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Dossier - Lateinamerika

Moderne Popmusik aus Lateinamerika


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Olaf Karnik
Tango, Samba oder Salsa, Bossa Nova, Son oder Merengue prägen das Bild Lateinamerikas bei vielen europäischen und nord-amerikanischen Musikhörern bis heute. Selbstverständlich haben die lateinamerikanischen Länder neben Folklore und "heißen Rhythmen" aber auch diverse Pop-, Rock- und Elektronik-Stile hervorgebracht und diese miteinander vermischt. Zahlreiche neue Genres und Subgenres sind daraus entstanden, die meisten jenseits des Atlantiks weitgehend unbekannt. Dank der Bemühungen vorwiegend deutscher Labels haben in den jüngeren Jahren auch die Sounds des jungen, urbanen Lateinamerika eine gewisse Bekanntheit erreicht: Reggaeton, Mestizo, Funk Carioca oder Cumbia Villera.
Zur Person

Olaf Karnik, Ex-Musiker und DJ, arbeitet vorwiegend als Autor und Kritiker für Presse und Rundfunk (u.a. Neue Zürcher Zeitung, WDR 3, Deutschlandfunk). Er war langjähriger Redakteur von Spex, Chef-Autor von VIVA II und Co-Autor der siebenteiligen Sendereihe "Fantastic Voyages - eine Kosmologie des Musikvideos" für 3Sat. Publikation (zus. mit Helmut Philipps): "Reggae in Deutschland", Köln 2007.

Ohne sich dessen vielleicht genau bewusst zu sein, hat man auch hierzulande neuere Popmusik aus Lateinamerika schon längst vernommen. Reggaeton etwa – eine Mischform aus Dancehall Reggae, Hip-Hop, Merengue und elektronischen Beats – hörte man 2005 einen Sommer lang, als sich Daddy Yankee mit "Gasolina" und Pachanga mit "Loco" sogar in den Top Ten der deutschen Charts platzierten. Der brasilianische Carioca Funk (auch Rio Funk, Favela Funk oder Baile Funk genannt) drängte 2004/05 ebenfalls in mitteleuropäische Haushalte, denn die rohe Rap-Musik aus den Favelas von Rio de Janeiro wurde zur akustischen Illustration zweier Werbespots von Nissan benutzt (Black Alien & Speed mit "Quem Que Caguetou") und Coca Cola ("Popozuda Rock’n’Roll" von De Falla). Nicht zuletzt hat der weltweite Erfolg eines Einzelkünstlers wie Manu Chao den hybriden und rebellischen Mestizo-Sound weit über die Grenzen Lateinamerikas hinaus populär gemacht.

Soundtrack der Globalisierungsgegner

1993 unternahm Manu Chao mit seiner damaligen Band Mano Negra aus Frankreich eine ausgiebige Zugreise durch Kolumbien. An jedem Bahnhof stieg die Band aus, um vor Ort Frei-Konzerte zu geben. Auf diese ungewöhnliche Art und Weise hat sich der Mano Negra-Sound sehr direkt und "volksnah" im Land verbreitet und schließlich auch in lateinamerikanischen Alternativ-Szenen nachhaltige Spuren hinterlassen. Zur besseren Kennzeichnung dieser musikalischen Mixtur aus Ska, Reggae, Hip-Hop, Punk, Rock und Latinomusik prägten Plattenfirmen schließlich den Begriff Mestizo, ein altes Schimpfwort für Lateinamerikaner im Exil. Damit wurde einerseits der Tatsache Rechnung getragen, dass sich Mestizo-Musik über lateinamerikanische Migranten auch in Spanien und Portugal, Frankreich oder Deutschland verbreitete, andererseits ein negativer Begriff positiv umgedeutet, sei es auch nur aus vermarktungstechnischen Gründen. Heute gilt Mestizo-Musik jedenfalls als interkontinentales Phänomen und Soundtrack der weltweit vernetzten Globalisierungsgegner.

Dieser Umstand wird mit einer Compilation wie "Mestizo Musik" vom renommierten Münchner Label Trikont bestens dokumentiert. Der Untertitel "Rebelión en América Latina" gibt hier die Richtung an, besitzt doch Popmusik in Lateinamerika immer noch eine starke oppositionelle Kraft, die sich gegen soziale und politische Missstände richtet. Panteón Rococó aus Mexico, Karamelo Santo aus Argentinien, Coffee Makers aus Kolumbien, Mundo Livre aus Basilien oder Abuela Coca aus Uruguay, Desechos aus Spanien oder La Papa Verde aus Köln – sie alle fabrizieren hier eine geballte Ladung Polit-Pop, bei der der Geist von Manu Chao (der bei Karamelo Santos "La Piquadura" auch selbst mitwirkt) über allen Stücken schwebt. Und die Wurfrichtung dieses musikalischen Molotov-Cocktails ist klar: der Internationale Währungsfonds, die Weltbank oder die von den USA geforderte transamerikanische Freihandelszone. Dabei reflektieren die Stücke die katastrophalen sozialen Zustände in Lateinamerika als Folge von Neoliberalismus und Globalisierung oder schildern Erfahrungen mit Militärdiktaturen. Die Solidarisierung mit den Zapatisten in Mexiko oder den Piqueteros in Argentinien ist dabei ebenso selbstverständlich wie die Forderung nach Freiheit und Selbstbestimmung. Besonders ergreifend ist das letzte Stück, wo der Chor der Universität Sao Paulo die offizielle Hymne der Landlosen – dem Movimento Sem Terra – zum Besten gibt. Entstanden ist diese Compilation übrigens auf Initiative von Teilnehmern des europäischen Sozialforums 2003 in Paris und des Vereins Articulation (Kultur in sozialen Bewegungen e.V.) mit dem Vorhaben, die Musik sozialer Bewegungen weltweit populär zu machen und dadurch auch politischen Einfluss auszuüben.

Synthetische Panflöten und rhythmisierte Scherben

Die Mischung macht’s – das gilt nicht nur für Mestizo, sondern auch für viele andere musikalische Genres, die man oft fälschlicherweise genuin mit Lateinamerika in Verbindung bringt. Der weltweit als latinischer Paartanz in Reinkultur geschätzte Salsa etwa ist tatsächlich eine unter Emigranten in den USA enstandene Mischform diverser Stile aus Südamerika und der Karibik. Bossa Nova, der in den 1960er-Jahren den traditionelleren Samba an Popularität noch übertraf, versteht sich als brasilianische Kreuzung aus einheimischen Song-Formaten und US-amerikanischem Jazz. Und der in Argentinien sehr geschätzte Cuarteto beruht gleichermaßen auf italienischen und spanischen wie auf afrokaribischen Einflüssen. Fast jede lateinamerikanische Popularmusik der letzten Jahrzehnte fußt auf solchen Hybridisierungen. Kein Wunder also, dass sich diese Tradtion auch in den neueren, vorwiegend mit elektronischem Equipment produzierten Genres fortsetzt. Bilden bei den Mestizo-Bands noch vorwiegend "handgespielte" Stile samt Songstrukturen musikalische Orientierung, so sind es bei Reggaeton, Carioca Funk oder Cumbia Villera vor allem Rapper und DJs, elektronische Dance Music, Beats und Samples – musikalische Produktion, die auf erschwinglichem Equipment beruht und am Heimcomputer entstehen kann.

Reggaeton aus Puerto Rico, Chile oder Panama, wüster Carioca Funk aus Brasilien oder der etwas traditionellere Cumbia Villera aus Argentinien – so verschieden die einzelnen Stile in ihrer musikhistorischen Genese auch sein mögen, stets handelt es sich dabei um junge Volksmusik, die durch die Communities der Ghettos und Armenviertel in Südamerika strömt. "Die Ghetto-Kids haben in dieser Musik ihr Sprachrohr gefunden. Für sie sind die Songtexte von Tego Calderon die Bahnhofspassagen auf der Reise in ein besseres Leben. In Los Pibes Chorros sehen sie die lateinamerikanischen Wiedergänger von Robin Hood in einer Zeit der Raubritter. Aber die Geschichten werden bereits durch den Mix erzählt, durch die Beats und die Zitate. Im Grunde geht es um den Soundtrack des Postkolonialismus – was dem einen sein Ölfass, ist dem anderen sein Steel Drum. Was der westlichen Welt Copyright-Gesetzgebungen sind, ist in Lateinamerika ein Zettel, der die überfüllten Straßen entlangweht – vorbei an Bootleg-Ständen vor zusammengeschusterten Hütten, tuckernden Dieselmotoren, die kaum das Surren der allerorten angezapften Strommasten übertönen", schreibt der Musikjournalist Philip Sherburne in den CD-Linernotes zur Compilation "Señor Coconut presents Coconut FM: Legendary Latin Club Tunes", die 2005 vom deutschen Label Essay veröffentlicht wurde. Schamlos kreuzen sich hier Latino-Rhythmen mit Dancehall Reggae und Miami Bass (einem Hip-Hop-Subgenre); Congas und Casios, synthetische Panflöten und Samples von Glasscherben wechseln sich ab, und fast immer gilt: Der billigeste Effekt ist auch der Beste. So lebt in dieser Unbekümmertheit für europäische Ohren vor allem die Frühzeit von Hip-Hop und Rave nochmal auf.


08. Januar 2008

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