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Mut zur Lücke


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Wir verplanen jeden Quadratmeter. Was dabei herauskommt, hat mit einer lebendigen Stadt nichts zu tun
Rem Koolhaas
Im Folgenden möchte ich ein paar Probleme ansprechen, die sich für mich aus der Entwicklung der Stadt und des urbanen Lebensraums ergeben und die nicht nur uns Architekten zu schaffen machen, sondern auch von öffentlichem Interesse sind. Sie werfen ein paar verteufelt schwierige Fragen auf, und in den meisten Fällen habe ich auch keine fertigen Antworten parat. Das antike Griechenland schuf seine Monumente für die Gemeinschaft, es gab eine kollektive Verantwortung für den öffentlichen Raum. Das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem war sehr klar definiert. Zwar prägen die Architektur und urbanen Strukturen, die aus dieser Zivilisation hervorgingen, bis heute modellhaft unser Denken über Öffentlichkeit und Privatsphäre. Aber gerade in den letzten 15 Jahren lassen sich neue Tendenzen beobachten. Man sagt oft, jede Generation müsse ihr Verhältnis zur Globalisierung selbst definieren. Stellt man die Symbole für den Yen, den Euro und den Dollar nebeneinander, ergibt sich das Wort ¥€$, also "yes" wie "ja". Das Wesen dieses ¥€$-Regimes ist, dass sich der Einfluss des öffentlichen Sektors verringert hat, während jener der Privatwirtschaft zunahm. Wir leben in einer Zeit, in der das Verhältnis dieser beiden Bereiche intensiv verhandelt wird, und eines der wichtigsten Foren für derartige Diskussionen ist die städtische Architektur beziehungsweise der Städtebau.

Zur Person
Der Architekt Rem Koolhaas wurde 1944 in Rotterdam geboren. 1975 gründete er gemeinsam mit Madelon Vriesedorp, Elia Zhengelis und Zorp Zhengelis das Office for Metropolitan Architecture (OMA). Bekannt wurde er neben Gebäuden mit zahlreichen programmatischen Büchern wie 1978 "Delirious New York". Zurzeit plant Koolhaas unter anderem das Hauptquartier des China Central Television.

Ich denke, vor der aktuellen Phase der Globalisierung und Privatisierung wäre ein Gebäude wie das Guggenheim Museum, das Frank Gehry in Bilbao baute, nicht möglich gewesen. Wo Bauwerke in der Vergangenheit einfach nur schlicht und würdevoll wirken sollten – wie etwa im Fall des Parthenons –, erzwingt heute der schiere kommerzielle Druck, der hinter fast jedem Bauvorhaben steht, selbst die gewissenhaftesten Architekten zu exzentrischen und extravaganten Entwürfen. Eine andere wichtige Tendenz, die sich auf die Planung und Neugestaltung von Städten auswirkt, ist die Tatsache, dass die Globalisierung kein einheitlicher Vorgang ist, sondern in unterschiedlichen Stadtteilen unterschiedlich vonstatten geht, wodurch zwei gegenläufige Tendenzen gefördert werden: die explodierende und die schrumpfende Stadt – mit kaum einer Abstufung dazwischen.

Es gab Zeiten, in denen jeder genau wusste, was zu tun war: Viele von uns schrieben Manifeste, und andere setzten erfolgreich um, was in diesen Manifesten stand. Doch aufgrund kultureller Entwicklungen der letzten 15 Jahre und weil wir einige Fehler machten, sind der Glaube an solche Manifeste und das Vertrauen in das Wissen um die richtige Lösung abhanden gekommen. Heutzutage schreiben wir keine Manifeste mehr; höchstens noch verfassen wir Stadtporträts, und dabei hoffen wir nicht etwa, theoretisch begründete Vorschläge zum Städtebau zu entwickeln, sondern bestimmte Entwicklungen überhaupt einmal verstehen zu können. Das Vertrauen in entsprechende Theorien ist geschwunden, und es wird lange dauern, bis wieder etwas Ähnliches entsteht. In England würden beim Thema verlorene Utopien viele sagen "Gott sei Dank sind wir sie los". Mit derart anti-utopischen Tendenzen bin ich vertraut, seit ich 1968 in London studierte. Aber das Fehlen von Utopien ist vielleicht ebenso gefährlich wie eine Überdosis derselben.

Statt Utopien zu schaffen, hoffen wir nur noch, die Entwicklungen überhaupt zu verstehen

Wir befinden uns in einer schwierigen Lage: Wenn wir sehen, wie in Amerika und Europa seit den 1970er Jahren immer weniger Stadtplanung und -entwicklung mit öffentlicher Beteiligung betrieben wird und wie in diesem Zeitraum auch immer weniger Architekturmanifeste verfasst wurden, stellen wir fest, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir das Denken eingestellt haben. Genau an diesem Punkt nahm die Bautätigkeit in Asien stärker zu als je zuvor. Für mich ist das insofern eine tragische Situation, als man zugleich von einer Art endgültigen Apotheose der Stadt sprechen kann. Denn den Statistiken zufolge ist die Stadt heute der wichtigste Wohnort. Und genau in diesem Moment des Triumphes wird kaum noch ernsthaft über die Gestaltung unserer Städte nachgedacht, die Beteiligung des öffentlichen Sektors geht zurück. Vor dem Hintergrund, dass es keine bestimmenden Lehren und Schulen mehr gibt, zugleich mit größter Geschwindigkeit gebaut wird, überrascht es kaum, dass eine völlig neue Art von Stadt entsteht, in der etwa die wichtigste Straßenkreuzung weniger als 400 Meter von Reisfeldern entfernt sein kann. Das heißt, Metropole und deren Vorstufe sind einander so nahe wie nie zuvor. Vom einstmals breiten Formenrepertoire bleiben sozusagen nur noch der Wolkenkratzer und die Hütte übrig. Und diese reduzierte Bandbreite an baulichen Formen wird von chaotischen Entwicklungen im Städtebau begleitet.


27. August 2007

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Redaktion
fluter (Nr. 24)
Was machst du, wenn du groß bist? – Das Megacitys-Heft
Was machst du, wenn du groß bist? – Das Megacitys-Heft
20 Megacitys hat die Welt. fluter zeigt, wie die Menschen in diesen urbanen Riesen leben.
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