanzenvielfalt ade – Ursachen für den Artenverlust in Deutschland


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Marina Tsaliki / Burghard Wittig
Wildpflanzen haben es hierzulande schwer: Die meisten Auen, Sümpfe und Moore sind trocken- gelegt, und die Bebauung wird immer dichter. Der Klimawandel droht den Artenschwund noch zu beschleunigen.

Traubenkirsche
Abb. 3: Spätblühende Traubenkirsche, fruchtend. Foto: H. Schepker
Die Vielfalt der Pflanzen in Mitteleuropa ist eng mit den Aktivitäten des Menschen in der Vergangenheit verbunden. Die Einwanderung von Pflanzenarten mithilfe des Menschen überstieg schon zu Beginn der mittleren Eisenzeit (700 bis 500 v. Chr.) die natürliche Einwanderung (s. Abb. 1). Durch Waldrodungen und anschließende Nutzungen wie Beweidung und erster Ackerbau im Mittelalter entstand eine Kulturlandschaft, in der nur noch wenige naturnahe Elemente – meist schwer zu kultivierende Bereiche wie Hochmoore, Salzwiesen oder schwer zugängliche Hochgebirgsstandorte – übrig blieben. Den Böden wurden durch Beweidung und Abtragen des Oberbodens Nährstoffe entzogen. Über die Jahrhunderte bildeten sich so viele nährstoffarme Lebensräume wie Heiden und Magerrasen. Die durch extensive Landwirtschaft entstandenen Halbtrockenrasen gehören zu unseren artenreichsten Gebieten.

Zur Person
Marina Tsaliki
geb. 1978, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ökologie und Evolutionsbiologie der Universität Bremen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Botanik, Pflanzenökologie sowie Natur- und Umweltschutz.

Grafik_1
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Abb. 1: Gefährdungsursachen bei Farn- und Blütenpflanzen, nach (1) verändert und zu fünf Hauptgruppen zusammengefasst. Grundlage der Auswertung sind 819 ausgestorbene und gefährdete Farn- und Blütenpflanzen der Roten Liste, Mehrfachnennungen sind möglich.
Die höchste Artenzahl an Pflanzen in Mitteleuropa wurde vermutlich zu Beginn der industriellen Revolution erreicht (circa 1800 bis 1850). Durch zunehmende menschliche Eingriffe seit Mitte des 19. Jahrhunderts nimmt die Zahl der einheimischen Pflanzenarten sowie der Archäophyten (einheimische Pflanzenarten, die vor 1492 n. Chr. mit dem Menschen eingewandert sind) ab. Dieser Prozess dauert bis heute an, wenngleich die meisten ausgestorbenen Arten in Deutschland schon vor dem ersten Weltkrieg verschwunden sind [1].

Zur Person
Burghard Wittig
geb. 1964, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ökologie und Evolutionsbiologie der Universität Bremen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Angewandte Vegetationskunde sowie Naturschutz und Naturschutzbiologie.

Die wichtigsten Gründe für den Artenverlust

Wasser_Lobelie
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Abb. 2: Die Wasser-Lobelie ist ein in unserer Flora brisantes Beispiel für eine Art, die sich im Rückgang befindet. Foto: B. Wittig
Eine Untersuchung des Bundesamtes für Naturschutz von 819 ausgestorbenen und gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen in Deutschland ergab, dass Lebensraumzerstörung und landwirtschaftliche Nutzung die Hauptursachen für den Artenrückgang sind (Abb. 1) [2]. Standortveränderungen, besonders durch flächendeckende Einträge von Nährstoffen wie Nitrate und Phosphate aus der Landwirtschaft, beeinflussen ungefähr die Hälfte der betrachteten Arten. Viele der ausgestorbenen oder gefährdeten Arten sind auf nährstoffarme Standorte angewiesen, die es in unseren stark genutzten Landschaften kaum noch gibt. Sehr nährstoffarme Gewässer wie Heideweiher oder Moore und Moorwälder weisen die höchsten Anteile ausgestorbener und gefährdeter Arten in Deutschland auf (Abb. 2).

Zerstörung von Lebensraum

Vor allem durch Bebauung, den Abbau von Rohstoffen – verbunden mit Überschüttungen oder Auffüllungen –, sowie durch die Vernichtung von Altwässern, Nassstellen und Bodensenken geht Lebensraum unwiderruflich verloren, was die Artenvielfalt stark gefährdet. Der Bims- und Lavagestein-Abbau in der Vulkaneifel oder der Gipsabbau im Harz vernichteten beispielsweise große, für viele Wildpflanzen wertvolle Flächen. Aber auch kleine Baumaßnahmen tragen zum Verschwinden von Pflanzenarten bei: Die Beseitigung alter Dorfstrukturen und der Ausbau von Wegrändern oder Weinbergböschungen sind nur zwei Beispiele von vielen.

Intensive Landwirtschaft

Die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung seit den 1960er-Jahren hat einen erheblichen Anteil am Rückgang von Pflanzenarten auf Wiesen, Weiden und Äckern. Die Gründe hierfür sind vielfältig, zum Beispiel die starke Zufuhr von Mineraldünger und Gülle, Anwendung von Unkrautbekämpfungsmitteln (Herbizide), frühe Mahd, Entwässerung von Feuchtwiesen und Umbruch von Grünland. Die Folgen sind artenarmes Intensivgrünland und Äcker, in denen wilde Pflanzenarten kaum noch zu finden sind.

Seit den 1980er-Jahren war durch eine schwierigere ökonomische Lage der Landwirtschaft ein leichter Rückgang der Intensivierung zu verzeichnen, der allerdings keine merklichen positiven Effekte auf die Bestandsituation gefährdeter Arten hatte. Derzeit ist im Zuge des Biomassebooms und der Verteuerung landwirtschaftlicher Produkte ein weiterer Intensivierungsschub der landwirtschaftlichen Nutzung zu beobachten, was mit zunehmendem Maisanbau und der Einführung neuer Energiepflanzen wie Chinaschilf verbunden ist. Damit werden Extensivierungsbemühungen der jüngeren Vergangenheit teilweise zunichte gemacht.

Neben der Intensivierung der Landwirtschaft gefährdet die mangelnde Nutzung von meist ertragsschwachen Standorten viele Pflanzenarten. Viele Arten sind von der landwirtschaftlichen Pflege ihres Lebensraumes abhängig. Dies gilt besonders für Frisch- und Feuchtwiesen sowie Magerrasen. Wenn es sich dabei um Schutzgebiete handelt, ist die Nutzung für Landwirte in hohem Maße unwirtschaftlich und wird vernachlässigt.


30. März 2009

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