Europäische Union

Energiepolitik: Abhängigkeiten und Pipelines - Öl

24.9.2009
Kein Thema hat die Gemüter im Bereich der internationalen Politik in den letzten Jahren so erhitzt wie die Frage der Energieabhängigkeit der Europäischen Union. Tatsächlich kann die EU einen Großteil ihres Energiebedarfs nicht aus eigenen Quellen decken.

Energiepolitik: Abhängigkeiten und Pipelines. Europas Erdölpipelines aus dem Osten.Klicken Sie auf die Grafik, um die PDF zu öffnen. (Bundeszentrale für politische Bildung, www.bpb.de) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Eine wichtige Rolle bei der Energieversorgung Europas spielt Russland, das der größte Gas- und Öllieferant für die europäischen Volkswirtschaften ist. Während die EU den überwiegenden Teil ihrer Erdgasimporte aus Russland bezieht, macht der Importanteil des russischen Öls ungefähr ein Drittel aus.

Darin liegt die Bedeutung der Ölpipelines von Russland in die EU. Die längste Leitung, die Druschba-Pipeline, die über 5.300 km von Tatarstan nach Schwedt in Brandenburg verläuft, transportiert immerhin 11 Mio. Tonnen Öl pro Jahr. Natürlich haben die Russen damit die Möglichkeit, die Europäer unter Druck zu setzen, indem sie ihnen das Öl abdrehen, aber es ist äußerst fraglich, ob sie damit einen politischen oder ökonomischen Erfolg erzielen könnten. Während Gas nämlich in erster Linie und am günstigsten leitungsgebunden transportiert wird, ist das bei Öl anders. Es kann leicht (und billiger) mit Tankern von den Lieferanten zu den Konsumenten gelangen. Dadurch gibt es beim Rohöl einen richtigen Markt, auf dem Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen – und der auch vor Spekulationen nicht gefeit ist. So ist es jedoch leicht möglich, ausfallende Lieferungen aus einer Quelle durch den Bezug von woanders zu ersetzen. Als es im Januar 2007 Streit zwischen Russland und Belarus gab und die Russen daraufhin für drei Tage die Druschba-Pipeline trocken legten, so dass in Schwedt kein Öl mehr ankam, hatte das auf Deutschland keine gravierenden Auswirkungen.

Ein Sprecher der Raffinerie in Schwedt wurde von Spiegel Online mit dem Satz zitiert: "Wir haben noch eine Pipeline nach Rostock, dort chartern wir dann einen Tanker." Wie bei allen Beziehungen zwischen Lieferanten und Konsumenten ist die Abhängigkeit gegenseitig. Während der Kunde die Ware oder den Rohstoff, in diesem Fall Öl, benötigt, braucht der Lieferant das Geld. Russland, das seine Einnahmen zu 71 Prozent, also zu einem erheblichen Teil, aus dem Verkauf von Energieträgern erzielt (und damit die Exportstruktur eines Entwicklungslandes aufweist), ist sogar sehr stark auf die Verkaufserlöse aus dem Westen angewiesen, wenn es seine erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Probleme in den Griff bekommen möchte. Dies betrifft auch die Modernisierung der Energieinfrastruktur (von der Erneuerung der Pipelines bis zur Wärmedämmung der Gebäude), die Voraussetzung dafür ist, dass Russland weiterhin ausreichend lieferfähig ist. Durch Energieverschwendung im eigenen Land sowie durch marode Netze gehen der russischen Volkswirtschaft so viele Energieträger verloren, dass fraglich ist, ob das Land seine Lieferverpflichtungen – völlig unabhängig vom politischen Willen – in den nächsten Jahren wird erfüllen können. Zudem werden bei anhaltender Förderung die Ölvorräte nach Einschätzung von Fachleuten in ca. 20 Jahren verbraucht sein. Der Zweifel, ob Russland also überhaupt liefern kann, was es liefern will, beschäftigt die Experten im Energiebereich im Augenblick wesentlich stärker als die Angst, Russland könnte aus politischen Gründen den Ölhahn zudrehen.

Russlands Wohlergehen ist zudem stark an den Ölpreis (dem der Gaspreis mit einer Verzögerung von sechs Monaten folgt) gebunden. Fällt der Preis dauerhaft, wie es im Zuge der Weltfinanzkrise 2008/2009 schon zu beobachten war, gerät Russland in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten. Damit stünde das gesamte "System Putin" auf der Kippe, das den Bürgerinnen und Bürgern die Akzeptanz des autoritären Staates durch eine jährliche Vergrößerung des Wohlstands vergilt.

Russland und die Europäische Union sind in Energiefragen eng miteinander verbunden, aber sie sind auch wechselseitig abhängig voneinander. Angst vor dem russischen Boykott muss man in der Europäischen Union nicht haben. Dies umso weniger, wenn es gelingt, die anspruchsvollen Klima- und Energieziele der Europäischen Union von 2007 zu realisieren, die bis 2020 auch eine Reduktion des Energieverbrauchs um 20 Prozent sowie einen Anteil erneuerbarer Energien von ebenfalls 20 Prozent vorsehen. Energieeinsparung ist eine wichtige "Energiequelle" und reduziert Europas Abhängigkeiten.



 

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