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Kommunizieren auf Augenhöhe

Das Radio der Zukunft:
ein Audio-Facebook?


von Inge Seibel-Müller

14.04.2010. - Bereits in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als das Radio noch ganz jung war, wünschte sich der Schriftsteller Bertolt Brecht: "Hörer sollen zum Mitspieler werden". Seine "Radiotheorien" werden in letzter Zeit wieder häufiger zitiert, was vermutlich an der wachsenden Vielfalt interaktiver Kommunikationsmöglichkeiten im Internet liegt.

Nun ist das Radio, wie Brecht schon schrieb, für das Wechselgespräch mit dem Hörer geradezu wie geschaffen. So genannte "Call-In" Formate im Radio gibt es schon lange. Dennoch wird die direkte Kommunikation mit dem Hörer in streng durchformatierten Radiostationen eher vermieden.

Warum das so ist, erklärt der Mainzer Medienprofessor Axel Buchholz, Mitherausgeber des Handbuchs "Radiojournalismus": "Hörer-Beteiligung ist auch ein Risiko. Ein Programm wird nicht zwangsläufig attraktiver, wenn Hörer daran mitwirken - gelegentlich ist das Gegenteil der Fall. Zum Beispiel, wenn sich Hörerfragen wiederholen, zu speziell und abwegig sind oder Hörer-Meinungen völlig abstrus sind."

Late-line-Mods
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"LateLine" heißt die am 12. April neu gestartete Nachttalk-Sendung sieben junger ARD-Programme. Foto: HR/Benjamin Knabe
Momentan findet im Radio aber offensichtlich ein Umdenken statt. Der Hörer als ernst zu nehmender Gesprächs- und Diskussionspartner gewinnt zunehmend an Bedeutung. Neue Radioformate wie DRadio Wissen (siehe hier: "Öffentliche Redaktionskonferenzen aus dem Radiolabor der Zukunft" ) setzen stringent auf die Kommunikation mit dem Hörer durch Interaktivität und Verlinkung. "Talk ist die Königsdisziplin im Radio" - das wollen seit dem 12. April auch sieben junge ARD-Radioprogramme beweisen. Sie haben gemeinsam eine neue Nachttalk-Sendung gestartet, die in weiten Teilen Deutschlands immer montags bis donnerstags von 23 Uhr bis 1 Uhr über UKW ausgestrahlt und im Netz gestreamt wird. An jedem ersten Dienstag im Monat dürfen die Hörer das Thema der "LateLine" selbst bestimmen. Die Macher versprechen: "Die Hörer treffen auf Moderatoren, die Ecken und Kanten haben, die im Interview begeistern können und die ein Interesse an anderen Menschen und deren Geschichten haben."

Bodenhaftung durch den Kontakt mit dem Hörer

Über die Herausforderung "Hörerbeteiligung" hat Dirk von Gehlen, Redaktionsleiter des Jugendmagazins jetzt.de der Süddeutschen Zeitung, für sein privates Weblog ein aufschlussreiches Interview mit dem Deutschlandradio-Moderator Dieter Kassel geführt und dabei festgestellt, dass es zwischen Community Management im Internet und der Moderation einer Call-in-Sendung erstaunliche Parallelen gibt.

Dieter Kassel, Journalist und Radioredakteur aus Berlin, moderiert für Deutschlandradio Kultur am Samstag Vormittag die Sendung "Radiofeuilleton im Gespräch". Er spricht dort mit Wissenschaftlern, Schriftstellern und berühmten Zeitgenossen. Regelmäßig können sich Hörer per Telefon an den Gesprächen beteiligen. "Es ist bis heute so, dass ich bei den Sendungen mit Hörerbeteiligung, ich will nicht sagen, nervös bin - dafür mache ich es einfach zu lange -, aber ich finde es immer noch nicht einfach", verrät Kassel. Das liege daran, dass man immer wieder überrascht werde. "Egal, was man sich vorher in Konferenzen ausdenkt, es kommt doch viel häufiger anders als man plant", sagt der erfahrene Moderator.

Welche Überraschungen Dieter Kassel mit seinen Hörern erlebt hat, an welche Sendung er sich noch intensiv erinnern kann, wie wichtig die Unterstützung durch Vorgesetzte ist und warum die Hörerbeteiligung die Radioredaktion immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt, lässt sich wunderbar nachlesen in dem sehr persönlich geführten Interview zwischen Dirk von Gehlen und Dieter Kassel.

Der Nachttalker

1Live, die Jugendwelle des Westdeutschen Rundfunks, wird in diesen Tagen 15 Jahre alt. Seit 15 Jahren geht auch Domian, der Moderator der gleichnamigen Talkshow, Nacht für Nacht auf Sendung, montags bis freitags zwischen 1 und 2 Uhr in 1LIVE und im WDR Fernsehen.

Domian
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Jürgen Domian von WDR 1Live ist der bekannteste Nachttalker Deutschlands. Foto: WDR/Annika Fußwinkel
Mehr als 18.000 Interviews hat Domian bereits geführt. Nebenbei schreibt er Bücher. Gerade wurde sein zweiter Roman "Der Gedankenleser" veröffentlicht. Wenn er zur nachtschlafenden Zeit sendet, ist immer ein Psychologe dabei. "Im Moment stehen wir, was die Einschaltquoten betrifft, so gut da wie noch nie", freut sich der Moderator und wundert sich, dass kein anderer dieses Talkformat bisher produziert.

Das Konzept der Sendung wird auf Domians Fanseite "nachtlager.de" beschrieben:

Die Zuhörer können mit dem Moderator Domian kostenfrei telefonieren und sich mit ihm live im Radio und Fernsehen unterhalten. Während für die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ein bestimmtes Gesprächsthema vorgegeben wird, können sich die Anrufer in den übrigen Nächten zu einem Thema ihrer Wahl äußern. Die Anrufer sind Menschen wie du und ich: Sie möchten von ihren alltäglichen oder nicht ganz alltäglichen Geschichten, Sorgen und Problemen berichten, wünschen sich Rat - oder haben einfach nur Lust auf ein nächtliches Gespräch. Tabus gibt es keine.

"Die Leute können mich alles fragen", sagt Domian, der auch während der Sendung die Privatperson Domian bleiben möchte. "Nur so entsteht Vertrauen." Das Geheimnis seines Erfolges: Domian nimmt seine Hörer ernst. Wer gerne einmal hinter die Kulissen von "Domian" schauen möchte, der sollte sich den Podcast der WDR 5 "Redezeit" anhören.

Eindeutiger Trend: vom passiven zum aktiven Zuhören

Vergangenen Monat fanden erstmals die Radiodays Europe in Kopenhagen statt. "400 Gäste aus 35 europäischen Ländern liefen größtenteils begeistert durch die Gänge des Konferenzzentrums", beschrieb der Radioberater und langjähriger Programmdirektor Stephan Hampe aus Berlin die Stimmung in seinem Erfahrungsbericht auf radioszene.de. Als wesentliche Botschaft nahm er mit nach Hause: "Radio ist dann erfolgreich, wenn es wie ein 'Audio-facebook' funktioniert und wenn die Macher systematisch kreativ arbeiten. Morningteam und Hörer kommunizieren auf Augenhöhe, Hörer sind zentraler Teil des Programms."

CBC Radio 3 Praesi
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Radio neu denken: Warum das Radio dem Hörer mehr Mitsprache einräumen sollte, erklärte Steve Pratt von CBC Radio 3 aus Kanada einem interessierten Fachpublikum auf den Radiodays Europe.
Der Trend, dem Hörer mehr noch als bisher das Wort zu erteilen, setzt sich in neuen Radioformaten konsequent durch. Nicht nur in Deutschland. Die neue Form des "Mitmachradios", wie sie seit wenigen Wochen das 3. Programm des Deutschlandfunks, DRadio Wissen, praktiziert, hat nämlich einen Vorläufer: CBC Radio 3. Ein kanadischer Radiosender, der seit geraumer Zeit sein Programm ganz stark auf "User generated Content" und eine starke Hörerbeteiligung aufbaut.

"Wir haben versucht, Radio in einem digitalen und sozialen Kontext ganz neu zu überdenken", sagt Steve Pratt, Programmdirektor des Senders, der von der amerikanischen Musikzeitschrift "Spin Magazin" bereits zum 2. Mal zur "Best Online Radio Station at the Webbys" nominiert wurde. Die Kontrolle abgeben und dem Hörer mehr Mitbestimmung, darin sieht CBC Radio 3 die Zukunft des Radios. Die Strategie geht ganz eindeutig vom passiven zum aktiven Zuhören. "One to many", das funktioniert nicht mehr für die jüngere Generation, sagt Steve Pratt.

Steve Pratts Präsentation "The Canadian 'Social Radio' Experiment" aus seinem Vortrag auf den Radiodays Europe in Kopenhagen steht jetzt im Netz.


 
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Redaktion
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