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Interview: Was ist Open Source?

Zirkulieren plus Zahlen


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Volker Grassmuck
Wenn man sich die Produzenten von Open Source-Software anschaut: Was treibt sie an, etwas kostenlos wegzugeben? Was ziehen sie daraus?

Zunächst einmal die Leidenschaft am Programmieren. Es gibt verschiedene Motive und verschiedene Leute, die sich an freien Software-Projekten beteiligen – unter anderem solche, die von Firmen dafür bezahlt werden, da ist es natürlich etwas anders. Was man aber häufig sieht, ist, dass Leute einen Tagesjob haben und programmieren, was ihnen ihr Vorgesetzter sagt. Dann kommen sie abends nach Hause, und während sich andere vor den Fernseher setzen, setzen sie sich vor den Computer und programmieren weiter – diesmal aber das, was sie selber interessant, wichtig finden, was ihnen Befriedigung bereitet.

Das ist in anderen Wissensformen ganz ähnlich: Menschen machen Musik, weil sie Spaß daran haben. Sicher gibt es Leute mit naiven Vorstellungen, dass sie einmal so reich und berühmt werden wie die Rolling Stones; davon gibt es aber nicht so wahnsinnig viele. In der Regel ist es die Befriedigung aus der Tätigkeit selber.

Ganz häufig ist die Motivation fürchterlich pragmatisch: Ein Problem muss gelöst werden. Open-Source-Programmierer sind Spezialisten, die Instrumente und Kenntnisse an der Hand haben, um dieses Problem zu lösen. Da sie davon ausgehen, dass sie nicht die einzigen sind, die dieses Problem haben, geben sie die Lösung, die sie entwickelt haben – die vielleicht nur eine Skizze ist, um etwas jetzt mal schnell zum Laufen zu bringen –, raus an die Community. Jemand anderes hat nun tatsächlich das gleiche Problem, nimmt sich die skizzenhafte Lösung, und gibt sie verbessert wieder zurück. Der Dritte kommt, verbessert wieder ein bisschen, und so entsteht etwas, das für viele Leute nützlich ist. Und der erste, der seine Lösung aus einer Ad-hoc-Situation geschrieben hat, kommt wieder in diese Situation, und bekommt dann etwas, das schon viel ausgereifter ist, weil andere Leute daran weitergearbeitet haben.

Eine weitere, wichtige Befriedigung und Motivation ist in jedem Fall, dass die Leute Feedback, Anerkennung bekommen für etwas, das gut ist; dass sie etwas lernen können. Denn es sind ja nicht nur die Cracks, die an freier Software mitarbeiten. Viele begreifen das als eine Lernerfahrung. Freie Software ist so vollständig dokumentiert wie kein anderes Wissensgebiet. Alles, was man über freie Software wissen muss, wissen kann, ist frei im Internet zugänglich.

Und es gibt eine Community, die Leute bei Fragen unterstützt. Das ist durchaus nicht unproblematisch, weil der Umgangston in diesen Communities sehr rüde sein kann. "RTFM" ist eine Antwort, die man dann häufiger auf Fragen bekommt, also "Read The Fucking Manual", "Lies das verfluchte Handbuch: Da steht es, belästige uns nicht mit Anfängerfragen, die irgendwo bereits beantwortet sind." Aber wenn es tatsächlich neue Fragen sind, dann sieht die Community das auch als Herausforderung und sagt: "Ja, Mensch, in der Situation sind wir noch nicht gewesen, dafür müssen wir jetzt gemeinsam Antworten finden." Und alle Beteiligten haben am Schluss etwas gelernt.

Warum sollte ich als Konsument auf ein Open-Source-Produkt umsteigen, wenn ich proprietäre Produkte habe, mit denen ich gut arbeite?

Die einfache Antwort ist: Es kostet kein Geld. Proprietäre Software hat man, aber die bleibt natürlich nur nutzbar, wenn man die entsprechenden Updates kauft, wenn man bei neuen Versionen mit dabei bleibt. Wenn die Hardware sich weiterentwickelt und die Software auf der neuen Hardware nicht mehr läuft, muss man wieder zum Hersteller gehen und die nächste Version kaufen. Die pekuniäre Seite spielt also definitiv eine Rolle.

Aber auch der Support ist wichtig: Call Center, die in der Regel für den Support proprietärer Software verwendet werden, sind eben Call Center. Da sitzen Leute, die einen bestimmten Fragenkatalog auf dem Bildschirm haben. Dann ruft jemand an, sie suchen die passende Frage und lesen die passende Antwort dazu vor.

In der freien Software geschieht der Support durch die Community, aber auch durch kommerzielle Firmen, die den Support als Dienstleistung anbieten. Als Privatnutzer wird einen das nicht betreffen, aber wenn man als Firma darauf angewiesen ist, dass die Software, mit der man arbeitet, auf der das eigene Geschäftsmodell beruht, rund um die Uhr einsatzfähig ist, dann wird man häufig die Erfahrung machen, dass die Unterstützung für freie Software besser, zeitnäher, kostengünstiger ist. Und schließlich kann es einem passieren, dass man zwar bereit ist, das Geld für die neueste Version zu bezahlen, aber der Hersteller beschlossen hat: "Dieses Produkt interessiert uns nicht mehr, wir entwickeln es nicht mehr weiter."

Auf einem Workshop hier auf den "Wizards of OS" hat ein Künstler von dieser Erfahrung berichtet: Er hat viel mit einer Musikprogrammierumgebung auf dem Macintosh gearbeitet. Und Apple hat dann irgendwann gesagt, dass es keinen Markt mehr dafür gibt. Nun hat er aber ganz viel Arbeit dort hineingesteckt, in Dateien, die spezifisch sind für dieses Programm. Die kann man nicht einfach auf einem anderen Programm abspielen, geschweige denn weiter bearbeiten. Selbst wenn er jemand dafür bezahlen wollte, die Software an die aktuelle Hardware anzupassen, wird er das nicht tun dürfen, weil die Lizenzen das nicht erlauben. Apple behält sich vor, diese Entwicklungen ausschließlich selber vorzunehmen, und hat in diesem Fall beschlossen: Sie machen das nicht.

Das sind Energie, Arbeit, Lebenszeit, Leidenschaft, die dort hineingegangen sind, und eine Firma trifft eine Entscheidung, und das künstlerische Werk, die Lebenserwerbsgrundlage wird vom Tisch gewischt.

Aber bei freier Software wäre er ebenso fremdbestimmt. Er wäre nicht auf die Entscheidung der Firma angewiesen, aber auf die Entscheidung der Community, dass es Sinn und Spaß macht, die Software weiterzuentwickeln. Wer garantiert ihm das?

Das garantiert ihm natürlich niemand. Die Communities bewegen sich auch in ihrer eigenen Dynamik, sie entdecken neue Probleme, und alte interessieren dann nicht mehr so sehr. Aber wenn es genug Leute gibt, die mit diesem Programm arbeiten, dann ist es auch ziemlich sicher, dass es Leute gibt, die die Software weiterentwickeln, auf neue Hardware portieren. Vor allem aber wird er, wenn er das möchte, jemanden dafür bezahlen können, sich den Sourcecode zu nehmen und diese Anpassungen vorzunehmen. Wenn es also nicht Community-gestützt geschieht, ist der rechtliche Status von freier Software derart, dass man es selber machen oder jemanden dafür bezahlen kann.



05. Januar 2007

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