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Jugendkultur
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Wie NPD & Co. versuchen Jugendliche zu ködern |
| Romano Sposito |
Wie der Rechtsrock nach Deutschland kam
Rechtsrock ist untrennbar mit dem Namen Ian Stuart verbunden. Mit der englischen Band Skrewdriver war 1977 zunächst eine Punkband entstanden, die er 1982 als erste Rechtsrock-Band neu formierte, heute die unumstrittene Kult-Band der Neonazi-Szene. Skinheadmusik verstand Stuart in erster Linie als Sprachrohr der rechtsextremen Szene und so machten Skrewdriver in ihren Texten keinen Hehl aus ihrer politischen Meinung:
"The streets are still / the final battle has ended / Flushed with the fight / we proudly hail the dawn / See over the streets / the white mans emblem is waving / Triumphant standards of a race reborn" (Refrain des Liedes "Hail the new Dawn").
Mit Blood & Honour gründete Stuart 1985 eine Organisation, die die Nazi-Ideologie einem breiteren Publikum näher bringen sollte. Nebst der Vernetzung und kollektiven Vermarktung der Skinheadbands in ganz Europa, der Organisation von Konzerten und der Entwicklung einer Infrastruktur knüpfte B & H auch Kontakte zu rechtsextremen Organisationen weltweit und baute eigene, internationale Strukturen auf. In vielen Ländern gibt es heute Ableger, so genannte Divisionen.
Gerade in Deutschland sah man aufgrund vieler unbelehrbarer Altnazis aus dem Dritten Reich und ihrer Kinderskinder einen guten Nährboden für rechtsextremes Gedankengut. Außerdem hatten deutsche Neonazis in den 1970er und 1980er Jahren entscheidende Vorarbeit geleistet vor allem die Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten (ANS/NA) und die Nationalistische Front (NF). Beide Organisationen hatten trotz ideologischer Unterschiede unabhängig voneinander das Potenzial, von Jugendsubkulturen erkannt und frühzeitig damit begonnen bevorzugt in Fußballstadien aktiv Propaganda zu betreiben. Rechtsradikale kamen somit in die Fanblocks und prägen in vielen Vereinen bis heute das Bild, lange nach dem die ANS/NA verboten und aufgelöst wurde.
Als sich die Skinheadsubkultur Mitte der 1980er in Deutschland und in deutschen Fußballstadien ausbreitete, war sie daher viel stärker rechtsextrem geprägt als in England. Die organisierte Rechte war gern bereit dieses Potenzial in die politische Arbeit zu integrieren. Peter Dehoust, Mitherausgeber des rechtsextremen Theorieorgans Nation & Europa, forderte 1987, sie müssten sich dieser jungen Deutschen annehmen und froh sein, dass es nicht nur angepasste Deutsche gebe. Es sei Aufgabe, sie für das "Volksganze" zu gewinnen. Um diese Jugendlichen zu erreichen sei es notwendig, sich mit den Modetrends in der Jugendszene ernsthaft zu befassen. Die neue Jugendsubkultur barg neben dem politischen aber auch ein ökonomisches Potenzial. In der Folgezeit entstanden parteinahe Versand- und Produktionsfirmen wie der Klartext-Versand vornehmliches finanzielles Standbein der NF. Außerdem unterhielt die NF mehrere Schulungszentren.
Dennoch war die Szene immer noch überschaubar und gruppierte sich um eine Handvoll deutsche Bands, die ihren internationalen Vorbildern nacheiferten. Die Situation änderte sich erst nach der Wiedervereinigung. Überfremdungsängste und politischer Unmut angesichts von Sozialabbau und wachsender Arbeitslosigkeit wurden von Teilen der Politik und Medien mit Parolen vom "vollen Boot" beantwortet. Eine Welle von Gewalt gegen AusländerInnen und AsylbewerberInnenheime folgte: Hoyerswerda, Rostock und Solingen sind nur die bekanntesten Fanale dieser Gewalt. Auch die Skinhead-Szene wuchs nach dem Mauerfall stark an, oftmals entleert von ihrer ursprünglichen subkulturellen Herkunft. Skinhead sein hieß in jener Zeit vor allem, "stolz auf Deutschland" und "gegen Ausländer" zu sein. Der Refrain des Liedes Rechte Polizei der Gruppe Störkraft spiegelt diese Meinung wider:
"Wir sind Deutschlands rechte Polizei, wir machen die Straßen wirklich frei. Wir sind Deutschlands rechte Polizei, mit deutscher Moral wir bleiben dabei."
Hochkonjunktur Anfang der 1990ger Jahre
Mit der Hochkonjunktur der deutschen Rechtsrockmusik Anfang der 1990er Jahre, weit über die Grenzen der Skinheadsubkultur hinaus, versuchten immer mehr Anbieter am wirtschaftlichen Erfolg teilzuhaben. Durch spektakuläre Fernsehauftritte wurden rechtsextreme Bands wie Störkraft oder Kraftschlag plötzlich einem immer größer werdenden Publikum präsentiert und konnten so öffentlich für sich, ihre Musik, aber auch für ihre Gesinnung Werbung machen.
Nach diesen öffentlichen Auftritten kam es seitens des Staates zu einer Repressionswelle gegen rechtsextreme Musik, rechtes Schriftgut sowie rechtsextreme Organisationen. Dadurch kamen die Produktion neuer Musik und die Durchführung von Konzerten temporär fast völlig zum Erliegen. Der Markt wurde neu geordnet und es formten sich zwei unterschiedliche Geschäftsmodelle heraus. Ein Teil der an diesem Business beteiligten Firmen und Individuen beschränkte sich darauf, legale Platten und Merchandising-Produkte herzustellen und zu vertreiben. Dort wurden alle CDs von Rechtsanwälten geprüft, denn die Indizierung oder die Beschlagnahmung bereits produzierter Alben hätten erhebliche finanzielle Einbußen mit sich gebracht. Produzenten wie Torsten Lemmer und Herbert Egoldt wurde vorgeworfen nur den eigenen Profit im Auge gehabt zu haben und nicht das Wohl der Bewegung.
Organisationen wie Blood & Honour oder die Hammerskin Nation haben hingegen in erster Linie den Ehrgeiz, mit der Musik politische Botschaften zu vermitteln, was aber nicht heißt, dass man nicht auch vom Rechtsrockboom finanziell profitieren wollte. Sie setzten deshalb weiterhin auf gesetzwidrige Formen, um die Musik mit strafbaren Texten vermarkten zu können. Die Indizierung eines Titels gilt in dieser Szene oft erst als Ritterschlag.
Landser als kriminelle Vereinigung
Eine der beliebtesten Bands in diesem Segment war die Neonazi-Gruppe "Landser". Nie hatten Landser auch nur den Versuch unternommen, eine ihrer CDs in den legalen Vertrieb zu bringen. Sie bauten bewusst das Image einer Untergrundband auf. In ihren Songs verbanden Landser Stimmungsmusik mit konkret volksverhetzenden Texten und sangen beispielsweise davon, das Trinkwasser in Berlin-Kreuzberg mit 100.000 Litern Strychnin zu vergiften oder "im feldgrauen Ehrenkleide" in Polen einzumarschieren, um Deutschlands Osten heimzuholen. Des Weiteren fielen Landser dadurch auf, dass ihre Lieder mehrmals zu "Begleitmusik" rechtextremer Gewalttaten wurden. Im August 1999 hatten sieben Neonazis zwei Vietnamesen fast totgetreten und dabei den Landser-Refrain "Fidschi, Fidschi, Gute Reise" skandiert. Im Jahr 2001 führten Ermittlungen wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung zur Verhaftung der vier Bandmitglieder Michael "Luni(koff)" Regener, Andreas "Möhre" Möricke, Christian Wenndorf und Jean-Rene Bauer. Die Gruppe wurde letztinstanzlich im März 2005 vom Bundesgerichtshof als erste Musikband zur kriminellen Vereinigung erklärt.
Neue Tendenzen
Im vergangenen Jahr 2006 wurden laut Innenministerium 114 professionell produzierte Rechtsrock-Tonträger veröffentlicht und 230 bis 240 Konzerte veranstaltet. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 1991 und 1998 1,5 Millionen Rechtsrock-CDs als Originale im Umlauf waren. Bis 2002 wurde die Zwei-Millionen-Grenze sehr wahrscheinlich deutlich überschritten. Originale machen heute aber nur den kleinsten Teil aus. Erheblich höher ist der Anteil von Demo-CDs, kopierten CDs und aus dem Internet herunter geladenen Alben, die in den Zahlen nicht enthalten sind.
Das Internet trug wesentlich zur einfacheren Verbreitung von rechtsextremer Musik bei. Rechtsextremisten verwenden inzwischen auch in wachsendem Maße Web-2.0-Angebote. Da sich Videoplattformen in letzter Zeit insbesondere bei Jugendlichen außerordentlicher Beliebtheit erfreuen, werden diese nun auch von Rechtextremen genutzt. Somit kann man sich kostenfrei einem größeren Publikum, auch außerhalb der Szene, präsentieren. Vor allem aber Tauschbörsen versorgen die rechtsextreme Gemeinde mit musikalischem Futter.
Dadurch ist der Konsumentenkreis von Rechtsrock mittlerweile nicht mehr überschaubar. Für einen Teil von Heranwachsenden gehört die Musik inzwischen zum Standard-Repertoire, andere hören sie parallel zu Rap oder Techno. Verlässliche Zahlen oder Einschätzungen gibt es nicht.
Jugendliche, die über herkömmliche Medien nur schwer erreichbar sind, können über das Internet sehr einfach mit rechtem Gedankengut in Kontakt kommen. Dabei spielt die Faszination strafbarer Inhalte gewiss eine Rolle. Die Gefahr liegt vor allem in der weitgehend risikolosen, anonymen Streuung rechtsextremistischer Propaganda, hauptsächlich über ausländische Provider. Der Effekt auf Jugendliche wird durch das Angebot multimedialer Elemente, d.h. Ton- und Videosequenzen, beträchtlich gesteigert.
Die staatliche Repression bis zur Mitte der 1990er Jahre ist dabei wichtig zum Verständnis der heutigen Situation. Mit dem Boom des Rechtsrock seit Anfang der 1990er Jahre stieg die Anzahl der Bands und der so genannten Fanzines ins Unermessliche. Nach der Repressionswelle blieben vor allem jene übrig, die offen neo-nationalsozialistisches Gedankengut verbreiteten. Diese Bands wechselten häufig zu einem Label im Ausland mit weniger rigider Gesetzgebung.
Der Anbietermarkt in Deutschland hat sich nach der Repression stark differenziert. Dominierte bis zum Anfang der 1990er Jahre quasi als Alleinanbieter das Brühler Label "Rock-O-Rama", gibt es inzwischen eine Vielzahl kleiner Plattenfirmen und Mailorder-Anbieter. Ob sich das Geschäft mit dem Rechtsrock wirklich lohnt, ist aus diesem Grunde umstritten. Denn die gestiegene Konkurrenz verringert den möglichen Gewinn für alle. Die Herstellung einer CD kostet ca. 3 , der Verkaufspreis liegt bei ca. 15 . Auch durch das Herunterladen von Dateien und Brennen von CDs entgeht dieser Szene viel Geld. Die Bands werden oft nur mit einigen Frei-Exemplaren entlohnt, richtige Honorare sind die Ausnahme. Auch der Verfassungsschutz geht davon aus, dass die Szene nicht sehr vermögend ist und deshalb vermehrt auf das Internet setzt, wo das Publizieren sehr billig ist.
23. April 2007 |
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