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Energiepolitische Debatten
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Renaissance der Atomkraft ist bloße Rhetorik |  |
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Sechs Fragen an Robert Werner |
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Die Konzentration von Kohlendioxid in der Erdatmosphäre nimmt stetig zu und heizt das Klima an. Ist die Atomkraft ein möglicher Klimaretter? Wie umweltschonend ist die Nuklarenergie?
Atomkraft ist nicht klimaneutral und schon gar nicht umweltfreundlich. Inklusive Bau, Betrieb und Brennstab-Herstellung verursachen Atomkraftwerke rund 60 Gramm CO2 je erzeugter Kilowattstunde Strom. Zwar stoßen Kohlekraftwerke noch mehr CO2 aus, doch um einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, müssten bis zum Jahr 2050 weltweit 1.300 neue AKWs entstehen. Derzeit sind 439 Meiler in Betrieb. Ein solcher massiver Ausbau wäre unbezahlbar, im Hinblick auf die Atombomben-Problematik unverantwortbar und bei der betroffenen Bevölkerung nicht durchsetzbar. Der relative Klimavorteil im Vergleich zu Kohle wiegt die schwerwiegenden Umweltprobleme bei Uranabbau und Atommüllentsorgung nicht auf. Weltweit gibt es kein sicheres Endlager für Atommüll. Die Berge von Atommüll werden unsere Nachkommen noch über Jahrhunderte gefährden.
Deutschland ist von Gas- und Ölexporten aus dem Ausland abhängig. Inwiefern bietet die Atomkraft ein Plus an Versorgungssicherheit?
Sämtliches Uran für die Atomkraftwerke in Deutschland muss importiert werden – aus Kanada, Russland, Australien, Namibia und Kasachstan. Die Versorgungssicherheit wird durch mehr Atomkraft durch ein ganz anderes Problem geschwächt: Knowhow und ausreichend qualifiziertes Personal. Schon jetzt können in Europa maximal zwei Reaktoren gleichzeitig gebaut werden, weil nicht mehr Ingenieure für Atomkraftwerke zur Verfügung stehen. Auch für den Betrieb und erst recht für den Rückbau und die Entsorgung würden die notwendigen Ingenieure fehlen, was am Ende ein großes Sicherheitsrisiko darstellt.
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Zur Person |
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Robert Werner Robert Werner, 40, ist seit 2001 Vorstandsmitglied der Greenpeace Energy eG. Zuvor arbeitete er für eine Unternehmensberatung und für die Umweltorganisation Greenpeace e.V. Die 1999 gegründete Genossenschaft Greenpeace Energy versorgt inzwischen deutschlandweit 85.000 Kunden mit Ökostrom und investiert zudem in den Bau umweltfreundlicher Kraftwerke.
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 |  | Zurzeit wird der Klimaschutz ebenso diskutiert wie die Energiesicherheit. Noch dazu sehen sich Privathaushalte und die Industrie steigenden Strompreisen ausgeliefert. Findet vor diesem Hintergrund möglicherweise ein gesellschaftliches Umdenken zugunsten der Atomenergie statt?
Wenn dank Atomkraft die Strompreise sinken würden – warum sind sie dann jetzt so hoch, obwohl doch der Atomausstieg noch gar nicht richtig angefangen hat? Alle ernsthaften Untersuchungen zeigen, dass der Weiterbetrieb der AKWs nicht zu niedrigeren Strompreisen führen würde, sondern bloß zu höheren Gewinnen für die Betreiber. Nach Berechnungen des Öko-Institutes ermöglicht eine Laufzeitverlängerung von acht Jahren den Konzernen Gewinnmitnahmen in der Größenordnung von 66 bis 84 Milliarden Euro. Das ist auch der Grund für die unsachliche PR-Kampagne, die wir derzeit erleben: Mit dem windigen Versprechen, dass der Strom vielleicht irgendwie billiger werde, soll den Bürgern das Nein zur Atomkraft abgekauft werden. Ich glaube nicht, dass sich die Leute mit solchen Tricks auf Dauer hinters Licht führen lassen.
Im Jahr 2000 wurde der Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen. Nun werden teils längere Restlaufzeiten für Atomkraftwerke gefordert. Ist das eine annehmbare Übergangslösung, oder besteht die Gefahr, dass damit der Konsens über die Befristung nuklearer Stromerzeugung gekippt werden könnte?
Wegen der zahlreichen und schwerwiegenden Probleme, die Atomkraft nun mal mit sich bringt, ist ihre Zeit ohnehin längst abgelaufen. Deshalb wäre es äußerst unklug, den notwendigen Ausstieg noch länger hinauszuschieben, als der Atomkonsens von 2002 ohnehin erlaubt. Abgesehen davon, dass ein Weiterbetrieb nicht zum Nulltarif zu haben wäre, weil die AKWs sicherheitstechnisch nachgerüstet werden müssen: Längere AKW-Laufzeiten sind längere Gefahrenzeiten, sie bringen uns noch höhere Atommüll-Berge und behindern den Aufbau einer nachhaltigen Stromversorgung mit erneuerbaren Energien. Für letzteres brauchen wir Kraftwerke, die auf Veränderungen bei Stromnachfrage und -angebot schnell reagieren können. Dafür sind AKWs viel zu unflexibel.
In der Diskussion um Atomkraft ist die Frage der Endlagerung der Uran-Abfälle von zentraler Bedeutung. Gibt es eine sichere Endlagerung, und gibt es eine langfristige Lösung in Deutschland?
Das Endlager-Problem ist völlig ungelöst – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Die ganze Misere zeigte sich jüngst wieder beim Skandal um das undichte Lager Asse, wo – übrigens als offizieller Test für das geplante Endlager Gorleben – schwach- und mittelradioaktive Abfälle landen. Ergebnis des Tests: Die Fässer mit Atommüll rosten durch, verseuchtes Wasser schwappt durch den Salzstock, die Betreiber vertuschen, die Aufsicht versagt. Die Missstände sind eine Warnung für Gorleben, wo hochradioaktiver Atommüll für immer aufbewahrt werden soll. Angesichts solcher Missstände, für die keinerlei Lösung in Sicht ist, dennoch auf längere AKW-Laufzeiten setzen zu wollen, ist unverantwortlich.
Die Kernenergietechnologie findet weltweit weiterhin Anklang. Japan oder auch Indien bauen derzeit ihren Atomkraftsektor aus. Verliert Deutschland mit seinem Ausstieg aus der Kernenergietechnologie an Ansehen als Industriestandort?
Die angebliche Renaissance der Atomkraft ist bloße Rhetorik. In Wirklichkeit wurden seit 2002 weltweit fünf AKWs mehr stillgelegt als neu in Betrieb gingen. Und angesichts eines durchschnittlichen Alters der Reaktoren von 22 Jahren dürfte sich der Abschied von der Atomkraft zukünftig noch beschleunigen. Die Nukleartechnologie ist nicht nur die gefährlichste, sondern auch die teuerste Art der Stromerzeugung. Auf 7,5 Milliarden Euro Kosten schätzt das "Wall Street Journal" die Kosten für jedes neue AKW, das in den USA gebaut würde. Betreiber finden sich überhaupt nur, wenn sie die Gewinne behalten dürfen, Kosten und Risiken jedoch auf die Allgemeinheit abwälzen können. Als Industriestandort ist Deutschland klug beraten, stattdessen auf erneuerbare Energien zu setzen, die – anders als die Atomenergie – weltweit tatsächlich boomen. Erneuerbare Energien sind nicht nur umweltfreundlich und zukunftsfähig. Sie bieten Technikern gewaltiges Entwicklungspotential und den Unternehmen, die in sie investieren, großartige Gewinnmöglichkeiten.
Die Fragen stellte Sonja Ernst
06. Oktober 2008 |  |
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