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Schiiten im Irak


Aufbruch aus dem politischen Abseits

Noch vor Veröffentlichung erster Hochrechnungen des Wahlergebnisses im Irak hegen Analysten kaum Zweifel am Ausgang des Urnengangs. "Die Schiiten" werden daraus als stärkste politische Kraft des Landes hervorgehen, so die vorherrschende Meinung. Da sie 60 Prozent der Bevölkerung des Iraks stellen und von Groß-Ayatollah Ali Al-Sistani zum Urnengang verpflichtet worden sind, ist bei der bereits registrierten hohen Wahlbeteiligung im schiitisch dominierten südlichen Irak von einer schiitischen Mehrheit im Parlament auszugehen.

Zur Person
Nesrine Shibib ist Chefin der Online-Redaktion und Kulturberaterin des Projektes "Election Monitor Iraq". Sie studierte Übersetzen und Islamwissenschaft an der Uni Bonn. Sie wirkte in zahlreichen arabisch-deutschen Kultur- und Literatur-Austauschprojekten mit.
E-Mail: nesrine@streamminister.de
Internet: Election Monitor Iraq


Konfessionszugehörigkeit und parteipolitische Ausrichtung können jedoch nicht gleichgesetzt werden: Bei der ethnisch-konfessionellen Bevölkerungsgruppe der Schiiten handelt es sich nicht um einen ideologisch und gesellschaftlich homogenen Block. Beobachter nehmen dennoch an, daß die meisten Schiiten nach der Unterdrückung durch das Regime Saddam Husseins in den achtziger und neunziger Jahren für die schiitisch dominierte United Iraqi Alliance (UIA) votieren werden. Diese Liste propagiert eine tiefgreifende Ent-Baathifizierung, eine weitgehende Entmachtung der ehemals priviligierten Sunniten und eine Aufwertung der Schiiten innerhalb des Landes propagiert.

Fraglich ist, ob die Parteien des Wahlblocks UIA auch nach dem vorhersehbaren positiven Wahlausgang zur moderaten, minderheitenfreundlichen und integrativen Linie stehen werden. Die erforderliche Zweidrittelmehrheit für eine verfassungsrechtliche Etablierung der Theokratie würden ihnen die parlamentarischen Vertreter der Minderheiten (sunnitische Araber ca. 15 bis 20 Prozent, Kurden ca. 15 bis 20 Prozent, Christen und andere ca. 4 Prozent) zumindest nicht gewähren. Zudem werden bei weitem nicht alle Schiiten den islamistisch gesinnten Block gewählt haben, so dass eine Verschiebung zu Gunsten der säkularen Blöcke und eine Mäßigung der Politik der UIA zu erwarten ist.

Die 12-er Shi'a: traditionelle Trennung von Staat und Klerus
Ungleich dem Modell der "Herrschaft des Rechtsgelehrten", das von Khomeini geprägt und im Iran nach 1979 während der islamischen Revolution umgesetzt wurde, treten bedeutende schiitische Kleriker im Irak traditionell für eine Trennung von Staat und Klerus ein. Sie arrangierten sich mit den jeweiligen Herrschern des Landes, welche über die letzten Jahrhunderte vorwiegend Sunniten waren.

Die Entstehung der schiitischen Strömung im früh-islamischen Irak des 7. Jahrhunderts wird auf einen politischen Nachfolgestreit zurückgeführt: Die Anhänger Ali Ibn Abi Talibs, Cousin und Schwiegersohn Muhammads, betrachteten ihn als von Muhammad eingesetzten und einzig legitimierten Khalif, während die Sunniten der Überzeugung waren, der Frömmste und Konsensfähigste solle Khalif werden. Im blutig ausgetragenen Streit um das Khalifat spalteten sich die Anhänger Ali Ibn Abi Talibs ab und entfalteten neben neuen Glaubensdogmen auch neue Schulen der Rechtsprechung.

Seitdem haben sich viele schiitische Unterströmungen entwickelt. Im Irak herrscht die Unterströmung der 12 er Schi'a vor. Zentrales Element ist für sie die Reinheit und Unfehlbarkeit der zwölf Imame, die nach dem Tode Muhammads die "Führer der Gläubigen" waren. Die Lehren der Imame werden neben dem Koran und der Hadithe Muhammads als Gesetzgebungs- und Rechtsprechungsquelle herangezogen. Die meisten Geistlichen der 12-er Schi'a lehnten jedes Streben nach weltlicher Herrschaft als unzulässig ab, da normale Menschen nicht mit der Reinheit und den göttlichen Gaben der Imame ausgestattet sein können.

Politische Marginalisierung durch die britische Machtpolitik
Nachdem die Anhänger der 12-er Shi'a traditionell kritisch gegenüber geistlicher Partizipation an der weltlichen Herrschaft eingestellt waren, wurden sie Anfang des 20 Jahrhunderts durch die britische Machtpolitik in der Region politisch marginalisiert.

Großbritannien belohnte die arabische Unterstützung im Kampf gegen die osmanischen Herrscher auf der arabischen Halbinsel unter anderem mit der Einsetzung des sunnitischen Königs Faisal I im Irak. Die Berater dieses von der arabischen Halbinsel - dem heutigen Saudi-Arabien - stammenden Königs waren vorwiegend Sunniten. Bei der Besetzung wichtiger Posten in der Regierung wurden Schiiten selten bedacht.

Verfolgung unter Saddam Hussein, Unterstützung durch Iran
Während der Herrschaft des Baath-Regimes wurden die Regionen mit schiitischer Mehrheit im Süden des Landes stark vernachlässigt. Die Erlöse aus den dortigen Erdölressourcen wurden vom Staat zu Ungunsten der Schiiten verteilt. Unter Saddam Hussein wurden die bedeutenden schiitisch-islamistischen Parteien Da´wa und der SCIRI als Oppositionsgruppen marginalisiert, später verfolgt.

Während dieser Zeit leistete Iran finanzielle und strukturelle Hilfe, nahm politische Flüchtlinge auf und sicherte sich somit Zugang und Einfluß auf die schiitischen Polit-Eliten. Die politischen Programme der beiden Parteien nahmen in den achtziger- und neunziger Jahre zunehmend Züge an, die dem Staatsmodell Khomeinis entsprachen.

Kein Gottesstaat nach iranischem Beispiel
Seit dem Sturz des irakischen Regimes 2003 scheinen beide Parteien einen Schritt aus dem Schatten Teherans zu wagen. Zwar bekannte sich die schiitisch dominierte Wahlliste UIA im Wahlkampf vor den ersten Parlamentswahlen im Januar 2005 zu dem Ziel, den Islam als Staatsreligion - wie bereits in der derzeit gültigen Übergangsverfassung festgelegt - und den Koran als Maßstab für die Gesetzgebung in der künftigen Verfassung zu garantieren. Derzeit sieht die Übergangskonstitution den Koran als eine von mehreren Rechtsquellen.

Befürchtungen vor einer schiitischen Hegemonie begegnete der Vorsitzende der SCIRI Abdel-Aziz Al-Hakim selbstbewußt mit der Aussage, es solle kein Gottesstaat nach iranischem Vorbild im Irak etabliert werden. Wie auch Groß-Ayatollah Ali Al-Sistani tritt er dafür ein, daß höhere politische Posten nicht mit Geistlichen besetzt werden sollten, und schließt sich somit - zumindest theoretisch - selbst von einer exponierten politischen Karriere aus.

31. Januar 2005
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