Konferenz mit Nachhaltigkeitsversprechen

Der Deutschlandfunk hat noch viel vor


9.1.2012
Via Blog, Twitter, Facebook, Video und Audio, auf Langwelle, DAB+ und Internetstreams im Sonderprogramm "Dokumente und Debatten" berichtete der Deutschlandfunk anlässlich seines 50. Geburtstags ausführlich über den Internationalen Kongress "Der Ort des Politischen in der digitalen Medienwelt". Mitveranstalter war die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, die in diesem Jahr bereits auf ihr 60-jähriges Bestehen zurückblicken kann. Wer nicht im Kölner Kammermusiksaal des Deutschlandfunks dabei sein konnte, hatte dennoch ausreichend Gelegenheit, die spannenden Diskussionen auf den unterschiedlichsten Plattformen zu verfolgen. Am 2. Februar startet der Sender zudem ein neues Debattenportal namens Diskurs@Deutschlandfunk. Dort sollen die in der Konferenz begonnenen Diskussionen über die gesellschaftlichen Konsequenzen der digitalen Revolutionen öffentlichkeitswirksam fortgesetzt werden.

(10. Januar 2012) - Am vergangenen Wochenende feierte der Deutschlandfunk, der am 1. Januar 1962 zum ersten Mal auf Sendung ging, seinen 50.Geburtstag. Eine Buchsbaumfete mit Streichorchester, links und rechts ein Buchsbaum und in der Mitte spricht ein Intendant: So hatte sich Deutschlandradio-Chef Willi Steul die Feierstunde nicht vorgestellt.

Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios (hier auf einer Podiumsdiskussion mit Roger de Weck), begrüßte zum 50. Jubiläum auch viele Gäste ausländischer Medien. Foto: Flickr.dlf50.orgWilli Steul, Intendant des Deutschlandradios (hier auf einer Podiumsdiskussion mit Roger de Weck), begrüßte zum 50. Jubiläum auch viele Gäste ausländischer Medien. Foto: Flickr.dlf50.org
Stattdessen organisierte er "ein wunderbares Familientreffen mit vielen Medienkollegen" und lud gemeinsam mit der Bundeszentrale für Politische Bildung/bpb zu einer Konferenz unter dem Titel "Der Ort des Politischen in der digitalen Medienwelt". Im Mittelpunkt stand die Frage, inwieweit Digitalisierung und Globalisierung die Politik und politische Kommunikation verändern.

Fünf Fragen an das Radio



Thomas Krüger lobte als Mitveranstalter in seiner Eröffnungsrede die Unaufgeregtheit des Radios auch in Krisenzeiten: "Der Hörfunk hat für mein Dafürhalten das unübersehbare Potenzial, Medium des Volkes zu sein - die Stimme der Bürger, der Wähler, der Verbraucher, der Studenten, der Gewerkschafter und Rentner."

Thomas KrügerThomas Krüger
Damit dies auch weiterhin gelänge, müsse sich das Radio jedoch auf seine Authentizität der Anfangszeit besinnen, gerade auch bei kurzlebigen Nachrichtenereignissen seriös zu informieren und verlässlich einzuordnen. Helfen könnten dabei seine »fünf Fragen zur Bedeutung des Hörfunks in der Internet-Ära.«

Rund 550 Teilnehmer passten in den Kölner Kammermusiksaal des Deutschlandfunks. Noch mehr aber verfolgten die Übertragung der Veranstaltung im Radio und Internetstream und erfuhren interessante Hintergründe via Twitter und Facebook.

Die Inhalte



Die Eingangs-Keynote hielt der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch, der seine Thesen zur Bedeutung der Medien in der »"Postdemokratie"« vorstellte. Crouch kritisiert darin das Lavieren der Demokratien zwischen Populismus, Manipulation und ökonomischen Zwängen. Als schlimmste Folgen drohe der Verlust der Glaubwürdigkeit demokratischen Handelns und die Verachtung der Demokratie. Dem widersprach in der anschließenden Diskussion teilweise der Berliner Historiker Paul Nolte, dem "nicht in den Kopf" wollte, warum wir in einer Postdemokratie leben sollten, nachdem gerade das Jahr 2011 sich als Jahr der demokratischen Erneuerung gezeigt habe.

Über die Umbrüche in der arabischen Welt und die Rolle des Internets beim Umsturz in Ägypten unterhielt sich anschließend Thilo Kößler mit dem Filmemacher und Blogger Philip Rizk aus Kairo. Sicher habe das Internet eine große Rolle gespielt. Aber viele Leute auf der Straße, abseits von der Elite, hätten noch niemals ins Internet geschaut. Diese Revolution als "Facebookrevolution" zu bezeichnen, sei "totaler Schwachsinn", sagte Rizk. Gleichwohl räumte er ein, dass das Internet - und vor allem dessen Abschaltung durch die Regierung - einen Einfluss auf den Umsturz hatte. Die Revolution sei jedoch eine Unvollendete, solange das Militär noch bleibt. Und weil die offiziellen Medien nach wie vor über viele Ereignisse nicht berichten, haben Rizk und andere Filmemacher eine Leinwand auf dem Tahrirplatz aufgestellt, um der Bevölkerung Filme zu zeigen, die es nur im Internet gibt. Bekanntheit durch das Internet schütze auch vor Verfolgungen durch den Geheimdienst, berichtete der deutsch-ägyptische Blogger, der selbst 2009 vier Tage gefangen gehalten wurde.

Foto: flickr/dlf50.orgFoto: flickr/dlf50.org
In der folgenden Diskussion um Macht und Ohnmacht des politischen Journalismus, geleitet vom Gründungsintendanten des Deutschlandradios, Prof. Ernst Elitz, stand die aktuelle Diskussion um den amtierenden Bundespräsidenten Christian Wulff, sein Verhältnis zur Presse und die Auswirkungen auf die öffentliche Meinung im Mittelpunkt. "Das Netz ist fertig mit Christian Wulff" wusste dazu Jörg Schönenborn, der Chefredakteur des WDR Fernsehens, aus Online-Abstimmungen zu berichten. Gleichzeitig warnte er davor, das als öffentliche Meinung zu klassifizieren, denn in der "Causa Wulff" herrsche eine völlige Spaltung zwischen Netzgemeinde und "Vox Pop". "Das Netz ist ein Instrument von Denk- und Wortmächtigen, es ist nicht der normale Mann auf der Straße", so Schönenborn.

Um den öffentlichen Wert von Medien im digitalen Zeitalter ging es in der abschließenden Diskussion, hochkarätig besetzt mit Roger de Weck, Generaldirektor der Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft, Deutschlandradio-Intendant Willi Steul, Jeff Rosenberg von NPR (National Public Radio), Steve Hermann von BBC News und bpb-Präsident Thomas Krüger.

Auch das gab es in Köln: Partizipative Tagungsformate



Am zweiten Konferenztag fanden neben den klassischen Podiumsdiskussionen auch Workshops statt, die sich mit neuen Formen politischer Kommunikation in den digitalen Medien beschäftigten. In Köln wurde nicht nur diskutiert, es wurde auch praktisch vorgemacht: Temporeich war zum Beispiel das "Speedlab", geleitet von DRadio Wissen-Netzreporter Markus Heidmeier. Er beschreibt es als "ein neues, experimentelles Tagungsformat. Workshops werden mit einer Speeddating-Komponente kombiniert, um einem breiten Publikum die aktive Mitwirkung an mehreren Workshops zu ermöglichen. Es gibt kurze Eingangsstatements der Referenten, dann steht die Diskussion mit ihnen im Mittelpunkt."

Ob dieses neue Diskussionsformat den Teilnehmern gefallen hat, erfährt man auf der Website der Netzreporter von DRadio Wissen in einem kurzen »Video«.

Nicht mittendrin und doch dabei: Kommunikation total



Bemerkenswert im Zusammenhang mit dieser Konferenz war die Veröffentlichung der Inhalte vor, während und nach der Veranstaltung und die praktizierte Hinwendung des Senders zum öffentlichen Diskurs im Netz. Hier wurde nicht nur Theorie gepredigt, sondern Onlinejournalismus und Social Networking gelebt.
In den Tagen rund um die Konferenz wurden unter dem Hashtag #dlf50 ca. 1800 Kurznachrichten veröffentlicht. Grafik erstellt mit dem Tweetsaver-Programm "The Archivist". (Zur Vergößerung: Klicken)In den Tagen rund um die Konferenz wurden unter dem Hashtag #dlf50 ca. 1800 Kurznachrichten veröffentlicht. Grafik erstellt mit dem Tweetsaver-Programm "The Archivist". (Zur Vergößerung: Klicken)


Via »Website«, »Twitter«, »Facebook«, Video und Audio, auf Langwelle und mit Hilfe von Internetstreaming im Sonderprogramm "Dokumente und Debatten" berichtete der Deutschlandfunk, tatkräftig unterstützt von Studenten der Hochschule Darmstadt und deren Twitteraccount @dlf50stage, von der Veranstaltung. Wer also nicht im Kölner Kammermusiksaal des Deutschlandfunks dabei sein konnte, hatte dennoch ausreichend Gelegenheit, die spannenden Gespräche auf den unterschiedlichsten Plattformen zu verfolgen und gewissermaßen auf der Metaebene die Diskussionen durch eigene Anmerkungen zu bereichern.
Aus virtuellen werden reale Bekanntschaften: via Twitter haben sich Teilnehmer
zum "Tweetup"-Fotoshooting am Rande der Konferenz verabredet. 
Foto: Heinrich Rudolf Bruns alias @HynklAus virtuellen werden reale Bekanntschaften: via Twitter haben sich Teilnehmer zum "Tweetup"-Fotoshooting am Rande der Konferenz verabredet. Foto: Heinrich Rudolf Bruns alias @Hynkl


Flankiert von Studierenden des Studiengangs Online-Journalismus der Hochschule Darmstadt, die die Konferenz bereits vorher und live vor Ort in einem »Semesterprojekt« begleiteten, twitterte der Deutschlandfunk selbst "aus vollen Rohren" und kommunizierte dabei fleißig mit der "Twittergemeinde". Das bescherte dem Sender in den von Journalist Sebastian Pertsch geführten Facebook- und Twittercharts einen kräftigen Zuwachs:

Tweet rockbaerTweet rockbaer


Die Freude des Senders an der echten Kommunikation auf Augenhöhe dürfte Pluspunkte bringen, wie zahlreiche Tweets, hier auszugsweise dokumentiert, belegen:

Danktweet3Danktweet3
Danktweet1Danktweet1
Danktweet2Danktweet2


Beispielhaft dokumentiert seien hier auch konstruktiv kritische Anmerkungen zum Programm:


Kritiktweet2Kritiktweet2
Krtiktweet3Krtiktweet3


Was bleibt: Nachhaltigkeit



»Audios und Manuskripte«der Konferenz bei dlf.de.

Audiobeiträge aus den Sondersendungen zum Geburtstag stehen für die kommenden Monate auf dem »Internetportal des Deutschlandfunks« bereit.

Studenten der Hochschule Darmstadt veröffentlichen weitere Nachberichte, Livemitschnitte und Interviews auf ihrer Website »"Politik. Medien. Öffentlichkeit"«.

Bereits im Netz, doch erst am 2. Februar offiziell am Start: ein neues Debattenportal namens »Diskurs@Deutschlandfunk«. Die in der Konferenz begonnenen Diskussionen über die gesellschaftlichen Konsequenzen der digitalen Revolutionen sollen auf diesem Debattenportal fortgesetzt werden. Dazu werden Wissenschaftler, Politiker und Medienmacher eingeladen, ihre Positionen in Essays und Aufsätzen zu formulieren. Wer mag ist herzlich einladen, sich an diesen Debatten zur Zukunft von Politik, Medien und Öffentlichkeit in Zeiten der Digitalisierung zu beteiligen.

Weitere Impressionen zur Konferenz



Der freie Journalist und Autor Heinrich Rudolf Bruns hat während der Konferenz an einem Hintergrundgespräch mit dem Intendanten des Deutschlandradios, Dr. Willi Steul, teilgenommen. Seine Eindrücke beschreibt er in einem »Blogeintrag bei Google+.«

Frank Bergmann, verantwortlich für die Internetpräsenz der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, twittert privat unter @hildwin und bestückt regelmäßig ein eigenes Blog. Er »beschreibt die Geburtstagskonferenz«als einen sehr guten "Irgendwas-mit-Medien-Kongress", der – fern von Berlin – dennoch mit vielen Hauptstadtleuten gespickt war.

Für Diplom-Informatiker Christian Scholz blieb die Frage nach dem Ort des Politischen in der digitalen Medienwelt unbeantwortet. Kritisch »merkt er in seinem Blog an«, der Kongress sei zu sehr auf die klassische Medienwelt fokussiert, während das Digitale (zumindest bei den meisten deutschen Beiträgen) eigentlich nur als Bedrohung daherkäme.

Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Online-Journalismus in Darmstadt, beschreibt auf der Hochschulsite, wie sich seine Studenten anhand der Konferenz auf das Semesterprojekt »"Prozessjournalismus«" vorbereiteten. In Kooperation mit dem Deutschlandfunk berichteten sie nicht nur live von der Jubiläumsveranstaltung, sondern auch in der Vor- und Nachbereitung. Die Live-Komponente der studentischen Arbeit während der Konferenz habe vor allem im hochfrequenten Einsatz von Twitter bestanden.