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Geschichte, Religion und Gesellschaft

"Mein Leben ist meine Botschaft"


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Mahatma Gandhi – Vater der Nation
Peter Rühe
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Teilung des Subkontinents: Eine "geistige Tragödie"

Im März 1946 landete eine britische Regierungsdelegation in Indien, um die Bedingungen der Machtübergabe auszuhandeln.
Gandhis Salzmarsch 1931
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Plastik in Erinnerung an Gandhi's Salzmarsch im Jahr 1931 in Neu Delhi
Foto: Stefan Mentschel

Die von ihr gemachten Vorschläge fanden zwar die Zustimmung des INC, jedoch nicht der Muslimliga. Deren Präsident, Mohammed Ali Jinnah, rief zu einem "Tag der direkten Aktion" auf, ohne das Ziel oder den Inhalt der Aktion näher zu bestimmen. In Kalkutta kam es daraufhin zu einer Orgie der Gewalt: Über 4.000 Hindus wurden getötet und mehr als 15.000 verletzt. Durch Racheaktionen der Hindus war bald das ganze Land in die Unruhen einbezogen, die sich zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen mit Massenmorden, Brandstiftungen, Vergewaltigungen, Plünderungen und religiösen Schandtaten ausweiteten.

Gandhi fuhr daraufhin in die am stärksten betroffenen Gebiete und konnte durch eine Fastenaktion Hindus und Muslime dazu bewegen, die Waffen niederzulegen. Auf einem mehrmonatigen Fußmarsch bemühte sich Gandhi, Frieden zu stiften und zu versöhnen. Er bezeichnete diese Friedensmission als die schwierigste seines Lebens. Unermüdlich war er unterwegs, tröstete und ermutigte die Verzweifelten und ermahnte jene, die den verheerenden Schaden angerichtet hatten. Er bat sie, für die Sünden zu büßen, und forderte dazu auf, das Zerstörte wieder aufzubauen und wie eine Familie zusammenzuleben.

Gandhi erreichte, dass sich die Gemüter im Land beruhigten. Die anstehende Teilung Indiens in ein muslimisches Pakistan und ein hinduistisches Indien bereiteten ihm aber tiefe Sorgen, da er es als sein Lebenswerk ansah, Indien geeint in die Unabhängigkeit zu führen. Die Kluft zwischen Hindus und Muslimen war aber zu groß. Selbst seine engen Parteifreunde waren letztlich mit dem Vorschlag des neuen britischen Vizekönigs Lord Mountbatten einverstanden, den Subkontinent in die zwei Staaten zu teilen. Gandhi bezeichnete diese Entscheidung, die im August 1947 mit den Unabhängigkeitserklärungen Indiens und Pakistans besiegelt wurde, als eine geistige Tragödie.

Einfache Lebensweise und Besinnung auf elementare Bedürfnisse

Neben der Erkämpfung der politischen Rechte setzte Gandhi sich besonders für soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit ein. Sein eigentliches Betätigungsfeld sah er in einer spezifischen Form der dörflichen Sozialarbeit, die den Dienst am Mitmenschen in den Mittelpunkt stellt. Hierfür prägte er den Begriff Sarvodaya, der die "Wohlfahrt aller" bezeichnet. Nach Ansicht Gandhis bildet der selbstlose Dienst an den Ärmsten im indischen Dorf die alleinige Grundlage, auf der ein wirklich freies Indien gedeihen kann.

Das selbstgenügsame Dorf, das autonom seine Angelegenheiten regelt, bietet die Gewähr, auch dem Letzten seinen Anteil zu geben, den er für ein einfaches, im Dienst der Wahrheitssuche stehendes Leben benötigt. Gandhi hat stets ein Leben mit körperlicher Arbeit bevorzugt und gesagt, dass das Leben des Ackerbauern und Handwerkers das eigentlich gute Leben ist. Jeder solle durch seiner eigenen Hände Arbeit seinen persönlichen Lebensunterhalt bestreiten. Brotarbeit verzichtet auf die Ausbeutung anderer, sie ist eine Form gewaltfreien Wirtschaftens und steht in Einklang mit Swadeshi, dem Entwurf einer wirtschaftlichen Autarkie, die durch Eigenproduktion erreicht werden sollte und verbunden ist mit der Forderung nach Besitzlosigkeit sowie der Besinnung auf elementare Bedürfnisse und eine einfache Lebensweise.

Gandhi wandte sich scharf gegen die Unberührbarkeit und gab den Unberührbaren den Namen Harijans, Kinder Gottes. Für ihn war die politische Freiheit Indiens Folge der persönlichen Freiheit (Swaraj) des Einzelnen, die eingebunden ist in das dauernde Streben nach Wahrheit. Gefragt, was er als Essenz seines Denkens und Handelns ansieht, antwortete Gandhi: "Mein Leben ist meine Botschaft" (My life is my message). Nicht neue Denkmodelle brauche die Welt, um besser zu werden, sondern die überall praktizierte Nächstenliebe und Wahrheitssuche jedes einzelnen Menschen. Jeder beginne ernsthaft bei sich selbst, seine eigenen Experimente mit der Wahrheit durchzuführen, hier und heute, überall und ohne Ende.

Gandhi hielt als geistiger Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung die Welt seiner Zeit in Atem, was durch historischen Filmaufnahmen und Wochenschauen eindrucksvoll belegt wird. Nach seiner Ermordung durch einen Hindu-Fundamentalisten am 30. Januar 1948 wurde er zum Märtyrer und Mythos stilisiert. Sein politisches Handeln gab den unterdrückten Kolonialvölkern der "Dritten Welt" ein Gesicht, seine Philosophie und sein Handeln zeigen der Welt bis heute eine Alternative zu Krieg und Gewalt.

Gandhis geistiges Erbe lebendiger als je zuvor

Auch in Indien gibt es eine wachsende Zahl von Bürgerbewegungen und sozialen Aktionsgruppen, die sich, auf Gandhis Ideen basierend,
Gandhi in Bombay
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Gandhi in Bombay, Mai 1944
für die Rechte von Armen und Minderheiten einsetzen, auch wenn nicht das einfache Spinnrad – Gandhis Symbol der wirtschaftlichen Unabhängigkeit – sondern vielmehr Auto, Mobiltelefon und Computer Freiheit und Fortschritt im heutigen Indien symbolisieren. Erreichbar sind diese Luxus- und Konsumgüter allerdings nur für eine kleine, städtische Schicht. Der größte Teil der Bevölkerung hingegen, vor allem auf dem Land, fühlt sich durch zunehmende Kommerzialisierung und wachsenden Wettbewerb immer mehr unter Druck gesetzt und weiter in die Armut getrieben.

Im Kampf gegen den neoliberalen Wirtschaftskurs soll nun die Rückbesinnung auf Gandhis Ideale helfen. So spricht die indische Bürgerrechtlerin Medha Patkar, Symbolfigur des Widerstandes gegen das umstrittene Narmada-Staudammprojekt, vielen aus der Seele, wenn sie zum Umdenken in der Gesellschaft auffordert: "Wir müssen unseren Lebensstil grundsätzlich unter den Gesichtspunkten von Schlichtheit, Selbstgenügsamkeit, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit überprüfen. Genau das hat uns Mahatma Gandhi gelehrt, als er seinen großen politischen Kampf führte."

Wenn man sich den Einfluss Gandhis auf Menschenrechtsbewegungen weltweit anschaut, dann sieht man, dass Gandhis Ideen hochaktuell sind, und, auf die jeweiligen Rahmenbedingungen bezogen, sehr erfolgreich angewandt werden. Wenn man sich verdeutlicht, wie viele Gestalter des 20. Jahrhunderts sich als Schüler Gandhis bezeichnen, wird klar, dass sein humanistisches Konzept der Fernstenliebe – nicht der Opponent wird bekämpft, sondern dessen Gesinnung – und der Gewaltfreiheit die Menschheit geprägt hat, wie kaum ein anderer. Martin Luther King Jr., Nelson Mandela, der Dalai Lama, Albert Schweitzer, Mutter Teresa, Michael Gorbatschow, Lech Walensa, Aung San Suu Kyi und viele andere haben Gandhi und seine Ideen studiert und diese in ihrem Einsatz für eine bessere Welt angewandt. Nicht nur deshalb ist sein geistiges Erbe heute lebendiger als je zuvor.


18. Januar 2007

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