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Migrationspolitische Handlungsfelder der EU

Migration im europäischen Vergleich - Zahlen, Daten, Fakten?

Marianne Haase/Jan C. Jugl

Möchte man Migration in Europa oder den einzelnen Mitgliedstaaten untersuchen oder miteinander vergleichen, so
Bäckerei am Kottbusser Tor, Berlin
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Bäckerei am Kottbusser Tor, Berlin
© Susanne Tessa Müller

ergibt sich eine ganze Reihe von Problemen, die dies Unterfangen mitunter erheblich erschweren. So ist es schon gar nicht so einfach, die genaue Anzahl Zahl von Migrantinnen und Migranten in einem Land zu bestimmen. Noch schwieriger gestaltet es sich, beispielsweise die Migration nach Deutschland mit derjenigen nach Frankreich zu vergleichen, etwa um Aussagen zu machen, welches Land mehr Menschen als ein anderes aufgenommen hat.

Diese Schwierigkeit, insbesondere vergleichende Aussagen zu Migration - etwa in Europa - zu treffen, ist mehreren Gründen geschuldet. Vornehmlich liegt es daran, dass es keine EU-weit verbindliche Definition dessen gibt, wer genau als "Migrant" einzustufen ist. In einigen Mitgliedstaaten gelten Zugewanderte erst nach einem einjährigen Aufenthalt als (sich dauerhaft aufhaltende) Migranten und werden statistisch erst dann als solche ausgewiesen. Andere Länder richten sich nach der tatsächlichen Aufenthaltsdauer, wieder andere danach, wie lange und zu welchem Zweck ein Mensch beabsichtigt, sich im Land aufzuhalten.

Die in Deutschland immer noch verbreitete (dadurch aber nicht richtige) Gleichsetzung des "Ausländer"-Begriffs, der ja im rechtlichen Sinn nur nichtdeutsche Staatsangehörige einschließt, mit "Migrant" ist sogar irreführend, weil nicht alle in Deutschland lebenden Nichtdeutschen auch "Migranten" sind. So verfügen manche Ausländer gar nicht über eine eigene Migrationserfahrung, zum Beispiel wenn sie bereits in der dritten Generation hier aufwachsen und das Herkunftsland ihrer eingewanderten Großeltern gar nicht selbst kennen. Zugleich sind nicht alle Migranten "Ausländer" im rechtlichen Sinn, beispielsweise, wenn sie als Spätaussiedler oder deren Familienangehörige eingewandert sind und über die deutsche Staatsbürgerschaft verfügen.

In den EU-Mitgliedstaaten mit kolonialer Vergangenheit konnten sich Einwanderer aus ehemaligen Kolonien außerdem sehr leicht einbürgern lassen und wurden daher von keiner offiziellen "Ausländer"-Statistik erfasst. Manche Mitgliedstaaten (wie Frankreich) erheben gar keine Daten über die Zuwanderung. Andere Länder, wie zum Beispiel Griechenland oder Portugal, brauchen sehr lange, bis sie eigene Statistiken vorlegen. Zu all diesen technischen und definitorischen Problemen kommen noch unterschiedliche Verfahren beim Erstellen der Statistiken hinzu.

Allzu oft werden Zahlen als "unwiderlegbare Beweise" für oder gegen bestimmte Positionen angeführt. Wichtig ist allerdings, Statistiken generell zu hinterfragen und genau nachzuvollziehen, wie eine bestimmte Grafik oder eine Tabelle zu Stande gekommen ist und welche Aussagen sie enthält. An einigen Beispielen zu Migrationsdaten in Europa soll gezeigt werden, wie wichtig es ist, nüchternen Zahlen nicht blind zu vertrauen und vor allem: Nichts unhinterfragt hinein zu interpretieren.

Folgende Tabelle zeigt die Zuwanderung in die EU-Mitgliedstaaten in den Jahren 2004 und 2005:

Zuwanderung_EU_160.gif
PDF-Dokument
Zuwanderung in die EU-Mitgliedstaaten 2005 (in 1.000 Personen) Quelle: Eurostat
Zu erkennen ist auf den ersten Blick, dass Deutschland im Jahr 2004 mit über 780.000 Personen die meisten Zuwanderer aufgenommen hat. Im Jahr 2005 nahm Spanien mit knapp 720.000 Einwanderern den ersten Platz ein, während Deutschland mit knapp 707.000 Zuwanderern auf dem zweiten Platz folgt. Weit abgeschlagen folgt Italien mit 326.000 Zugängen auf dem dritten Platz.

Den Mitgliedstaaten, die der Union erst 2004 beitraten, ist gemein, dass sie eine sehr geringe Zuwanderung aufweisen. Wer diese Statistik nicht weiter hinterfragt, könnte so vorschnell zu dem Schluss kommen, Deutschland bzw. Spanien hätten die meisten Ausländer. Diese Aussage ist aber nicht richtig: Bei der abgebildeten Statistik werden nämlich nicht nur zugewanderte Ausländerinnen und Ausländer, sondern - im deutschen Fall - auch zugewanderte deutsche Staatsbürger gezählt, womit der Begriff der "Zuwanderung" in diesem Zusammenhang mitnichten mit der Zahl der in Deutschland lebenden "Ausländerinnen und Ausländern" gleichzusetzen ist. Außerdem sagt die Zuwanderung zu einem bestimmten Zeitpunkt - egal wie hoch sie ist - nichts über den vorhandenen Bestand bereits im Land lebender Zuwanderer aus. Erst recht setzt sie nicht die Anzahl von Zuwanderern zu derjenigen von Einwohnern eines Landes in Beziehung.

Folgende Grafik zeigt die zugewanderten Menschen in Beziehung zur Gesamtbevölkerung:
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Ausländische Bevölkerung in Prozent der Gesamtbevölkerung in den EU-Mitgliedstaaten 2004 Quelle: Eurostat
Plötzlich steht Luxemburg mit über 38 Zuwanderern pro 100 Einwohnerinnen und Einwohnern an erster Stelle. Es folgen Lettland sowie Estland liegt mit ungefähr 20 Ausländern pro 100 Einwohnern. Deutschland liegt mit einem Ausländeranteil von 8,9% leicht über dem Durchschnitt der EU-27, der im Jahr 2004 5,5% betrug. Wenngleich die Statistik suggeriert, die in- und ausländische Bevölkerung in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union für das Jahr 2004 wiederzugeben, so wird bei genauerer Betrachtung der herangezogenen Daten deutlich, dass dabei, je nach Mitgliedstaat, Zahlen aus unterschiedlichen Jahren herangezogen wurden. Die Vergleichbarkeit der Daten ist damit deutlich eingeschränkt, sodass aus diesen Zahlen ebenso keine weiteren Schlussfolgerungen gezogen werden dürften. Mangels Alternative an statistischen Daten ist eine (kritische) Berücksichtigung der Daten jedoch unumgänglich.

Diese Statistik sagt noch nichts darüber aus, wie stark die Bevölkerung der entsprechenden Länder gewachsen ist. Dafür muss zuvor die Auswanderung im gleichen Zeitraum abgezogen werden. Zieht man die Auswanderung aus einem Land von der entsprechenden Zuwanderung ab, so nennt man das Ergebnis "Wanderungssaldo". Dieser kann positiv oder negativ sein, je nach dem, ob unterm Strich mehr Menschen zu- oder abgewandert sind.

Folgende Abbildung illustriert den Wanderungssaldo der EU-Staaten und anderer europäischer Staaten pro 1.000 Einwohner im Jahr 2004:
Wanderungssaldo_160.gif
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Wanderungssaldo
Quelle: Eurostat

Ersichtlich wird aus der Abbildung, dass in der EU-27 sowohl positive als auch negative Wanderungssaldi vorliegen und damit das Phänomen der Migration in Europa differenziert betrachtet werden muss. Spanien und Italien verzeichnen offenbar einen besonders hohen Wanderungssaldo, d.h., dass dort mehr Ausländer ein- als auswandern. Dies liegt im Wesentlichen daran, dass beide Länder zum einen EU-Außengrenzen haben und zum anderen immer wieder Regularisierungen von zuvor irregulär aufhältigen Einwanderern vornehmen, womit diese bisher undokumentierten Migranten nach ihrer Legalisierung in der Statistik auftauchen.

Eine gänzlich andere Situation liegt in einigen osteuropäischen Mitgliedstaaten vor: Litauen, Rumänen und Polen haben einen negativen Wanderungssaldo: Dort wandern also mehr Menschen aus als ein. Bedingt wird dies durch eine hohe Mobilität der Arbeitnehmer und ihre Auswanderung in Länder wie Großbritannien und Irland, aber auch die BRD. Auch die Niederlande sind von einem negativen Wanderungssaldo betroffen. Dies liegt zum einen an Korrekturen der niederländischen Statistik, aber auch an politischen Maßnahmen, die ergriffen wurden, um beispielsweise den Familiennachzug zu erschweren. Ebenso können inzwischen verpflichtende Integrationstests sowie Regularisierungsprogramme für Asylsuchende eine Erklärung für das dargestellte negative Wanderungssaldo sein.

Aus folgender graphischer Darstellung von statistischen Daten sind die Ausländeranteile, aufgeschlüsselt nach Inländern und Unionsbürgern für 2004 zu entnehmen:
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Anteil der Ausländer an der Gesamtbevölkerung und Anteil der Nicht-EU-Ausländer an der Gesamtzahl der Ausländer 2004. Quelle: Amt für amtliche Veröffentlichungen der europäischen Gemeinschaft
Auch diese Daten haben jedoch noch ihre Tücken. "Ausländer" ist ein sehr unscharfer Begriff und sagt nicht mehr aus, als dass eine bestimmte Person eine andere Staatsbürgerschaft besitzt, als die einheimische Bevölkerung. Die Zusammensetzung dieser Gruppe ist in höchstem Maße heterogen und unterscheidet sich stark von Land zu Land. Luxemburg zum Beispiel hat zwar mit 38 Prozent einen im europäischen Vergleich extrem hohen Ausländeranteil, über drei Viertel dieser Gruppe kommt jedoch aus dem EU-Ausland. Von den in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländern stammte 2004 rund jeder Dritte aus einem EU-Mitgliedstaat. In Frankreich leben hingegen deutlich mehr zugewanderte Menschen als es die Ausländerquote vermuten ließe: Durch die koloniale Vergangenheit ist es Migranten aus den ehemaligen französischen Kolonien und Überseegebieten sehr leicht möglich, die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen, womit sie statistisch zwar als Franzosen mit Migrationshintergrund, aber nicht als Ausländer gezählt werden.


13. März 2008


 
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