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Energiepolitische Debatten

Ausstieg hat auch negative Auswirkungen

Sechs Fragen an Johannes Teyssen
 
Teyssen
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Dr. Johannes Teyssen
Die Konzentration von Kohlendioxid in der Erdatmosphäre nimmt stetig zu und heizt das Klima an. Ist die Atomkraft ein möglicher Klimaretter? Wie umweltschonend ist die Nuklearenergie?

2007 hat die Nutzung der Kernenergie weltweit 2,4 Mrd. Tonnen CO2 vermieden, bei einem gesamten CO2-Ausstoß der Stromerzeugung von 8 Mrd. Selbst bei Betrachtung des kompletten Lebenszyklus, liegen die Treibhausgasemissionen bei Kernenergie zwischen 5 bis 33 Gramm CO2-Äquivalent je Kilowattstunde; fossile Energieträger weisen hier Werte von 399 bis 1.231 Gramm auf. Die Kernenergie trägt also erheblich zu einer klimaverträglichen Stromversorgung bei. Sie ist zwar nicht "der" Klimaretter, sie ist aber mittelfristig Teil der Lösung und nicht des Problems. Nur ein breiter Energiemix sichert eine nachhaltige Versorgung, d.h. eine Kombination CO2-freier Energien wie Kernenergie, Wasser, Wind und Biomasse mit den übrigen fossilen Energien. Greenpeacemitgründer Dr. Patrick Moore bringt es auf den Punkt: "Ich habe erkannt, dass die Kernenergie gemeinsam mit einer verstärkten Konzentration auf Erneuerbare Energien unverzichtbar ist, wenn es darum geht, in Zukunft eine umweltverträgliche Stromerzeugung [...] bereit zu stellen."

Deutschland ist von Gas- und Ölexporten aus dem Ausland abhängig. Inwiefern bietet die Atomkraft ein Plus an Versorgungssicherheit?

Bei Gas beträgt die Importabhängigkeit rund 85 Prozent, bei Öl weit über 90. Bei Gas, wo E.ON durch E.ON Ruhrgas aktiv ist, setzen wir verstärkt auf eine Diversifizierung der Lieferländer, -quellen und -wege. Die Internationale Energieagentur geht von einer Steigerung des Primärenergieverbrauchs von 50 Prozent bis 2030 aus. Das bedeutet, dass viele Staaten verstärkt fossile Energieträger importieren müssen. Dies kann durch Kernenergie kompensiert werden. Die Reichweiten von Uran werden nach heutigem Kenntnisstand noch mindestens 200 Jahre betragen, und dank der ständigen technologischen Weiterentwicklung dürfte noch eine deutlich größere Reichweite zu erwarten sein. Während sich die Erdöl- und Erdgasreserven auf eher unruhige Regionen konzentrieren, kommt Uran nahezu überall auf der Welt vor. Versorgungssicherheit hat zudem noch die Komponente einer sicheren Versorgung. Hier sind deutsche Kernkraftwerke seit Jahren im internationalen Vergleich bei Zuverlässigkeit, Verfügbarkeit und Leitungsfähigkeit an der Spitze.

Zur Person
Dr. Johannes Teyssen
Dr. Johannes Teyssen, geb. 1959, studierte Volkswirtschaftslehre und Rechtswissenschaft in Freiburg und Göttingen. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Vorstands und Chief Operating Officer (COO) der E.ON AG, Düsseldorf.

Zurzeit wird der Klimaschutz ebenso diskutiert wie die Energiesicherheit. Noch dazu sehen sich Privathaushalte und die Industrie steigenden Strompreisen ausgeliefert. Findet vor diesem Hintergrund möglicherweise ein gesellschaftliches Umdenken zugunsten der Atomenergie statt?

Der positive Stimmungswandel pro Kernenergie ist schon seit einiger Zeit festzustellen. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid befürworten inzwischen 52 Prozent der Bevölkerung eine Verlängerung der Laufzeiten über das Jahr 2021 hinaus. In der Wirtschaft ist die Akzeptanz noch größer. So informierte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag im August 2008, dass 78,1 Prozent der deutschen Unternehmen längere Laufzeiten für sinnvoll halten.

Ursachen für diese Stimmung pro Kernenergie gibt es viele: neben den bereits beschriebenen Klimaschutz- und Versorgungssicherheitsaspekten spielt auch die Befürchtung eine große Rolle, dass Deutschland mit dem Ausstiegsbeschluss sowohl in Europa als auch weltweit isoliert ist. Auch die Preiseffekte sind nicht zu vernachlässigen: So kann die Laufzeitverlängerung kurz- bis mittelfristig nach verschiedenen Gutachten den Strompreisanstieg um bis zu 10 Prozent dämpfen und der Volkswirtschaft bis zu 4 Mrd. Euro jährlich sparen.

Im Jahr 2000 wurde der Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen. Nun werden teils längere Restlaufzeiten für Atomkraftwerke gefordert. Ist das eine annehmbare Übergangslösung, oder besteht die Gefahr, dass damit der Konsens über die Befristung nuklearer Stromerzeugung gekippt werden könnte?

Um eines von vornherein klarzustellen: Die Energiewirtschaft hält sich an die Vereinbarung mit der Bundesregierung. Wie die Politik ist sie aber verpflichtet, ständig weiterzudenken und Veränderungen bewusst zu machen. Es ist doch nicht von der Hand zu weisen, dass sich die Rahmenbedingungen seit der Vereinbarung grundlegend geändert haben. So etwa die ambitionierten Klimaziele, die laut Europäischer Kommission ohne Kernenergie nicht umsetzbar sind. Die Entwicklung des Ölpreises, die die Risiken der Importabhängigkeit bewusst macht. Auch ist kein realistischer Ersatz der Kernenergie erkennbar: Erneuerbare Energien sind weit überwiegend nicht grundlastfähig. Kohle ist klimapolitisch umstritten, und die CCS-Technologie allenfalls nach 2020 effektiv verfügbar. Es bleibt nur Gas mit seinen Preisrisiken und der hohen Importabhängigkeit. Deshalb muss eine verantwortungsvolle Energiepolitik die Kernenergie neu bewerten, und daher werben wir im Dialog mit Politik und Öffentlichkeit für die Rücknahme der Laufzeitverkürzung deutscher Kernkraftwerke.

In der Diskussion um Atomkraft ist die Frage der Endlagerung der Uran-Abfälle von zentraler Bedeutung. Gibt es eine sichere Endlagerung, und gibt es eine langfristige Lösung in Deutschland?

Zweifellos ist die Endlagerung ein wichtiges Thema. In der Diskussion wird aber häufig übersehen, dass die Frage der Endlagerung gelöst werden muss, unabhängig davon wie lange wir in Deutschland die Kernenergie noch nutzen werden. Alle bisher durchgeführten Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass sicherheitstechnisch und methodisch-konzeptionell nichts gegen den Salzstock Gorleben als Endlager für wärmeentwickelnde Abfälle (hochradioaktiv) spricht. Es ist daher bedauerlich, dass das Gorleben-Moratorium immer noch steht, obwohl alle Voraussetzungen für seine Aufhebung gegeben sind. Für nicht wärmeentwickelnde Abfälle (schwach- und mittelradioaktiv) sind Endlager in den meisten Ländern, die Kernenergie nutzen, zum Teil seit Jahrzehnten erfolgreich in Betrieb. In Deutschland gibt es am Standort Konrad ein genehmigtes Endlager. Anfang 2008 hat die zuständige Behörde den Hauptbetriebsplan für die Errichtung des Endlagers zugelassen und die Arbeiten für den Ausbau wurden begonnen.

Die Kernenergietechnologie findet weltweit weiterhin Anklang. Japan oder auch Indien bauen derzeit ihren Atomkraftsektor aus. Verliert Deutschland mit seinem Ausstieg aus der Kernenergietechnologie an Ansehen als Industriestandort?

In der Tat zeigt sich, dass die Kernenergie für viele Länder eine wichtige Option im zukünftigen Energiemix darstellt. Dies hat zuletzt der G8-Gipfel im japanischen Toyako sehr deutlich gemacht. Dabei ist der Trend zur Kernenergie nicht auf einzelne Regionen beschränkt. Zubau und Planungen gibt es sowohl im asiatischen Raum als auch in den USA und Russland. Aber auch die EU setzt auf Kernenergie als wichtige Zukunftsoption. Das 2007 verabschiedete Grünbuch "Eine Energiepolitik für Europa" enthält ein klares Plädoyer für die Kernenergie. Viele Mitgliedstaaten handeln entsprechend.

Der Ausstieg hat auch negative Auswirkungen auf das Ansehen des Industriestandorts Deutschland. Technik "made in Germany" hat weltweit noch immer einen sehr guten Ruf, auch Kerntechnik. Das von der rot-grünen Regierung verhängte Forschungsverbot bei der Reaktorneuentwicklung ist ein Beispiel dafür, dass eine Politik der Denkverbote, Chancen für die Zukunftsfähigkeit der Technologie- und Industrienation Deutschland verspielt.

Die Fragen stellte Sonja Ernst


06. Oktober 2008

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