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Begriffe besetzen oder das Ringen um Wörter


15.7.2010
Neue Mitte, Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit: Wer Wörter besetzt und mit eigenen Inhalten füllt, hat gute Chancen, seine Ideen und Konzepte im öffentlichen Bewusstsein zu verankern und durchzusetzen. Welche Taktiken im Kampf um Wörter gibt es?

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Seit 1973 gibt es die plakative, vom damaligen Generalsekretär der CDU, Kurt Biedenkopf, geprägte Formel vom "Besetzen der Begriffe". Gemeint war damit, dass sich in der politischen Auseinandersetzung derjenige durchsetzt, der Problem- oder Sachverhalte seiner Sichtweise entsprechend benennt und dadurch interpretiert und der seine Argumente sprachlich am besten entwickelt und vermittelt. Diese Formel und die in der Folge eingerichtete "Projektgruppe Semantik" der CDU verdeutlichen, welch hohen Stellenwert die Politik der Rolle der Sprache zumisst.

Nun wird nicht erst seit 1973 um das "Besetzen von Begriffen" gerungen, sondern es geht in der politischen Kommunikation grundsätzlich darum, wer über die Definitionshoheit zentraler politischer Orientierungsvokabeln verfügt. In derartigen Konflikten gibt es verschiedene sprachliche Strategien, mit denen um Wörter gestritten wird.

Wortprägung



Eine Methode ist die der Wortprägung. In den bis zur Wiedervereinigung 1990 geführten Diskussionen über die sogenannte deutsche Frage und die Anerkennung der polnischen Westgrenze bezeichneten Gegner dieser Anerkennung die Grenze als Oder-Neiße-Linie. Der Wortbestandteil Linie sollte deutlich machen, dass die Grenze als ein in der Zukunft aufzuhebendes, willkürliches Provisorium anzusehen sei. Sie unterstrichen damit ihren Anspruch auf die ehemaligen deutschen Ostgebiete. Befürworter nannten sie hingegen Oder-Neiße-Grenze und betonten mit dem Wortteil Grenze den völkerrechtlich verbindlichen, endgültigen Charakter. Im Sprachgebrauch der DDR wurde sie ab 1950 als Friedensgrenze und damit als in Verträgen festgelegt und unaufhebbar bezeichnet. Die Prägung der jeweiligen Bezeichnung ist der Versuch, den eigenen Standpunkt und die eigene Beurteilung des Problems im öffentlichen Bewusstsein zu verankern und durchzusetzen.

Metapher

Eine besonders eingängige Form der Wortprägung ist die Metapher. Metaphern, also Wörter oder Wendungen mit bildhafter, übertragener Bedeutung, sind deshalb so attraktiv, weil sie komplexe Sach- und Problemverhalte vereinfachend und verständlich darstellen. Sie machen den jeweiligen Sach- oder Problemverhalt buchstäblich "begreifbar" und enthalten darüber hinaus oft noch versteckte Argumentationen und Handlungsanweisungen. In den Auseinandersetzungen über die Einwanderungspolitik wurde z.B. mit Ausdrücken wie Ausländer- bzw. Asylantenflut, -schwemme, -strom, -welle, -lawine etc. der suggestive Eindruck hervorgerufen, als handele es sich bei diesen Zuwanderern um eine ungeheuer große, jedenfalls eine viel größere als die tatsächliche Anzahl von Menschen. Zugleich enthielt schon das gewählte Bild die als notwendig betrachtete politische bzw. gesetzgeberische Gegenmaßnahme, nämlich dass gegen die ungewollte, vermeintlich massenhafte Zuwanderung Dämme errichtet werden müssten, also die Einwanderung zu beschränken bzw. das Asylrecht einzuschränken sei. Im "Dritten Reich" trug die stereotype Titulierung der Juden als Parasiten am deutschen Volkskörper, Schädlinge, Blutsauger, Pest, Bazillen etc., die zu bekämpfen bzw. auszurotten oder auszutilgen seien, dazu bei, die jüdische Bevölkerung zu stigmatisieren und auszugrenzen. Diese sprachlichen Bilder, also Krankheiten, die zu heilen, Parasiten, die zu entfernen seien, sollten die von den Nationalsozialisten beabsichtigte Verdrängung der Juden aus dem öffentlichen Leben, ihre Verfolgung und schließlich ihre Ausrottung schlüssig begründen.

Taktiken im Kampf um Wörter am Beispiel Chancengleichheit - Chancengerechtigkeit



Fahnen- und Stigmawörter

Neben der Strategie der Wortprägung lassen sich an einem anderen Beispiel weitere Taktiken im Kampf um Wörter deutlich machen: Ab Mitte der sechziger Jahre etablierte die SPD ihr Fahnenwort Chancengleichheit als Bezeichnung für das von ihr vertretene bildungspolitische Konzept, durch die Einführung von Gesamtschulen bessere Zugangsmöglichkeiten zu höheren Schulen insbesondere für sozial schwächer gestellte Kinder zu schaffen, derart erfolgreich, dass es bis zu Beginn der siebziger Jahre als Hochwertvokabel anzusehen war. Dementsprechend verwendete auch die CDU den Ausdruck zunächst positiv und versuchte, ihn als Fahnenwort mit eigener inhaltlicher Füllung – im Sinne vertikaler und horizontaler Durchlässigkeit im Bildungswesen und Abbau des Bildungsgefälles zwischen Stadt und Land – für sich zu reklamieren. Erst als diese Strategie fehlschlug, gebrauchte die CDU Chancengleichheit ab 1972 als Stigmawort, mit dem sie die Bildungspolitik der sozial-liberalen Regierung angriff. Sie interpretierte den Wortteil gleich als "Gleichmacherei in der Bildung" und versuchte so, die positive Nebenbedeutung des Ausdrucks zu demontieren. Daneben versuchte sie ab Mitte der siebziger Jahre, mit der Vokabel Chancengerechtigkeit ein eigenes Fahnenwort einzuführen, das die SPD wegen seiner "Unbestimmtheit" ablehnte. Chancengerechtigkeit konnte sich jedoch im öffentlichen Sprachgebrauch kaum durchsetzen und wird heute nur noch selten verwendet. Chancengleichheit hat mittlerweile – auch weil der Ausdruck inzwischen in anderen gesellschaftlichen Bereichen benutzt wird – wieder einen ähnlichen parteiübergreifenden Stellenwert als Programm- und Zielvokabel wie in den sechziger Jahren erreicht.

Konkurrenz- oder Gegenvokabeln

Hier zeigen sich zwei weitere sprachliche Strategien: Man versucht, sich des Fahnenwortes eines Gegners zu bemächtigen, also ein Wort mit anderen Inhalten zu füllen, es umzudeuten, oder man versucht, ein vom politischen Gegner benutztes Fahnenwort zu diskreditieren, es gleichsam seiner positiven Bedeutung zu berauben. Indem z.B. ein Wortbestandteil eines zusammengesetzten Ausdrucks (also gleich in Chancengleichheit) oder eine Teilbedeutung eines Wortes auf eine vermeintlich "eigentliche" oder "ursprüngliche" Bedeutung zurückgeführt, d.h. remotiviert wird, wird versucht, dem Gesamtausdruck eine andere, negative Bedeutung zu geben. Mit der Prägung einer Konkurrenz- oder Gegenvokabel verfügt man zugleich über ein eigenes Fahnenwort, das sich gegen das gegnerische ausspielen lässt, es im besten Fall ablösen kann. Ein weiteres aktuelles Beispiel dafür ist die Verwendung der Wörter Gemeinschaftsschule und Einheitsschule in der politischen Auseinandersetzung um die Abschaffung bzw. Beibehaltung des gegliederten Schulsystems. Während Gemeinschaftsschule von den Befürwortern der Abschaffung verwendet wird und damit vor allem das gemeinsame Lernen betont werden soll, spielt die Gegenvokabel Einheitsschule mit dem Bild von Gleichmacherei.



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