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Europäisches Jahr gegen Armut

"Mit neuem Mut" – unter diesem Motto findet am 25. Februar in Berlin die Auftaktveranstaltung zum Europäischen Jahr zur Bekämpfung von sozialer Ausgrenzung und Armut statt. Europaweit werden Veranstaltungen und Kampagnen auf das Thema aufmerksam machen und Ideen zur Überwindung von Armut aufzeigen.

Im Jahr 2008 waren laut Statistischem Amt der Europäischen Union (Eurostat) etwa 80 Millionen der rund 500 Millionen EU-Bürger von Armut bedroht, darunter 19 Millionen Kinder. Als arm gilt dabei, wem zum Leben weniger zur Verfügung steht als 60 Prozent des mittleren Einkommens. Doch Armut ist vielschichtiger: Armut bedeutet nicht nur Hunger oder Obdachlosigkeit, sondern auch den fehlenden Zugang zu Waren und Dienstleistungen. Und auch die soziale Ausgrenzung aufgrund fehlender Bildung - also die mangelnde Teilhabe an der Gesellschaft - ist eine Form von Armut. Diese "bedingte Armut" ist in Europa deutlich stärker verbreitet als der Mangel an Grundbedürfnissen wie Essen und medizinische Versorgung ("extreme Armut"). Von bedingter Armut betroffen ist etwa ein Kind, das dem Schulunterrricht nicht folgen kann, weil es die Sprache nicht beherrscht.

In diesem Jahr wurde Armut zum Thema des Europäischen Jahres, das erstmals 1983 von der EU ins Leben gerufen wurde. Mit dem aktuellen "Europäischen Jahr zur Bekämpfung von sozialer Ausgrenzung und Armut" werden die EU-Mitgliedstaaten (plus Island und Norwegen) das ganze Jahr über mit Kampagnen und Veranstaltungen auf das Thema aufmerksam machen. Zugleich sollen Ansätze zur Überwindung von Armut aufgezeigt werden. Adressaten sind sowohl die Regierungen wie auch die breite Öffentlichkeit.

Viele Projekte finden dabei auf nationaler Ebene statt, um die verschiedenen sozioökonomischen und kulturellen Realitäten in den EU-Ländern zu berücksichtigen. Denn nach wie vor ist Armut in Europa unterschiedlich stark ausgeprägt. Am höchsten war die Armutsgefährdungsquote laut Eurostat im Jahr 2008 mit 26 Prozent in Lettland, gefolgt von Rumänien (23 Prozent), Bulgarien (21 Prozent), Griechenland, Spanien und Litauen (je 20 Prozent). Mit neun Prozent hatte die Tschechische Republik die niedrigste Armutsgefährdungsquote. Es folgten die Niederlande und die Slowakei mit jeweils 11 Prozent.

In Deutschland ist in den vergangenen Jahren das Armutsrisiko kinderreicher Haushalte gestiegen. Dies geht aus einer aktuellen Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) auf Grundlage des sogenannten Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) hervor: "Insbesondere Familienhaushalte mit mehr als zwei Kindern sind stärker von Armut betroffen", sagt Joachim Frick, Co-Autor der DIW-Studie. Für Familien mit drei Kindern liegt das Risiko bereits bei knapp 22 Prozent, bei vier und mehr Kindern sind es 36 Prozent. Auch für Alleinerziehende und Menschen mit Migrationshintergrund ist das Risiko in Armut abzurutschen besonders hoch. Insgesamt waren in Deutschland im Jahr 2008 etwa 14 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet - das sind 11,5 Millionen Menschen.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat 40 Projekte von Wohlfahrts- und Betroffenenverbänden, Initiativen, Vereinen und freien Trägern ausgewählt, die mit Kampagnen und Veranstaltungen für das Thema Armut sensibilisieren sollen. Dafür stellt ihnen die EU-Kommission und der Bund Fördermittel in Höhe von rund 1,4 Millionen Euro zur Verfügung.

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