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Staatsgründung
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Kein gewöhnliches Jubiläum |  |
| Rudolf Dreßler |
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Foto: REGIERUNGonline/Faßbender
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60 Jahre Staat Israel. Der Gründungsakt im Mai 1948 war eine Zäsur. Es entstand nicht nur ein geistig-kulturelles Zentrum für Juden, das gleichwohl auf vielfältige Weise mit
der Diaspora bis heute verknüpft geblieben ist; es entstand vor allem ein "politisches Zentrum". Israel hat heute über sieben Millionen Einwohner. Von mehr als 150 Staaten ist Israel ein diplomatisch anerkanntes Mitglied der Völkergemeinschaft der Vereinten Nationen.
- Aus einem Agrarstaat wurde in 60 Jahren ein hoch entwickelter Industriestaat.
- Israel exportiert in alle Welt Erzeugnisse der Hochtechnologie.
- Israel ist führend auf den Gebieten Elektronik und Elektrotechnik.
- Israel verfügt über eine schlagkräftige Armee.
Das alles wurde in nur 60 Jahren aufgebaut und entwickelt.
Gleichzeitig musste die israelische Gesellschaft Einwanderer
aus über 100 Ländern integrieren.
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Zur Person |
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Rudolf Dreßler Rudolf Dreßler war 1982 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung und von 2000 bis 2005 deutscher Botschafter in Israel.
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 |  | Zudem spürte und erlebte der junge Staat den zunehmenden Widerstand der sich formierenden arabisch-palästinensischen Nationalbewegung. Trotz der bis heute andauernden Gewalt, darf die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel
und Ägypten im Jahre 1979 und mit Jordanien 1994 hoch
eingeschätzt werden. Es gingen kriegerische Handlungen voraus.
Sie endeten mit der Anerkennung Israels durch zwei wichtige
arabische Staaten. Dieser Sachverhalt wirkt bis heute
de-eskalierend, trotz Gewalt, trotz terroristischer Übergriffe.
Niemand hätte 1947, nach dem Teilungsbeschluss der Vereinten
Nationen, die rasante Entwicklung des kurze Zeit später gegründeten Staates gewagt voraus zu sagen. Die israelische Gesellschaft sieht dem 60. Jahrestag der Gründung ihres Staates mit Gefühlen entgegen, die wir Deutsche nicht kennen, die wir nicht einmal ahnen. Unsere Sozialisation hat uns nicht zu einer Identifikation mit unserem Staat veranlasst, die der israelischen auch nur nahe kommt.
Wir haben uns im Verlauf unseres Lebens nie Gedanken machen
müssen über die Existenzberechtigung unseres Landes, obwohl
Deutschland im vorigen Jahrhundert die Welt zweimal an
den Abgrund brachte. Unsere Sozialisation unterscheidet sich
grundlegend von derjenigen eines Israelis:
- Keine tägliche Bedrohung!
- Keine Aberkennung der Existenzberechtigung!
- Kein Kampf und keine kriegerische Auseinandersetzung um den eigenen Staat!
Vor Monaten formulierte das Wochenblatt "Die Zeit" einen
weiteren grundlegenden Sachverhalt für den Prozess unserer
Einordnung in die deutsche Gesellschaft. Die Zeitung erinnerte
uns daran, dass wir im Schatten Hitlers leben. Nicht weil eine
Wiederkehr des Nationalsozialismus droht, sondern weil sich
der Nationalsozialismus entwirklicht, an Realität verloren hat.
Es gibt eine neue Leichtfertigkeit im Umgang mit dem Nationalsozialismus. Nicht, weil der Gegenstand seine Schrecken
verloren hat, sondern weil sich der Schrecken vom Gegenstand
gelöst hat. Für uns Deutsche geht es darum den Gegenstand
wach zu halten.
Der international renommierte israelische Schriftsteller Amos
Oz, in Deutschland mit höchsten Ehren ausgezeichnet, hat mit vielen klugen Sätzen "den Gegenstand" beschrieben. Mit einer Mahnung hat es Amos Oz besonders präzise getroffen: "Die Vergangenheit ist immer gegenwärtig und wird immer gegenwärtig bleiben; doch man muss sich daran erinnern, dass die Vergangenheit uns gehört und nicht wir ihr."
In diesem Kontext ist der 60. Jahrestag der Gründung des Staates
Israel für Deutschland ein besonderes Datum. Bereits vor drei Jahren erlebten wir weit über einhundert Veranstaltungen anlässlich des 40. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen beider Länder. Die Position der zweiten deutschen Republik stand und steht unter der Maxime, die deutsche Regierungsvertreter parteiübergreifend, die alle Fraktionen des Deutschen Bundestages immer wieder deutlich gemacht haben: Die gesicherte Existenz Israels liegt im nationalen Interesse Deutschlands, ist somit Teil unserer Staatsraison.
Wenn man im Rahmen des israelischen Staatsjubiläums das bis
heute gewachsene Beziehungsgeflecht beider Länder bilanziert,
darf man von einer Art "Beziehungswunder" sprechen.
- Deutschland gilt heute für viele israelische Führungskräfte politisch und wirtschaftlich, wissenschaftlich und technologisch als zweitwichtigster Partner nach den Vereinigten Staaten.
- Deutschland gilt darüber hinaus als einer der wichtigsten Partner in der kulturellen und zwischengesellschaftlichen Zusammenarbeit.
- Die israelische Führungsschicht schätzt uns als wichtigen Partner innerhalb Europas und den Vereinten Nationen.
- Wir sind der zweitwichtigste Außenhandelspartner.
Konzentriert man die Betrachtung auf den Wirtschaftsbereich
und sieht das bisherige Ergebnis in Zahlen, darf von einem
"soliden Fundament", das kontinuierlich ausgebaut wurde,
gesprochen werden.
Deutschland behauptete selbst im Jahre 2003 - als sich die
so genannte zweite Intifada zuspitzte - mit 9,7 Prozent der
israelischen Einfuhr und 5,4 Prozent der israelischen Ausfuhr
seinen seit den sechziger Jahren gehaltenen bemerkenswerten
Platz als zweitstärkster Handelspartner Israels nach den USA.
Ohne die guten Ergebnisse noch besser zu reden: Gemessen an
der Bevölkerungszahl liegt der deutsche Handel mit Israel noch
vor dem Handel mit so wichtigen Partnern wie den USA, Japan,
Korea und der Türkei. Für das genannte Jahr 2003 weist die
israelische Handelsstatistik aus, dass Deutschland das einzige
Land war, das sowohl beim Export wie beim Import substantiell
zulegen konnte.
Der an wirtschaftlichen Beziehungen interessierte Unternehmer
wird einen weiteren Parameter in seinen Überlegungen zu
berücksichtigen haben: die Kaufkraft. Israel ist umgeben vom
Libanon, von Syrien, der Palästinensischen Autonomie, von
Jordanien und Saudi-Arabien sowie von Ägypten. Die Kaufkraft
der Bevölkerungen dieser sechs Gebiete zusammen ist nicht
höher als jene der Einwohner Israels.
Unternehmen, die Interesse an einem Handel mit Israel haben
oder an einen Ausbau bereits bestehender Handelsbeziehungen
denken, sollten nicht warten, bis es unterschriebene Friedensverträge im Nahen Osten gibt. Unübersehbar sind vor Ort die
Aktivitäten anderer Länder. Man will bereits "im Geschäft" sein, wenn es soweit ist. Dann erst zu starten, wird keine günstige
Position im Ringen um Marktanteile bedeuten.
Wer die Gelegenheit hat sich über den Grad der wissenschaftlich-
technologischen Zusammenarbeit informieren zu lassen, wird das
Ausmaß und die Intensität der Zusammenarbeit mit dem Prädikat
"außergewöhnlich eng" bedenken. Solch hohes politisches Profil
im Netzwerk unserer Austauschbeziehungen, wie es mit Israel
besteht, finden wir nur in unserer Zusammenarbeit mit Frankreich, mit Polen oder den USA.
Welchen Beitrag die mittlerweile über einhundert Städte- und
Kreispartnerschaften, sowohl qualitativ wie quantitativ, innerhalb
Israels und innerhalb Deutschlands geleistet haben, werden wir
wohl niemals in einem geschlossenen Zahlenwerk erfahren. Wer,
wie ich, Gelegenheit hatte fünf Jahre Ausschnitte dieser Zusammenarbeit kennen zu lernen, Ergebnisse einzelner Partnerschaften im Detail zu erleben, bekommt eine Ahnung was eine solche kommunalpolitische Zusammenarbeit bewirken kann. Mit keinem anderen Staat unterhalten Städte und Kreise in Deutschland eine solch hohe Zahl an Partnerschaften. In welcher Anzahl solche Kooperationen zwischen Schulen beider Länder bisher geschlossen wurden, ist nicht bekannt. Über solche Partnerschaften liegen keine Zahlen vor. Wenn man Austauschschülern aus beiden Ländern begegnet, ihren Erzählungen lauscht, von ihren Wahrnehmungen
im jeweils anderen Land erfährt, bleibt keinerlei Zweifel, dass
diese Investitionen in die Jugend unserer Länder, Investitionen
in unser aller Zukunft sind.
Was hunderte, was tausende Israelis und Deutsche nach den
Verbrechen während der Nazidiktatur an neuem Miteinander
begründet haben, an neuem Vertrauen versucht haben wieder
aufzubauen, ist nach nur sechzig Jahren gewaltig. Das Erreichte
ist in seiner Summe und im Einzelergebnis beeindruckend.
Aber wir Deutschen müssen wissen, wo es geboten erscheint,
müssen wir es lernen: Das Eis ist nach wie vor dünn. Sechzig
Jahre sind in einem einzelnen Leben sehr viel, manchmal mehr
als ein ganzes Leben. In der Geschichte sind sechzig Jahre ein
Windhauch, fast nichts. Diese Wahrheit ist kein israelisches Problem, sondern für viele ein deutsches.

Lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz
by-nc-nd/2.0/de.
28. März 2008 |  |
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Israel und Deutschland
In seinem Essay "Israel und Deutschland" zeichnet Amos Oz die israelisch-deutschen Beziehungen von ihren Anfängen bis heute nach. Eine Bestandsaufnahme des Verhältnisses, das niemals "normal" sein wird. |
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