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Dossier Geschichte und Erinnerung

Geschichtsmythen und Nationenbildung


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Herfried Münkler
Mythen sind mehr als Erzählungen, denn sie stiften politische Bedeutung. Sie strukturieren die Vergangenheit und haben Einfluss auf die Gegenwart. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Mythen und Nationenbildung?

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Für die Mythenbildung der Germanen war die Geschichte des Hermann in Deutschland entscheidend. Das Hermannsdenkmal wurde von 1838 bis 1875 zur Erinnerung an die "Schlacht im Teutoburger Wald" erbaut, mit der der Führer der Germanen, Hermann der Cherusker, ein weiteres Vordringen der Römer für alle Zeiten verhinderte. Inzwischen besuchen Jahr für Jahr mehr als eine Million Menschen das Monument. Foto: AP
Der amerikanische Politikwissenschaftler Benedict Anderson hat die Nation als eine "imagined community" bezeichnet, eine "vorgestellte Gemeinschaft", wie die deutsche Übersetzung lautet. Damit wollte Anderson zum Ausdruck bringen, dass es sich bei der Nation nicht um eine real erfahrene Gemeinschaft handelt, wie etwa die Familie oder den Freundeskreis, sondern dass sie als Gemeinschaft nur in unserer Vorstellungswelt existiert. Aber zugleich hat er darauf Wert gelegt, dass es sich um eine Gemeinschaft und nicht um einen politisch-administrativen Großverband handelt. Mit der Nation kann man sich identifizieren, und sie verleiht dafür im Gegenzug Identität. Das ist bei allein auf Steuerung ausgerichteten Großverbänden nicht der Fall.

Die Beziehung zwischen dem Einzelnen und der Nation ist etwas besonderes. Das hat auf dem Scheitelpunkt des Nationalbewusstseins in Europa dazu geführt, dass jede Verletzung der nationalen Grenzen als eine Verletzung des eigenen Körpers erfahren und jeder Angriff auf die nationale Ehre als Attacke gegen die persönliche Ehre wahrgenommen wurde. Auch wenn das in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eher selten geworden ist: Man kann die Nation lieben. Dass man den Staat liebt, ist hingegen ungewöhnlich. Der Staat verlangt Opfer, und notfalls erzwingt er sie auch. Für die Nation dagegen werden die Opfer oft freiwillig gebracht. Dass das so war (und teilweise noch ist), hat nicht zuletzt mit den in die Idee der Nation verwobenen Mythen zu tun.

Zur Person
Herfried Münkler
Prof. Herfried Münkler lehrt Politische Theorie an der Humboldt-Universität in Berlin. Zu seinem Forschungsschwerpunkt gehört u.a. Ideengeschichte.

Staat und Nation sind zwei Typen politischer Ordnung, die unabhängig voneinander auftreten können, denen aber eine Tendenz zur Annäherung inhärent ist. Dann spricht man vom Nationalstaat. Dabei kann der Staat die initiierende Größe sein, ebenso aber auch die Nation. In Frankreich etwa ist der Staat, der sich als herrschaftlich-administrative, territorial klar umgrenzte Ordnung herausgebildet hatte, nachträglich nationalisiert worden; dabei kam der Revolution und den anschließenden Kriegen eine zentrale Rolle zu. In Deutschland dagegen, wo eine Fülle von Territorialstaaten entstanden war, die keinen nationalen Anspruch erheben konnten, drängte die Vorstellung der Nation darauf, dass ein an ihrer Reichweite orientierter Staat entstehen solle. Hier wartete die Nation also auf ihre "Verstaatlichung". Dementsprechend unterschiedlich sind die Staats- und Nationsbildungsprozesse in beiden Ländern verlaufen. Bis heute bilden sie die beiden Modelle bzw. Entwicklungspfade, anhand deren Natiogenesen in aller Welt beschrieben und analysiert werden.

politische Mythen

In beiden Fällen freilich haben Mythen eine entscheidende Rolle gespielt, und da beide Länder nicht nur um Grenzgebiete, sondern auch um die Hegemonie in Europa stritten, entstand daraus ein System von Gegenmythen, in dem die je eigene Erzählung die andere Seite ins Unrecht setzte oder aber deren Dignität bestritt. Das begann im späten 15. Jahrhundert mit dem Streit einiger Humanisten über die Frage, ob Karl der Große ein Deutscher oder ein Franzose gewesen sei. Dieser Streit ist inzwischen dadurch entschärft worden, dass Karl zum ersten Europäer ernannt und so zur gründungsmythischen Referenzgestalt des vereinigten Europa wurde. War die Debatte über Karl ein Streit unter Intellektuellen, so haben die politischen Mythen seit dem späten 18./frühen 19. Jahrhundert buchstäblich "die Massen ergriffen".

Das begann mit dem Mythos der Französischen Revolution. Für die einen markierte die Revolution in Frankreich den Weg, den auch die Deutschen beschreiten mussten; bis vor kurzem gab es zahllose Stimmen, die das Unglück der deutschen Geschichte darauf zurückführten, dass es in Deutschland keine erfolgreiche Revolution gegeben habe. Das "Schmettern des gallischen Hahns", von dem Marx spricht – eine Revolutionsmetapher –, sollte auch die Deutschen auf die Barrikaden rufen. Tatsächlich waren die Pariser Ereignisse der Jahre 1848 wie 1968 das Startsignal für europäische Vorgänge.

Die Gegenformel zu Marx’ gallischem Hahn ist Hegels "Eule der Minerva", von der er sagt, sie beginne erst in der Dämmerung ihren Flug. Für Hegel ist es das Kennzeichen der Philosophie, dass sie aufs Erkennen aus ist und darum die Ereignisse inspiziert, nachdem sie stattgefunden haben. Das "Volk der Dichter und Denker", wie man sich in Deutschland mit Blick auf die Weimarer Klassik und die idealistische Philosophie gern nannte, stellte dem Revolutionsmythos also den Kulturmythos entgegen. Das erklärt auch, weswegen die Formel von den Dichtern und Denkern keine Selbstfeier von Intellektuellen blieb, sondern zum nationalen Identitätsmerkmal wurde. In Frankreich entstand dagegen der Mythos des kritischen Intellektuellen, der die Dinge nicht im Nachhinein inspiziert, sondern politisch interveniert. Auf den von Voltaire bis Sartre reichenden französischen Intellektuellen-Mythos wiederum reagierte man in Deutschland beschämt oder zurückweisend: Die einen beklagten, dass es diesen Typus von Intellektuellen in Deutschland nicht gebe und suchten ihn selbst nachzuahmen; die anderen bezeichneten die Intellektuellen als "Mundwerksburschen" (Gehlen) und hielten ihnen vor, andere die Arbeit tun zu lassen.


28. März 2008

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