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Spezial: Artenvielfalt

Artenvielfalt: Bedeutung und Begriffsklärung


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Bruno Streit
Artenvielfalt und Biodiversität

Artenvielfalt, Biodiversität - beides Begriffe, die seit der Konferenz zur Biologischen Vielfalt im Mai 2008 immer wieder zu lesen sind. Doch was bedeuten diese genau und worin unterscheiden sie sich?

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Gorillas gehören zu den bedrohten Tierarten. Foto: AP
Die Artenvielfalt ist ein Teilaspekt der biologischen Vielfalt (Biodiversität). Unter Biodiversität versteht man außerdem die genetische Vielfalt innerhalb und zwischen Arten sowie die Vielfalt der Ökosysteme und Landschaftsregionen. Ferner zählt hierzu auch die Vielfalt an Funktionen, die Arten innerhalb der Ökosysteme füreinander erfüllen und über die sie in Wechselwirkung stehen.

Die heutige biologische Vielfalt hat sich allmählich im Laufe der Erdgeschichte entwickelt. Sie hat zu artenreichen und hochkomplexen Ökosystemen auf dem Festland und in den Weltmeeren geführt. Sterben Arten aus, gibt es Verschiebungen oder auch Ausfälle in den Funktionen innerhalb des jeweiligen Systems. Vielfach ist es nicht möglich, für eine bestimmte Art vorherzusehen, ob ihr Verschwinden große oder kleine Veränderungen bewirken würde. Ein möglichst umfassender Schutz der gesamten Artenvielfalt ist daher ein Gebot im Sinne einer Vorsorgemaßnahme für die intakte und lebenswerte Umwelt. Er ist zugleich eine Verpflichtung gegenüber unseren eigenen Nachfolgegenerationen.

Zur Person
Bruno Streit
geb. 1948, Professor für Ökologie und Evolution am Fachbereich Biowissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Arbeitsschwerpunkte: Süßwasserökologie, Allgemeine Ökologie und Biodiversität, Evolutionsökologie und Humanökologie. Er ist derzeit auch Sprecher von BioFrankfurt, dem Netzwerk für Biodiversität, und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Ökologie, Evolution und Diversität.

Wie misst man Artenvielfalt?

Umgangssprachlich versteht man unter Artenvielfalt meist vereinfacht die Gesamtzahl an Arten, die in einem Gebiet vorkommen. Doch auch die relative Zahl ist von Bedeutung und wird mathematisch erfasst: Wenn in einer Region gerade eine Art außerordentlich häufig ist, die Mehrzahl der übrigen Arten aber nur noch vereinzelt vorkommen, bezeichnet man die Artenvielfalt als kleiner, als wenn alle Arten in etwa gleicher Häufigkeit auftreten. Artenvielfalt ist demzufolge eine statistische Größe, die sich aus der Informationstheorie ableitet und die relative Häufigkeit der Arten berücksichtigt, also die Wahrscheinlichkeit des Antreffens einer bestimmten Art.

Welche Bedeutung hat Artenvielfalt für die Menschheit?

Den Kulturen und Zivilisationen der Vergangenheit war noch stärker bewusst, wie wichtig für sie die Natur mit ihrer Artenvielfalt ist. Die verschiedenen Arten der Pflanzen und Tiere waren zusammen mit Wasser, Gesteinen und Böden die Grundlage für Materialien, aus denen Hütten, Kleidung oder Waffen gefertigt oder Heil- und Nahrungsmittel gewonnen wurden. Dabei ermöglichte erst die Vielzahl der Arten die oft differenzierten Techniken und deren Weiterentwicklungen.

Pfeil und Bogen können die Bedeutung der Artenvielfalt veranschaulichen: Für die Pfeile verwendete der Mensch im Europa der Jungsteinzeit die Schösslinge des Wolligen Schneeballs, als Schaftmaterial eignete sich hier die Esche gut. Für die im Bogen verwendeten Hölzer bevorzugte man je nach Kultur Ahorn, Birke, Eibe, Kornelkirsche oder Maulbeerbaum. Die ebenfalls benötigten Leime stammten häufig aus Schwimmblasen des Störs, einer Fischart, die in Mitteleuropa heute ausgestorben ist.

Auch das Repertoir an Haushaltsgegenständen sowie an Nahrungs-, Genuss- und Heilmitteln setzte sich aus unterschiedlichen Spezies der jeweiligen regionalen Artenvielfalt zusammen. Später wurden Vieh- und Landwirtschaft sowie Kräutergärten eingeführt und domestizierte Rassen sowie spezielle Pflanzensorten gezüchtet. Allein zu Ernährungszwecken hat der Mensch weltweit rund 7.000 Arten an Pflanzen genutzt; rund 50.000 Arten hatten und haben vielfach noch eine Funktion als Heil- oder Nahrungsmittel.

In jüngerer Zeit dienen viele Arten des Tier-, Pflanzen- und Mikroorganismenreichs als Vorlagen für neuartige Techniken und Konstruktionen. Beispiele sind die Bionik, bei der man versucht, Funktionsweisen der Natur für technische Lösungen zu kopieren, oder die Entwicklung neuartiger Arzneistoffe. Die "Große Klette" etwa war Vorbild für die Klettverschlüsse, und aus der Schuppenhaut gewisser Haie hat man Anregungen für energiesparende Flug- und Schwimmhäute gewonnen.


06. August 2008

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