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Der globale Energiemarkt

Weltmeere: Ringen um Ressourcen

Arktis und Antarktis versprechen Öl- und Gasvorkommen
Holger Dambeck
Zuletzt hisste Russland 4.200 Meter tief im Meer – genau unter dem Nordpol – seine Flagge und demonstrierte somit seine Gebietsansprüche. Die Arktis lässt viele auf reichhaltige Öl- und Gasreserven hoffen. Doch genaue Schätzungen gibt es nicht, und ebenso vage bleiben die Förderkosten.

russische Fahne am Nordpol
Im August 2007 hisste die Besatzung eines russisches Mini-U-Boots die Nationalflagge auf dem Meeresboden unter dem Nordpol: Symbol des Anspruchs auf das rohstoffreiche Gebiet. Foto: AP
Die Menschheit ist dabei, die Erde leer zu pumpen. Schon fast 40 Prozent aller weltweiten Ölvorräte hat sie an die Erdoberfläche geholt und verbrannt oder Plastik daraus hergestellt. Knapp 4 Gigatonnen wurden 2006 gefördert, die Nachfrage steigt weiter, der Rohölpreis eilt von Rekord zu Rekord. Wann ist der Höhepunkt der Ölförderung – auch Peak Oil genannt – erreicht? Spätestens 2020 – so prognostizieren es zumindest die Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe Hannover.

Angesichts derartiger Aussichten verwundert es kaum, dass sich immer mehr Länder in viel versprechenden, bislang wenig erkundeten Regionen der Erde umschauen: den Meeren. Und so hat in den vergangenen Jahren ein regelrechtes Wettrennen um jene Regionen eingesetzt, die bis dahin allerhöchstens eine Hand voll Forscher und Militärs interessiert hat: die unwirtlichen Regionen an Nord- und Südpol. Aber auch die den Küsten vorgelagerten Festlandsrücken sind von großem Interesse, denn auch dort vermuten Geologen Öl- und Gasreserven.

Zur Person
Holger Dambeck, geb. 1969, ist seit 2004 bei SPIEGEL ONLINE, Ressorts Wissenschaft und Netzwelt. Studium Physik und Romanistik in Leipzig und Metz, Assistent der Geschäftsführung, Werbetexter, zuletzt Volontär und Redakteur beim Computermagazin c't/heise online.

Es ist freilich ein Spekulieren auf Pfründe, von denen keiner so genau weiß, wie groß sie eigentlich sind. Den Anfang machte Russland im August 2007. In mehr als 4.200 Metern Tiefe hissten Taucher auf dem Meeresboden die russische Flagge – genau am Nordpol. Es war eine Demonstration der eigenen Gebietsansprüche. Moskau will weite Teile der Arktis als eigenes Seeterritorium gewinnen.

Schnell noch die eigenen Gebietsansprüche abstecken

Nur ein paar Monate später holten die Briten zum Gegenschlag aus – in knapp 13.000 Kilometern Entfernung, auf der gegenüberliegenden Seite der Erde in der Antarktis. London meldete Ansprüche auf ein Seegebiet von einer Million Quadratkilometer an. Es liegt vor der antarktischen Küste. Chile reagierte umgehend und kündigte an, eine verlassene Antarktisstation wieder eröffnen zu wollen, um eigene Gebietsforderungen zu unterstreichen.

Auch Kanada und Dänemark schalteten sich in das Ringen um Meeresterritorien ein sowie zuletzt Frankreich. Um etwa eine Million Quadratkilometer will Paris seine Seegebiete vergrößern – vor allem nahe französischer Inseln im südlichen Indischen Ozean. Teile der Antarktis stehen nicht auf dem Wunschzettel der Pariser Regierung – zumindest vorerst nicht.

Ausweitung der Wirtschaftszonen

National Wildlife Refuge in Alaska
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Unter dem "Arctic National Wildlife Refuge" im Nordosten Alaskas werden große Ölvorkommen vermutet. Bislang gibt es nur Probebohrungen. Umweltschützer lehnen die Erschließung des Naturschuztgebietes ab, Präsident Bush drängt auf seine Freigabe. Foto: AP
Alle diese Ansprüche betreffen Gewässer, die nach derzeitiger Rechtslage international sind. Kein Staat darf sie als sein Eigentum betrachten, das gilt auch für die unter dem Meeresboden vermuteten Bodenschätze. Über die internationalen Gewässer wacht übrigens eine eigens geschaffene Institution der Vereinten Nationen (UNO): die Internationale Meeresbodenbehörde mit Sitz in Kingston (Jamaika). Ihr Auftrag lautet, die Bodenschätze der Tiefsee als "gemeinsames Erbe der Menschheit" zu verwalten. Wer also außerhalb nationaler Gewässer Öl oder Gas fördern möchte, muss zuerst ein umfangreiches Genehmigungsverfahren inklusive Umweltverträglichkeitsprüfung durchlaufen.

Doch es gibt eine Hintertür, um die Meeresbehörde zu umgehen und Seegebiete dem eigenen Land zuzuschlagen: den Artikel 76 der UNO-Seerechtskonvention. Er besagt, dass das Seeterritorium eines Landes so weit reichen kann wie sein Festlandsockel. Und so geht es bei dem Rennen um Meeresgebiete darum zu beweisen, dass das eigene Land unter Wasser noch viel weiter geht als jene maximal 200 Seemeilen, die schon jetzt als Wirtschaftszone nutzbar sind.

Russland steht beispielsweise auf dem Standpunkt, der Lomonossow-Rücken, ein unterseeisches Gebirge, reiche bis zum Nordpol. Daraus folgt, dass auch das darüber befindliche Seegebiet zu Russland gehört. Die Expedition mit dem Hissen der Fahne auf dem Meeresboden war mehr als eine PR-Aktion, sie diente angeblich auch zum Erbringen geologischer Beweise, dass der Lomonossow-Rücken russisch ist.

Die Ansprüche Russlands, Großbritanniens und Frankreichs sind keine Einzelfälle. Bis zum Mai nächsten Jahres könnten bis zu 50 weitere Staaten bei der dafür zuständigen UNO-Kommission für die Grenzen des Kontinentalschelfs (CLCS) eine Ausweitung ihrer Wirtschaftszonen beantragen. Praktisch in allen Fällen geht es um die Hoffnung auf Bodenschätze aus dem Meer – auf Öl, Gas oder Edelmetalle.

Doch sind diese Hoffnungen berechtigt? Zumindest die nüchternen Zahlen sprechen dafür: So beträgt der Anteil der Offshore-Förderung bei Erdöl derzeit rund 35 Prozent, bei Erdgas sind es 29 Prozent. Bezogen auf die Reserven lägen die Anteile bei circa 33 und 29 Prozent, sagt Hilmar Rempel, Experte für Energierohstoffe an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe Hannover.

Rempel rechnet damit, dass die Bedeutung der Meere in den kommenden Jahren noch zunimmt. "Dafür sprechen unter anderem die Funde in Tiefwasserbereichen des Golfs von Mexiko, vor der Küste Brasiliens und vor Westafrika." Allerdings sei die für die Kohlenwasserstoffsuche verfügbare Fläche begrenzt, denn Lagerstätten könne es aus geologischen Gründen nur in mächtigen, unterseeischen Sedimentschichten geben . "Damit scheiden große Teile der Ozeane aus, die durch das Auseinaderdriften der Kontinente in jüngerer Zeit entstanden sind", erklärt Rempel, denn dort reiche die Sedimentbedeckung nicht aus.

Die Schätze der Arktis

Hoffnung macht den auf Öl spekulierenden Ländern der Klimawandel, so zynisch das auch klingt. Die Erderwärmung könnte die Ausbeutung von Rohstoffen in der unwirtlichen Arktis erst möglich machen. Geoforscher rechnen damit, dass die Region womöglich schon in wenigen Jahren im Sommer komplett eisfrei ist – eine wichtige Voraussetzung, um Öl und Gas überhaupt fördern und abtransportieren zu können.

Dass es in der Arktis reichhaltige Öl- und vor allem Gasvorräte gibt, davon sind viele Geologen überzeugt. Die Bedingungen für die Entstehung von Kohlenwasserstoffen waren einst in der Region gegeben, also dürften sich auch Vorkommen finden lassen. Vor allem die Flachwassergebiete und Schelfe, die Kontinentalrücken, gelten als viel versprechend. Wie groß die Vorkommen tatsächlich sind, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber kaum sagen.

Bislang existieren nur grobe Schätzungen, etwa jene vom US Geological Survey (USGS). Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass in der Arktis etwa 14 Prozent aller weltweiten Ölressourcen liegen. Dies würde etwa 11 Gigatonnen entsprechen, wenn man die geschätzten Ressourcen von rund 80 Gigatonnen zu Grunde legt, also 80 Milliarden Tonnen Öl. Geologen unterscheiden zwischen Ressourcen, deren Förderung technisch oder finanziell noch nicht möglich ist, hierzu gehören auch Lagerstätten, deren Existenz noch nicht erwiesen ist, die geologisch aber als wahrscheinlich gelten, und Reserven, das sind bekannte, heute bereits ausbeutbare Vorkommen. Laut BP Statistical Review lagen die Öl-Reserven 2006 weltweit bei 164,5 Milliarden Tonnen.

Die Edinburgher Ölberatungsfirma Wood Mackenzie schätzt die Vorkommen in der Arktis auf 10 Gigatonnen Öl und 43 Gigatonnen Gas. Dabei sind jedoch bislang nur die Ränder des Ozeans berücksichtigt. Welche Funde im zentralen Nordpolarmeer schlummern, weiß niemand. Es gibt aber auch Experten, die bezweifeln, ob dort überhaupt die Bedingungen zu Erdölbildung gegeben waren.

Die Förderung ist eine teure Angelegenheit

Doch selbst wenn es in 3.000, 4.000 Metern Wassertiefe Lagerstätten geben sollte, stünden Erdölfirmen immer noch vor einem schwierigen Problem: Wie fördert man Gas und Öl aus so großen Tiefen? Und selbst wenn es technisch und unter den extremen Bedingungen der Arktis gelingt, ist die Förderung dann überhaupt noch bezahlbar? Genau daran haben Experten wie Peter Kehrer von der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe Hannover so ihre Zweifel. Er hält all die Gedankenspiele über Öl und Gas aus Arktis und Antarktis für geradezu absurd. "In 50 Jahren haben wir etwas viel Intelligenteres als Öl", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Wenn man sich die Zahlen der globalen Ölvorräte vor Augen führt, wird schnell klar: Die in den Kontinentalrücken weit vor den Küsten liegenden Reserven und Ressourcen könnten für eine gewisse Entlastung auf dem Energiemarkt sorgen – wohl aber nur für eine gewisse Zeit. Das Kernproblem des immer knapper werdenden Öls können Lagerstätten in den Ozeanen aber kaum lösen. Womöglich werden die meisten fossilen Energieträger niemals vom Meeresboden geholt, weil der Solarantrieb für Autos schlicht günstiger ist als die aufwendige Förderung. Für den Klimaschutz wäre dies eine gute Sache.

Und auch für die empfindlichen Ökosysteme von Arktis und Antarktis wäre es das Beste, wenn niemand mit Fördertechnik anrückt und tiefe Löcher in die Erde bohrt. Zumindest der Kontinent am Südpol ist durch den Antarktisvertrag geschützt, den 1959 zwölf Staaten unterschrieben hatten. Er erklärt den weißen Kontinent zu einem Naturreservat, "dem Frieden und der Wissenschaft" gewidmet, wie die Unterzeichner es formulierten. Territoriale Forderungen wurden ausdrücklich nicht anerkannt.

Wie weit weg die Menschheit von einer Ausbeutung der Meere noch ist, zeigt auch der Blick nach Jamaika, zur Internationalen Meeresbodenbehörde, die bislang wenig Arbeit hatte: Die noch vor Jahren als lukrativ geltende Förderung von Manganknollen vom Meeresboden findet bislang nicht statt – mangels entsprechender Technik und aus Kostengründen. Konsequentes Recycling hat sich hier als günstige Alternative erwiesen.


05. September 2008

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