Skala auf einem Transistorradio

Volontariat. Und dann?


21.12.2011
Martin Giesler ist Volontär in schweren Zeiten - glaubt man Stefan Plöchinger, Chefredakteur beim Onlineableger der Süddeutschen Zeitung. "Journalismus wird gerade neu erfunden in dem Sinne, dass das neue digitale Multimedium (Internet) allen anderen Medien veränderte Aufgaben zuweist, und zwar ohne dass das Finanzielle geklärt wäre - das ist so, Ende. Es hilft nicht, über das Problem zu klagen", schreibt Plöchinger und rät jungen Journalisten, nie bequem zu werden und die neuen Möglichkeiten zu umarmen. Giesler liebt seinen Beruf und weiß schon heute, dass er später einmal sagen wird: "Die Ausbildung ist intensiv, facettenreich und die beste Zeit meines Lebens." Was aber folgt auf die Ausbildung? Der junge Journalist hat erfahrene Kollegen befragt, wie sie sich die Zukunft heute nach einem Volontariat vorstellen.

Martin GieslerMartin Giesler
Alle sprechen von diesem neuen Journalismus. Kuratieren, twittern, Daten visualisieren, bei Google+ und Facebook öffentliche Profile haben, bei WordPress oder Tumblr bloggen - all das gehört zum neuen Werkzeugkasten eines frisch gebackenen Redakteurs. Doch ist das wirklich so?

Verwundert stellen Coaches oder Redakteure in Ausbildungsseminaren fest, dass die meisten Volontäre weder twittern noch einen Facebook-Account nutzen - zumindest lässt sich das immer wieder bei Twitter lesen. Warum auch? Geht es nicht in erster Linie um die Inhalte? Sind die ganzen Apps, Netzwerke und Blog-Tools nicht einfach nur Mittel zum Zweck, manchmal gar Selbstzweck?

Ich absolviere gerade ein Volontariat und lebe damit einen Traum: Die Ausbildung ist intensiv, facettenreich und die beste Zeit meines Lebens. Ich beschäftige mich inhaltlich in erster Linie mit Politik, Wirtschaft und Internetthemen. Neben der Ausbildung blogge ich privat bei Twitter und WordPress, nutze Instagr.am und Tumblr, checke mit dem iPhone ein, versuche mich an Storify und überhaupt: Online ist kein Zeitvertreib, sondern ein Teil des Lebens geworden. Nicht zuletzt verfolge ich intensiv die Debatten über den Medienwandel.

Was aber soll mit Blick auf diesen Medienwandel folgen, wenn ich die Ausbildung absolviert habe? Wie soll ich als frisch gebackener Redakteur die ganzen Dienste sinnvoll nutzen? Was ist der Mehrwert für den Zuschauer, für den Leser, für mich? Was sind die Themen, auf die ich mich stürzen sollte? Wie sieht mein Arbeitsplatz aus? Was charakterisiert mein Berufsbild? Die Palette an Tools, Themen und Chancen scheint unendlich.

Genau deshalb habe ich einfach mal bei verschiedenen Chefredakteuren und Medienmachern nachgefragt, was sie machen würden, wenn sie jetzt ihr Volo beenden würden. Es geht um das Bauchgefühl derer, die sich berufsbedingt tagtäglich mit den Chancen, Risiken und Nebenwirkungen des medialen Wandels auseinandersetzen. Es geht dabei nicht um persönliche Tipps für meine weitere Zukunft, sondern um eine öffentliche Diskussion darüber, was junge Redakteure heute leisten können, müssen, wollen und sollen. Die erste Runde meiner Serie startet heute mit Christian Jakubetz und Stefan Plöchinger.


Christian JakubetzChristian Jakubetz

Christian Jakubetz: "Kein Redaktionsbeamtendasein!"



Der Journalist, Dozent und Buchautor Christian Jakubetz ist seit Jahren im Internet zuhause. Er schreibt auf »Jakblog.de« seine digitalen Anmerkungen auf. Auf »tribuenenblog.abendzeitung.de« bloggt Jakubetz über die Fußballwelt. Auf Twitter ist er unter »@cjakubetz« zu erreichen. Sein Buch »"Crossmedia"« (UVK-Verlag) ist 2011 in 2. Auflage erschienen. Als Herausgeber hatte er die Federführung beim Buchprojekt »"Universalcode"«.

Christian Jakubetz: Mein Bauchgefühl sagt mir: Das ist jetzt gerade die ideale Zeit, um sein eigenes Ding zu machen. Bevor Sie mich fragen: Nein, ich weiß nicht, wie das aussehen soll. Und ich denke, dass das von Fall zu Fall verschieden sein wird. Ich bin mir aber sicher, dass es in einem Zeitalter, in dem plötzlich wir als Journalisten auch die Produktionsmittel in die Hand bekommen, Potentiale da sind, von denen wir noch gar nicht wissen, wie groß sie sind. Bücher machen, eigene Webseiten rausbringen, Videos, Audios produzieren, all das können wir plötzlich. Ich würde mich auf gar keinen Fall darauf fixieren, irgendwo unter dem Dach eines Senders oder eines Verlags unterzukommen. Klar, die Frage ist: Welches Geschäftsmodell? Wie finanziere ich das? Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sich diese Fragen beantworten lassen. Es wird sich zeigen. Probieren, machen, Spaß haben – wenn ich jetzt am Ende eines Volontariats stünde, wäre das meine Maxime für die nächsten Jahre. Redaktionsbeamter kann ich danach immer noch werden.

Stefan PlöchingerStefan Plöchinger

Stefan Plöchinger: "Newsblogger werden!"



Stefan Plöchinger ist Chefredakteur von »sueddeutsche.de« und bei Google+ und Twitter »(@ploechinger«) unterwegs. Er bloggt auf »Tumblr«. "Lehren aus der Revolution" lautet sein interessanter Beitrag zur journalistischen Zukunftsvision bei »"Vocer - Voice of the critical media".« Stefan Plöchinger ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule.

Stefan Plöchinger: "Mögest Du in interessanten Zeiten leben" - angeblich ist das ein chinesischer Fluch, aber wir Journalisten leben in der Regel gut von solchen Zeiten. Zumindest solange der Journalismus noch lebt, denn auch für ihn sind die Zeiten gerade interessant. Wenn ich heute ein Volontariat abschließen würde, gäbe es für mich nichts Interessanteres, als im Epizentrum der Medienrevolution zu arbeiten. Natürlich würde ich bei einem der großen Nachrichtenportale anheuern wollen.

Das war schon so, als ich vor zehn Jahren meine Ausbildung abgeschlossen habe, und seitdem ist das Internet ein noch interessanterer Ort geworden.Wir erfinden gerade die interaktive, vernetzte Publizistik in einem einzigartigen Multi-Medium namens Internet. Zumindest, wenn uns die Verlage die Ressourcen dafür geben. Wir recherchieren und schreiben natürlich auch noch - aber eigentlich entdecken wir den Journalismus neu, weil uns die neueste unserer journalistischen Plattformen ungekannte und ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Alle paar Jahre, manchmal auch über Nacht, muss unsere Handwerkszunft ein neues Werkzeug bedienen lernen; vor ein paar Jahren etwa gab es kein Facebook als Plattform, kein Twitter, schon gar kein Google+. Was für interessante Zeiten für Neugierige! (Wie Volontäre hoffentlich sind, denn sie haben noch ein paar Jahrzehnte in einer digital geprägten Journalistenwelt vor sich.)

Ich würde Newsblogger werden wollen, wenn ich jetzt mit meiner Ausbildung fertig wäre und die Chance dazu bekäme. Aus ein paar Agenturmeldungen den üblichen 5000 Zeichen-Text zu machen, das fände ich wahrscheinlich langfristig langweilig. Im Netz nach "hot stuff" zu suchen, nach Themen, die gerade hochkommen, die noch kein Anderer hat und über die die Welt redet, und zwar zuerst die digitale Welt - das ist ein Traumjob, wie ihn in Deutschland noch keiner hat. Kurz und knackig kuratieren, sich wie ein Fisch im Wasser verlinken mit dem Kommunikations- und Informationsraum Internet: Das ist Nachrichtenjournalismus der neuen Art, und ich möchte ihn miterfinden.

Ich möchte in interessanten Zeiten leben.


(Der Text erschien im Original auf dem privaten Weblog »120sekunden.com« von Martin Giesler und ist der Beginn einer Serie über "Chancen, Risiken und Nebenwirkungen für frische Redakteure". Demnächst werden Statements weiterer Chefredakteure und Medienmacher folgen.)



 

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