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Triebkräfte

Umwelt als Wanderungsfaktor

Dr. Steffen Angenendt
Vor dem Hintergrund der politischen Debatte über den Klimawandel wirdzunehmend vor Klima- und Umweltflüchtlingen gewarnt.
Zerstörungen nach der Tsunami-Katastrophe im Norden von Sri Lanka, © UNHCR/M.Sivanesan
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Zerstörungen nach der Tsunami-Katastrophe im Norden von Sri Lanka
© UNHCR/M.Sivanesan

Inzwischen ist die Auffassung weit verbreitet, dass zwischen Klimawandel und Migration ein direkter Zusammenhang besteht. Klimabedingte Massenwanderungen werden als ein künftiges nationales und internationales Sicherheitsrisiko betrachtet. Einige Studien erwarten, dass in den kommenden Jahrzehnten Hunderte Millionen Menschen ihre Heimatgebiete wegen des Klimawandels verlassen müssen, und dass diese Wanderungsbewegungen neue inner- und zwischenstaatliche Konflikte auslösen werden.

Die wissenschaftliche Debatte über diese Zusammenhänge beruht auf zwei unterschiedlichen Modellen, die in ihren Grundzügen bereits in den 1980er Jahren entwickelt wurden. Das erste Modell stellt einen direkten Zusammenhang zwischen Klimawandel bzw. Umweltveränderungen und Migration her: Die Umweltveränderungen (gelegentlich auch als „Umweltstress“ bezeichnet) führt in Region A zu Wanderungen, diese verursachen dann in Region B Konflikte. Das zweite Modell fügt einen Zwischenschritt ein und geht davon aus, dass der Klimawandel einen Konflikt in Region A auslöst, vor dem dann Menschen in die Region B fliehen, was dort wiederum Konflikte verursacht.

Diese beiden Modelle werden auch in der aktuellen Debatte verwendet. Die neuen Erklärungsansätze sind komplexer, stimmen aber in den Folgerungen weitgehend überein. Sie stellen fest, dass kein direkter Zusammenhang zwischen Umweltveränderungen und gewalthaltigen Konflikten nachgewiesen werden kann, dass aber indirekte Wirkungen zu erkennen sind, die sich aus dem Zusammenspiel mit anderen Faktoren ergeben. Hierzu gehören zum Beispiel schlechte wirtschaftliche Bedingungen, Regierungsversagen oder fehlende Mechanismen zur Konfliktregulierung. Migration spielt dabei eine vermittelnde oder intermediäre Rolle.

Erklärungsmodell zu Umweltveränderungen und sozialen Konflikten

Ein besonders gut geeignetes Erklärungsmodell hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen vorgelegt. Die Forscher identifizieren eine Reihe von globalen Umweltveränderungen („Syndrome“), die jeweils möglicherweise konfliktträchtig sind. Daraus entwickeln sie für bestimmte Weltgebiete Aussagen über den Zusammenhang von sozialen Konflikten, ländlicher Armut und abnehmenden Erträgen, beispielsweise für die Sahel-Zone. Ausgangspunkt des Modells sind starke Umweltveränderungen, welche die Lebensbedingungen im betreffenden Gebiet so verschlechtern, dass die Menschen zur Abwanderung veranlasst werden. Die erste Frage lautet, wie diese Abwanderungsentscheidung zustande kommt. Diese wird nicht nur von individuellen Merkmalen wie dem Alter, dem Bildungsgrad, der Migrationserfahrung und der Verfügbarkeit von Netzwerken beeinflusst, sondern auch durch äußere Rahmenbedingungen, insbesondere durch die Anfälligkeit der Menschen für Umweltveränderungen, die Funktionsfähigkeit von lokalen und nationalen Institutionen und durch bereits ausgebrochene Konflikte.

Die zweite Frage des Modells lautet, unter welchen Bedingungen sich aus der umweltbedingten Abwanderung Konflikte in der Zielregion ergeben. Hierzu werden sechs Faktoren identifiziert: die demographische Entwicklung und die Verfügbarkeit von Ressourcen, die Veränderung ethnischer Strukturen, die Existenz von Diasporas und Netzwerke, die Reaktionen des Aufnahmelandes sowie dessen Handlungsfähigkeit und politische Stabilität.

An Hand dieser Modelle wird deutlich, dass Umweltveränderungen unter bestimmten Umständen durchaus einen eigenständigen wanderungsauslösenden Faktor darstellen können. Der inflationär verwendete Begriff „Klimaflüchtling“ sollte aber gerade mit Blick auf die künftig zu entwickelnden internationalen Regelungen zum Umgang mit diesen Menschen nur sehr zurückhaltend verwendet werden. Er sollte nur auf diejenigen angewendet werden, die unmittelbar durch die Folgen des Klimawandels zur Migration veranlasst werden, also durch Extremwetterereignisse wie Dürren und Überschwemmungen und durch einen Anstieg des Meeresspiegels. Zu erwarten ist, dass es sich bei diesen Wanderungen vor allem um regionale Wanderungen handeln wird. Gleichwohl können sie zu Destabilisierung führen, da sie hauptsächlich in Entwicklungsländern stattfinden werden, die mit der Bewältigung der Folgen überfordert sind.


01. Juni 2009


 
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