Emma Maersk Klasse

Geldpolitik in der Praxis


19.2.2007
Zentralbanken beeinflussen durch ihre geldpolitischen Maßnahmen wesentliche wirtschaftliche Entscheidungen für das jeweilige Währungsgebiet. Am Anfang steht immer ein Zinsbeschluss. Welche Wirkungskette setzt das in Gang?

Zentralbanken beeinflussen durch ihre geldpolitischen Maßnahmen wesentliche wirtschaftliche Entscheidungen für das jeweilige Währungsgebiet. Darüber hinaus kann Geld, das
(© Mick Vincenz)
wir täglich verwenden und benötigen, nur von Zentralbanken geschaffen werden. Am Anfang der Geldpolitik steht immer ein Zinsbeschluss, der im Falle des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) nach Analyse realwirtschaftlicher Faktoren wie dem Wirtschaftswachstum und monetärer Faktoren wie der Geldmenge getroffen wird. Was passiert, wenn der EZB-Rat den Leitzins von 3,25% auf 3,50% erhöht?

Wirkung des Leitzinses



Zum Leitzins können sich Geschäftsbanken wöchentlich bei der Zentralbank Geld leihen. Ein höherer Leitzins bedeutet, dass sich die Geldaufnahme der Geschäftsbanken verteuert. Sie geben die Verteuerung an ihre Kunden weiter, indem sie höhere Zinsen für Bankkredite verlangen. Das wiederum verteuert die Güterherstellung und die Dienstleistungen. Mancher Bauherr verschiebt bei hohen Zinsen den geplanten Hausbau und mancher Autofahrer den Kauf eines neuen Fahrzeugs auf später. Wer liquide ist, legt nun sein Geld zu guten Zinsen langfristig an. Die Geldmenge wächst langsamer. Gleichzeitig lässt die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen in der Wirtschaft nach, was wiederum eine Verlangsamung des Preisanstiegs zur Folge hat. Hohe Zinsen führen also nicht zu einer Verstärkung, sondern im Gegenteil zu einer Abschwächung des Preisauftriebs. Umgekehrt sind Konsum- und Investitionsnachfrage um so höher, je niedriger die Zinssätze sind – unter sonst gleich bleibenden Bedingungen. Die Folge sind steigende Preise.

Dieser so genannte Zinskanal ist eine der Wirkungen des Leitzinses. Weiterer Effekt: Wenn die Zentralbank durch die Signalfunktion des Leitzinses die Inflationserwartungen auf einem niedrigen Niveau stabilisieren kann, dann dürften die langfristigen Zinsen niedrig sein. Beide Wirkungsketten tragen im Eurosystem dazu bei, dass vorrangige Ziel der Preisstabilität im Euro-Währungsgebiet zu erreichen.

Monopol auf Banknoten



Eine wichtige Voraussetzung für die Wirkungskette ist, dass die Zentralbank Monopolanbieter von Zentralbankgeld ist, d.h. Banknoten können nur über sie beschafft werden. Im Kern besteht die Geldpolitik der Zentralbanken also darin, den Geschäftsbanken Zentralbankguthaben zu bestimmten Preis- und/oder Mengenkonditionen zeitweise zur Verfügung zu stellen. Der Leitzins stellt in der Regel die Untergrenze für den Zinssatz dar, den die Banken an die Zentralbank für ihre Geldaufnahme, d.h. die Zentralbankguthaben, zahlen. Bedingt durch das Vergabeverfahren liegt der Satz meist etwas höher. Bei der EZB ist mit dem Leitzins der Mindestbietungssatz für wöchentliche Hauptrefinanzierungsgeschäfte gemeint.

Banken benötigen Zentralbankguthaben, da sich die Kunden jederzeit einen Teil ihrer Einlagen in Bargeld auszahlen lassen können. Wenn eine Geschäftsbank Banknoten für ihre Geldautomaten, z.B. von einer Filiale der Deutschen Bundesbank abholt, wird ihr dort geführtes Zentralbank-Konto belastet. Das Volumen der gesamten am Geldmarkt verfügbaren Zentralbankguthaben ist so bemessen, dass die Geschäftsbanken Zahlungen ausführen und ihre Mindestreservepflicht reibungslos erfüllen können. Die Mindestreserve ist dabei ein geldpolitisches Instrument der Zentralbanken zur Steuerung der Nachfrage der Geschäftsbanken nach Zentralbankgeld. Die Zentralbank verpflichtet die Banken dazu, einen Teil der Einlagen ihrer Kunden auf das Konto bei der Zentralbank einzuzahlen, so dass es nicht an andere Kunden weiterverliehen werden kann. [Hinweis: Die Menge der Zentralbankguthaben errechnet sich aus der konsolidierten Bilanz der Zentralbanken des Eurosystems und ist nicht mit der Geldmenge aus der monetären Analyse zu verwechseln, die sich auch auf Bilanzpositionen der Geschäftsbanken bezieht.]

Umsetzung der Geldpolitik des Eurosystems



Eine Zentralbank kann die Preise nicht direkt beeinflussen. Auch kann sie nicht direkt auf die Kapitalmarktzinsen Einfluss nehmen, da diese das Ergebnis von Angebot und Nachfrage sind. Die Zentralbank geht daher einen Umweg, indem sie die Leihmöglichkeiten der Geschäftsbanken bei der Zentralbank steuert. Das Eurosystem führt hierzu geldpolitische Geschäfte mit den Geschäftsbanken durch. Die Deutsche Bundesbank übernimmt diese operativen Aufgaben für die Banken in Deutschland.

Zur Umsetzung der Geldpolitik braucht man ein operationales Ziel. Die meisten der rund 160 Zentralbanken in der Welt, so auch die amerikanische US-Notenbank FED und die EZB, haben dafür den Tagesgeldsatz am Interbanken-Geldmarkt gewählt. Dieser Satz und die Erwartung von dessen zukünftiger Entwicklung sind ein zentraler Indikator für den Stand der Geldpolitik. Im Euro-Währungsgebiet heißt der Referenzzinsatz für Tagesgeld EONIA. Die Abkürzung steht für Euro OverNight Index Average. Er wird täglich ermittelt und publiziert, so dass die Zentralbank via Tageszins auch zwischen den Zentralbank-Sitzungen mit möglichen Zinsbeschlüssen den geldpolitischen Kurs signalisieren kann. Der Geldmarkt ist das zentrale Operationsfeld für die geldpolitischen Maßnahmen des Eurosystems.

Stabiler Tageszins



Die Grafik zeigt, dass der Tageszins EONIA über einen langen Zeitraum
Zentralbankzinsen und TagesgeldsätzeZentralbankzinsen und Tagesgeldsätze (© bpb.de)
und selbst im Umfeld von Zinsänderungen meist in der Nähe des Leitzinses lag. Das Eurosystem hat also das operationale Ziel treffsicher angesteuert. Die Zinsen für Übernachtkredite und –einlagen mit der Zentralbank (Spitzenrefinanzierungsfazilität und Einlagefazilität) bilden dabei die Ober- und Untergrenze eines Korridors, in dem sich der Tageszins bewegt. Da die Zinssätze für die Fazilitäten deutlich über oder unter den Marktsätzen liegen, wird diese Form der Liquidität nur in Ausnahmefällen genutzt. Dank der Durchschnittserfüllung der Mindestreservepflicht werden Schwankungen des Tageszinses geglättet, d.h. eine Geschäftsbank kann niedrige Zentralbankguthaben mit hohen ausgleichen.

Geldpolitisches Instrument



Die Hauptrefinanzierungsgeschäfte sind das wichtigste geldpolitische Instrument des Eurosystems. Darüber wird dem Bankensystem jede Woche der Großteil der Liquidität bereit gestellt. Das waren im Euro-Währungsgebiet in 2006 durchschnittlich rund 300 Milliarden Euro pro Geschäft, d.h. die Banken insgesamt leihen sich täglich diese Summe von den nationalen Zentralbanken. Der Liquiditätsbedarf steigt vor allem wegen des kräftigen Wachstums des Banknotenumlaufs. Der Euro ist über die Grenzen des Eurosystems hinaus eine wichtige Währung und gewinnt auch in anderen Ländern zunehmend an Bedeutung als Wertaufbewahrungsmittel. In Deutschland werden über die Bundesbank rund 40% der Euro-Banknoten ausgegeben.

Damit das Volumen der Hauptrefinanzierungsgeschäfte richtig bemessen wird, schätzen EZB und nationale Notenbanken den Liquiditätsbedarf der Banken im Voraus. Dazu gehört auch die Schätzung der Entwicklung des Banknotenumlaufs. Stimmen Angebot und Nachfrage nach Liquidität überein, bleibt der Geldmarktzins nahe dem Leitzins.

Erfolgreiche operative Geldpolitik



Die Wirkungskette der Geldpolitik reicht von der Leitzinsentscheidung einer Zentralbank über das Finanz- und Bankensystem bis hin zur Auswirkung auf Unternehmen und Konsumenten im Allgemeinen und das angestrebte Ziel der Preisstabilität im Besonderen. Die Geschäftsbanken geben die Zinsen an ihre Kunden weiter. Der Zinssatz für Tagesgeld ist in den meisten Zentralbanken operationales Ziel und zugleich Ausgangspunkt der Renditekurve, denn entscheidend für Investitions- und Konsumentscheidungen sind in erster Linie die langfristigen Zinsen. Erfolgreiche Geldpolitik basiert vor allem darauf, dass die geldpolitischen Instrumente ein in sich stimmiges, bekanntes und glaubwürdiges Konzept sind. Das Eurosystem ist in diesem Sinne durchaus richtungsweisend.



 
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