18.3.2008 | Von:
Inge Seibel-Müller

"Die Betriebstemperatur ist gestiegen"

Lokalradios vor der Digitalisierung

Der technische Standard steht zwar noch nicht fest, doch spätestens 2009 wollen die öffentlich-rechtlichen und landesweiten privaten Sender mit einem "Big Bang" die Digitalisierung starten. Die Lokalradios in Nordrhein-Westfalen rüsten sich auf ihre Weise für die Zukunft, wie das Beispiel von Radio Bielefeld zeigt.

"In keinem Land Europas ist die Digitalisierung des Hörfunks so blockiert wie in Deutschland", schrieb der Medienexperte Bernt von zur Mühlen im "Medienboten", als die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) Ende Januar ARD und Deutschlandradio die DAB-Millionen für die Gebührenperiode 2009 bis 2012 strich. Ein Kernproblem liegt sicher darin, dass sich die Akteure bisher auf keine einheitliche technische Norm für die digitalen Übertragungswege einigen konnten.

Nach Meinung von Experten ist DAB (Digital Audio Broadcasting) für die kommerziellen Lokalradios ohnehin keine ideale Lösung, da lokale Radioprogramme sich vermutlich weiträumig überschneiden würden. Ein ganz neuer Kampf um den Werbekuchen könnte dann entbrennen. Die Investitionskosten für einen Umstieg auf Digitalradio sind noch nicht absehbar, Geschäftsmodelle gibt es kaum.
Blick ins Sendestudio von Radio Bielefeld.Blick ins Sendestudio von Radio Bielefeld.


"Darum werden wir auch erst mal abwarten, was die Landesregierung entscheidet", meint Andreas Heine, Chefredakteur von Radio MK im nordrhein-
westfälischen Iserlohn. Er sieht derzeit noch keinen Handlungsbedarf. Heine befürchtet jedoch, dass der Lokalfunk bei der Digitalisierung aufgrund der technischen Besonderheiten außen vor bleiben könnte. Mario Gongolsky, Medienjournalist mit Themenschwerpunkt Computer, Internet und (Digital)Radio, hat gar Visionen vom lokalen Radio als "analogen Stubenhockern". Diese beschreibt er in seinem Artikel "Digitalradio: Big Bang für Big Business" auf www.rein-hoeren.de.




"Noch haben wir nichts versäumt"


Auch Martin Knabenreich, Chefredakteur von Radio Bielefeld, geht eher pragmatisch an das Thema heran: "Wir warten ab, noch haben wir ja nichts versäumt." Seine Mitarbeiter versucht er mit Fachartikeln zum Thema und durch Workshops für den allseits erwarteten Umbruch zu sensibilisieren. Denn spätestens 2009 wollen die öffentlich-rechtlichen und landesweiten privaten Sender mit einem "Big Bang" die Digitalisierung starten. Die Industrie für Endgeräte sieht die Voraussetzungen für gegeben. Auf einem Workshop am 3. März im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie mit 120 Vertretern aus Politik und Medienwirtschaft kündigten namhafte Hersteller an, zum Start des neuen digitalen Radios 2009 die für diesen Standard erforderlichen Empfänger anbieten zu können. Diese Radios werden auf jeden Fall auch die UKW-Programme weiter empfangbar machen.

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Die Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz (LMK) und die FH Kaiserslautern testen derzeit den störungsfreien Einsatz von DRM+ und HD-Radio im UKW-Bereich. Ausführliche Ergebnisse werden im Mai des Jahres erwartet. Zur Fußball-Europameisterschaft im Sommer will der Plattformbetreiber Mobile 3.0 erstmalig flächendeckend Handy-Fernsehen im Standard DVB-H ausstrahlen. Als Radio-Sender mit dabei sind dann neben den "Digital 5" (Radio Hamburg, ffn, Hitradio Antenne, FFH, Antenne Bayern) auch bigBuddy (bigFM) und KickFM, das Sportradio von der Regiocast.

Der Internetauftritt von Radio Bielefeld.Der Internetauftritt von Radio Bielefeld.


Inzwischen "übt" Martin Knabenreich mit seinen Mitarbeitern eine idealere Verknüpfung von UKW-Radio mit dem Internet. Stolze 5000 Mal wird der regelmäßige Podcast mit Beiträgen über den Fußball-Bundesligisten Arminia Bielefeld herunter geladen. Durch Sponsoring sei damit durchaus Geld zu verdienen. "Wir haben auch einen Teil unserer Gewinnspiele ins Netz verlagert. Das tut der Antenne gut und befriedigt die Bedürfnisse unserer Hörer - oder User, denn gespielt wird immer noch gern", sagt Knabenreich.

Uni-Themen oder Sandkastenspiele

Der Arbeitsaufwand für den einzelnen Mitarbeiter hat sich ohne Frage intensiviert. Zeitlich wird es manchmal eng. Bis zu drei Beiträge liefern die Redakteure täglich ab. Ganz klar gilt jedoch - noch - die Devise: "Radio zuerst"! "Die Betriebstemperatur ist gestiegen", beschreibt Knabenreich die momentane Stimmung im Sender. In seiner Schublade liegen Planspiele für ein mögliches Jugendradio mit lokalem und regionalem Content. "Wir denken da an Partydating, Uni-Themen und Sport. Es kann aber auch einfach ein Sandkastenspiel bleiben."

Martin Knabenreich ist Chefredakteur von Radio Bielefeld. Foto: Radio BielefeldMartin Knabenreich ist Chefredakteur von Radio Bielefeld. Foto: Radio Bielefeld
In der schönen neuen digitalen und Internetwelt gilt es die Marke zu pflegen und zu stärken. Auch daran arbeitet derzeit Radio Bielefeld. "Wir wollen der Ansprechpartner sein, die Klammer für alles aus Bielefeld. Auch wer im fernen Ausland weilt, der soll die relevanten Infos aus der Heimat ganz klar bei unserem Lokalradio finden", definiert Chefredakteur Knabenreich die eigenen Ziele. "Total lokal", dieses Motto der Lokalsender aus NRW hat wieder höchste Priorität. Für den Mai ist der Start eines neuen Portals geplant. Radio Bielefeld testet Spielplätze und stellt Fotos und Berichte ins Internet. "Diese Themen sind ganz nah dran an den Bedürfnissen unserer Zuhörer. Es wird uns bestimmt noch so einiges einfallen", ist sich Martin Knabenreich sicher.

LfM macht Druck in Sachen Digitalisierung


Die Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen (LfM) macht offenbar Druck in Sachen Digitalisierung des Hörfunks in NRW. In den vergangenen Tagen starteten die Düsseldorfer ein öffentliches Anhörungsverfahren in Form eines breitgestreuten Fragebogens, den jeder auf den Seiten der LfM downloaden kann (PDF-Dokument). Als zweiter Schritt ist ein Workshop Mitte April 2008 in Düsseldorf geplant. Begleitend stellt die LfM das Grundlagenpapier Situationsbeschreibung digitaler Hörfunk in Deutschland und NRW (PDF-Dokument) zur Verfügung, das alle Interessenten über den Entwicklungsstand und die Potenziale von Digitalradio informiert. Erarbeitet wurde dieser Bericht von der Strategieberatung Goldmedia, die im Auftrag der LfM auch den Konsultationsprozess betreut.