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Wirtschaft und Soziales: Kehrseite des Booms

Landnahme und Vertreibung bedrohen Millionen Menschen


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Die Kehrseite des Wirtschaftsbooms
Bharat Dogra
Während Regierung und Unternehmen in Indien die eindrucksvollen Zahlen des Wirtschaftswachstums und der Investitionen aus dem Ausland feiern, droht Millionen von Menschen vor allem aus den armen Bevölkerungsschichten die Vertreibung von ihrem Land durch neue Minen, Staudämme, Kraftwerke, Autobahnen
Blick über Dharavi, einen Slum in der indischen Metropole Mumbai (Bombay)
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Blick über Dharavi, einen Slum in der indischen Metropole Mumbai (Bombay). Mit mehr als einer Million Einwohnern gilt er als der größte Slum Asiens.
Foto: Stefan Mentschel

und städtische Infrastrukturprojekte. In jüngster Zeit begehren immer mehr neue Volksbewegungen gegen diese massive Vertreibungswelle auf, doch auch "alte" Bewegungen wie die im zentralindischen Narmada-Tal setzen sich zu Wehr.

Dort sollen 30 riesige, 135 mittlere und rund 3000 kleine Staudämme entstehen. Einer davon ist der auch in Deutschland bekannte Sardar-Sarovar-Damm, dessen umstrittener Bau untrennbar mit dem politischen Kampf der vor 20 Jahren ins Leben gerufenen Bewegung zur Rettung des Narmada-Flusses (Narmada Bachao Andolan, NBA) verbunden ist. Nach langem Baustopp beschlossen die Behörden im März 2006, die Staumauer von 110 auf 122 Meter zu erhöhen. Die NBA protestierte vehement dagegen, da ihrer Ansicht nach die angemessene Entschädigung der 35.000 davon betroffenen Familien nicht gewährleistet ist. Doch selbst der Hungerstreik der charismatischen Bürgerrechtlerin und NBA-Gründerin Medha Patkar blieb ohne Erfolg.

Zur Person
Bharat Dogra, Jahrgang 1956, ist Journalist und lebt in Neu Delhi. In seiner Arbeit widmet er sich vor allem Themen wie Entwicklungspolitik, Umweltschutz und Menschenrechten. Er ist Autor zahlreicher Bücher. Für seine journalistische Arbeit hat Dogra mehrere Auszeichnungen erhalten.

Gleichwohl war der NBA zumindest für ein paar Wochen die Aufmerksamkeit der nationalen wie internationalen Öffentlichkeit sicher. Selbst Indiens Premier Manmohan Singh musste sich positionieren. "Wir brauchen dringend einen zuverlässigen Mechanismus, so dass derartige Probleme nicht in Konflikten zwischen einzelnen gesellschaftlichen Gruppen münden", sagte er am 18. April vor Industriellen. "Entwicklung darf Leben und Lebensraum von Menschen nicht bedrohen."

Massive Proteste gegen Industrieprojekte

Doch die Realität sieht anders aus. Im Zuge der Globalisierung werden Bergbau-, Infrastruktur- und andere Großprojekte so schnell und gigantisch vorangetrieben, dass "Leben und Lebensraum von Menschen" definitiv gefährdet sind. Nirgendwo wird dies deutlicher als in den Unionsstaaten Orissa, Jharkhand und Chhattisgarh im Osten des Landes. Dort gibt es besonders viele Bodenschätzen, deren Ausbeutung von einer gleichsam massiven Vertreibung der einheimischen Bevölkerung begleitet wird. Mit seinen gigantischen Vorkommen an Bauxit, Eisenerz und Kohle gilt Orissa als Schrittmacher für andere Staaten. Allein mit nationalen und internationalen Stahlkonzernen unterzeichneten die zuständigen Behören 42 Vereinbarungen, die den Weg für eine künftige Zusammenarbeit ebenen. Zudem verständigte man sich mit mehreren Energieriesen darauf, 13 neue Kohle-Kraftwerke zu errichten. Weitere Abkommen sind geplant. Das für all diese Projekte beanspruchte Land übersteigt bereits eine Fläche von rund 40.500 Hektar, darunter fruchtbares Ackerland sowie Waldgebiete, die denen Adivasi – Indiens Ursprungsbevölkerung – im Einklang mit der Natur leben.

Einer der Verträge wurde mit dem südkoreanischen Stahlunternehmen POSCO (Pohang Iron and Steel Company) geschlossen. Angelockt durch massive staatliche Subventionen will das Unternehmen in Kujang, rund 70 Kilometer östlich der Landeshauptstadt Bhubaneshwar, ein Stahlwerk mit einer Kapazität von 12 Millionen Tonnen aus dem Boden stampfen. Nun droht den Menschen in dieser von der Landwirtschaft geprägten Region eine riesige Vertreibungswelle. Allein aufgrund des Widerstands in der Bevölkerung konnte POSCO bisher noch kein Land erwerben. Vor allem in Kalinganagar wehren sich Angehörige der Adivasi vehement gegen das Vorhaben. Der Staat zeigte sich von den Protesten bislang unbeeindruckt. Schlimmer noch: Er reagierte mit Gewalt. Am 2. Januar 2006 wurden 13 Adivasi bei Auseinandersetzungen mit der Polizei erschossen.

"Adivasi von kulturellem Genozid bedroht"

Ein Grund für den zunehmenden Widerstand ist, dass die Projekts die Lebensgrundlage der Menschen in größerem Umfang gefährden, als es Behörden und Unternehmen preisgeben. So sind die Folgen von Umweltverschmutzung – verseuchtes Trinkwasser, Artensterben, eingeschränkte Fruchtbarkeit der landwirtschaftlich genutzten Flächen – in einem Gebiet zu spüren, das zum Teil um ein Vielfaches größer ist als das, welches direkt für ein Industrie- oder Infrastrukturprojekt genutzt wird.

Deutlich wird das am Beispiel der Aluminiumraffinerie und der angeschlossenen Bauxitmine in den Niyamgiri Bergen bei Lanjigarh (Distrikt Kalahandi in Orissa). Bhakta Charan Das, früher Mitglied im indischen Unterhaus Lok Sabha und Minister, wendet sich nach anfänglicher Zustimmung heute gegen das Projekt: "Raffinerie und Mine werden nicht nur die Umwelt und das Leben in den Niyamgiri Bergen vernichten. Die Verschmutzung der beiden Flüsse Vamsadhara und Nagvalli wird die Zerstörung eines viel größeren Gebiets nach sich ziehen und das Leben Hunderttausender Bauern und Fischer in Orissa und Andhra Pradesh nachteilig beeinflussen."

Der Anthropologe Felix Patel und der Journalist Sumarendra Das schrieben kürzlich über die Auswirkungen der zum indischen Nalco-Konzern (National Aluminium Company) gehörenden Raffinerie und Bauxitmine in Damanjodi (Orissa): "Über Kilometer erinnert die Gegend an eine Wüste. Die Adivasi sind von einem kulturellen Genozid bedroht, denn der Rote Schlamm, ein hoch giftiges, schwermetallhaltiges Abfallprodukt, haben Gewässer und Grundwasser nachhaltig geschädigt." Zunächst erwerbe ein Unternehmen ein kleines Stück Land in einem Dorf, erläutert P.V. Rajagopal, Leiter und Gründer der Nichtregierungsorganisation Ekta Parishad, die vielerorts gegen Vertreibungen Widerstand leistet. "Dann werden jedoch so tiefe Brunnen gegraben, dass der Grundwasserspiegel in der umliegenden Region rapide absinkt. Zudem beeinträchtigen Rauch und Abgase die Landwirtschaft." Daher seien die Bauern schon bald gezwungen, sehr viel mehr Land aufzugeben, als was sie der Industrie ursprünglich abtreten mussten.

Darüber hinaus haben Studien ergeben, dass Einheimische minimale bzw. keine Vorteile von der Ansiedlung industrieller Großprojekte haben, weder durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze noch durch verbesserte Infrastruktur und ähnliches. "Kaum ein Großprojekt in Orissa hatte positive Auswirkungen auf die Bevölkerung", weiß der Wirtschaftsprofessor Vinod Vyasulu. "Sie führen nicht zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation in der Region, sondern befriedigen in erster Linie die Nachfrage externer Märkte im In- und Ausland."


24. Januar 2007

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