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Radioforschung

Mitmachen oder nur Zuhören -
Wie interaktiv wollen Hörer sein?


von Inge Seibel-Müller

Im Rahmen ihrer Diplomarbeit "Interactive Media im privaten Hörfunk" an der Rheinischen Fachhochschule Köln hat die Radiomoderatorin Julia Schutz über 500 Radiohörer in ganz Deutschland befragt, wie intensiv sie gerne mit ihrem Privatradio in Kontakt treten würden. Die Ergebnisse der Untersuchung zur Nutzung und Wirkung von interaktiven Radioangeboten wurden erstmals auf den Lokalrundfunktagen 2009 der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) in Nürnberg vorgestellt. Wichtigste Erkenntnis: Die Sender unterschätzen offenbar die Dialogbereitschaft ihrer Hörer und verschenken damit wertvolles Potenzial für attraktive Inhalte und alternative Erlösquellen.

Was Radiohörer wirklich wollen, wird von den Radiosendern im Bereich Musik akribisch untersucht. Playlisten werden getestet, Musikstücke am Telefon oder in Focusgroups angespielt. Dann immer wieder die entscheidende Frage: Trifft der neue Song den Musikgeschmack der Zielgruppe? Oder ist ein Titel etwa schon "ausgebrannt", so dass ihn keiner mehr hören will?

Zur Person
An der Rheinischen Fachhochschule Köln hat Julia Schutz mit ihrer Studie zur "Nutzung und Wirkung von interaktiven Radioangeboten" den Titel Diplom Medienökonomin erworben. Zu hören ist die Moderatorin regelmäßig bei den nordrhein-westfälischen Lokalsendern Radio Leverkusen und Radio Bonn/Rhein-Sieg. Erste praktische Erfahrungen im Radio sammelte sie im hart umkämpften Berliner Hörfunkmarkt. Bei BB Radio hat Julia Schutz volontiert und ein Jahr lang die Vormittagssendung moderiert. Foto: Radio Bonn/Rhein-Sieg

Doch die Musik ist nur ein Teilbereich des Radios. Nachrichten, Gewinnspiele, Beiträge, Veranstaltungstipps, gute Moderatoren - das alles in der richtigen Mischung entscheidet über den Erfolg eines Radiosenders.

"Und attraktive Möglichkeiten für die Hörer, sich über verschiedene Kommunikationskanäle aktiv am Programm zu beteiligen", sagt Julia Schutz. Ihrer Ansicht nach wird dies von vielen Radiosendern noch viel zu sehr unterschätzt. Die 28-jährige Radiomoderatorin hat auf den Nürnberger Lokalrundfunktagen ihre Studie zur "Nutzung und Wirkung von interaktiven Radioangeboten" vorgestellt. Insgesamt wurde ihr Fragebogen 546-mal zwischen Februar und April dieses Jahres ausgefüllt. Gefragt wurde nach Meinung, Einstellung und Verhaltensmustern von Radiohörern in Bezug auf interaktive Kommunikationskanäle und sogenannte Mehrwertdienste. Dabei stellte sich heraus, dass jeder fünfte Befragte es für wichtig oder gar sehr wichtig erachtet, interaktiv das Programm mitbestimmen zu können.

Folie Studie Interaktivitaet_1
Quelle: Online-Studie zu den Nürnberger Lokalrundfunktagen über "Nutzung und Wirkung von interaktiven Radioangeboten".

"Mitmachradio" gestalten viele Sender allerdings immer noch wie "anno dazumal" in Form von Grüßen, Musikwünschen, Teilnahme an Umfragen und Gewinnspielen. Natürlich nutzen Sender auch schon die Möglichkeit der Hörerbeteiligung über das Internet in Form von Communitys. Manche fordern ihre Hörer dazu auf, eigene Videos oder Fotos hochzuladen und auf die Homepage des Senders zu stellen. "Alles sicher wichtig", sagt Julia Schutz. Doch hat sie herausgefunden, dass der überwiegende Teil der Zuhörer sich am liebsten lokale Tipps von Hörer zu Hörer wünschen würde. Radiosender böten im Programm zwar oftmals Veranstaltungstipps an, aber keine entsprechende Plattform im Internet. Auch die Möglichkeit, Fragen und Feedback direkt zum Moderator ins Studio zu mailen, hält die Hälfte der Befragten für wichtig.

Folie Interaktivitaet_2
Quelle: Online-Studie zu den Nürnberger Lokalrundfunktagen über "Nutzung und Wirkung von interaktiven Radioangeboten".

Weitere Ergebnisse der Studie:

  • Unabhängig vom Alter: 3 von 4 Hörern haben kein Interesse an einer Online-Community des Radiosenders.
  • Jeder zweite Radiohörer findet die Möglichkeit attraktiv, per Handy mit dem Sender zu interagieren.
  • Im Bereich der mobilen Informations- und Servicedienste wünschen sich die Befragten am meisten Wetter- und Verkehrsinfos, zusätzliche Informationen zur Musik und die Möglichkeit des Downloadens von Musik und Podcasts.
Musik, Informationen, Regionalität und Service sind die Kernkompetenzen des Radios. "Daran und an den Ansprüchen der Hörer hat sich nicht viel geändert", sagt Julia Schutz. "Aber die Kommunikationsbedürfnisse und ihre Kanäle sind im Wandel: Mobile Kommunikatiosmittel möchten Hörer nutzen können für schnelle Tipps zu Musik und Service, das Internet ist ideal für die soziale Interaktion wie Hörertipps oder Studiomail." Erstaunlich findet die Autorin der Studie, dass das Medium Radio, das den Menschen am nächsten sei, die geringste Kontaktebene mit seinen Hörern habe. Was sich unter anderem darin äußere, dass 80% der Befragten bisher bei keinem Radiosender als Club- oder Premium-Mitglied registriert seien.

Der Hörer ist bereit zur interaktiven Kommunikation

Unterstützt wurde die Diplomarbeit von der "NEXT ID GmbH", Netzbetreiber und Mehrwertdienstespezialist. Jürgen Wachter ist Leiter Cross Media Sales bei dem Unternehmen, das sich als führender Anbieter von interaktiven Kommunikationslösungen versteht. Mit einem Vorurteil möchte Wachter gerne aufräumen: "Immer wieder hören wir von den Radiostationen, wenn es um die Integration von Mobile Services geht, dass die Zielgruppe noch nicht so weit sei. Dies kann man ganz klar verneinen. Der Hörer ist bereit, verstärkt über mobile Services mit dem Sender zu kommunizieren."

Der Hörer mag bereit sein, viele private Sender sind es noch nicht. Dieses Fazit zieht Julia Schutz aus zahlreichen Gesprächen mit Senderverantwortlichen im Rahmen ihrer empirischen Fragebogenerhebung: "Ich glaube, die Sender trauen sich noch zu wenig und müssen deutlich mutiger sein als bisher, neue Geschäftsmodelle und Konzepte zu entwickeln. Und zwar solche Konzepte, die nicht nur die Wirtschaftlichkeit der Sender unterstützen, sondern auch die Programmattraktivität erhöhen." Neben der Angst und dem fehlenden Mut für Neues steht vielleicht noch ein größeres Problem im Raum: das fehlende Personal. In Zeiten sinkender Werbeeinnahmen fehlt das Budget, um neue Stellen zu schaffen für innovative Elemente wie Interaktivität oder konsequent betriebenes Kundenbeziehungsmanagement. So dürfte es noch eine Weile dauern, bis die Hörer selbst entscheiden können, ob sie über traditionelle oder moderne Kommunikationsmöglichkeiten mit ihrem Sender in Kontakt treten wollen.

Eine Veröffentlichung der Studie ist für den Herbst 2009 geplant.


 
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